Zu sauber für die Fische

Der Brienzersee hat die schweizweit niedrigste Phosphatkonzentration. Die betreffenden Gewässerschutzmassnahmen haben nun aber Auswirkungen: Fehlt Phosphor im Wasser, geht den Fischen die Nahrung und den Berufsfischern die Arbeit aus.

Einsam auf dem Wasser: Die zwei letzten Berufsfischer auf dem Brienzersee fürchten um die Existenz ihres Berufsstandes.

Einsam auf dem Wasser: Die zwei letzten Berufsfischer auf dem Brienzersee fürchten um die Existenz ihres Berufsstandes.

(Bild: Michael Schneeberger)

Beat Abegglen möchte eigentlich gerne, dass seine eigenen Kinder in zehn Jahren im Brienzersee auch noch einen Brienzlig fangen könnten – ein Exemplar jener Art, von deren Fang er hauptsächlich lebt: den Felchen. Manchmal zweifelt er daran, ob das möglich sein wird. Abegglen ist Berufsfischer. Seit zehn Jahren allerdings reicht der Fangertrag nicht mehr aus, um davon leben zu können. Abegglen fischt deshalb nur noch in der freien Zeit, die ihm seine Berufstätigkeit ausserhalb der Fischerei erlaubt. «Die Berufsfischerei», sagt Abegglen, «ist für mich seit Jahren ein teures Hobby». Seinem Berufskollegen Hanspeter Kaufmann geht es nicht viel anders. Seit 35 Jahren arbeitet er als Berufsfischer, nächstens wird er pensioniert. Zum Glück, wie er sagt. Denn sein Beruf hat keine Zukunft mehr: «Mit der Fischerei kann man kein Einkommen mehr generieren.» Abegglen und Kaufmann sind die beiden letzten Berufsfischer am Brienzersee – noch bis Mitte der 1990er-Jahre waren sie zu fünft.

Die Situation ist geradezu paradox: Die Fischbestände nehmen nämlich ab, weil der See zu sauber ist. Organismen, die Fischen als Futter dienen, ernähren sich unter anderem von Phosphor. Doch die Gewässerschutzmassnahmen der vergangenen Jahrzehnte – etwa das seit 1986 geltende Phosphatverbot in Waschmitteln – liessen die Phosphorkonzentration in den Gewässern zurückgehen. So hat der Brienzersee heute die tiefste Phosphorkonzentration aller grösseren Schweizer Seen. Er nähert sich bezüglich des Phosphateintrags damit wieder einem ökologischeren Zustand – allerdings mit unbeabsichtigten Folgen.

Wo sind die Wasserflöhe?

Seit 2008 fehlen die Wasserflöhe im Brienzersee fast vollständig. Das Ausbleiben dieser für die Fische so wichtigen Futterorganismen hat Konsequenzen: Felchen und Brienzlig wachsen heute viel langsamer. So teilt es die Volkswirtschaftsdirektion in ihrer Medienmitteilung mit. Berufsfischer Abegglen formuliert es allerdings schärfer: «Wir Fischer sind heute klar der Meinung, dass diese Fischarten vom Aussterben bedroht sind.» Denn die Fische wachsen nicht nur langsamer, sondern pflanzen sich teilweise auch nicht mehr fort.

Waren vierjährige Brienzlige 1995 noch ungefähr 26 Zentimeter lang, erreichen sie heute noch eine Länge von ungefähr 18 Zentimetern. Oder anders ausgedrückt: Brauchte es früher 5 Felchen für ein Kilogramm Fisch, müssen heute 25 bis 30 Stück gefangen werden, um dasselbe Gewicht zu erreichen.

Und: Seit dem Jahr 2008 treten bei den Felchen gehäuft Exemplare ohne Geschlechtsorgane auf, und in den Sommermonaten der Jahre 2009 und 2010 waren über die Hälfte der Brienzlige steril. Damit hat sich ein bekanntes Problem noch verschärft: Bis anhin gaben vorab Änderungen an den Geschlechtsorganen der Felchen im Thunersee Anlass zur Besorgnis. Dass sich diese Fischart im benachbarten Brienzersee nun nicht einmal mehr fortpflanzt, das ist neu.

Berufsfischer Abegglen ist überzeugt, dass die Fische wegen des knappen Nahrungsangebots «keine Reserven mehr haben, um ihre Geschlechtsorgane ausbilden zu können». Wissenschaftlich ist diese Hypothese noch nicht gänzlich geklärt.

Die Frage ist allerdings, ob die Futterorganismen der Fische wirklich deshalb fehlen, weil ihnen wiederum ihr eigenes Futter, das Phosphat, langsam ausgegangen ist. Wasserflöhe zum Beispiel reagieren nämlich auch dann höchst empfindlich, wenn sich Schadstoffe im Wasser befinden. Könnte es also auch sein, dass ein bisher unbekannter Stoff Schuld an der Futterknappheit der Fische im Brienzersee hat? Für Fischereiinspektor Thomas Vuille sowie Markus Zeh vom Amt für Wasser und Abfall ist dies praktisch ausgeschlossen. Es gebe keine konkreten Hinweise darauf, dass die Wasserqualität nicht in Ordnung sei.

Damit die Nährstoffe für die Fische wieder zunehmen, könnte zum Beispiel die Phosphatkonzentration im See erhöht werden. Möglich wäre das, indem die Reinigungsleistung der Kläranlagen etwas zurückgefahren würde. Ohne Lockerung der Gewässerschutzbestimmungen auf Bundesebene ist dies allerdings kaum möglich – und mit einem solchen Anliegen will man beim Kanton nicht vorpreschen. Denn damit würden quasi die Errungenschaften des Gewässerschutz in Frage gestellt. Und: «Es wäre ein Experiment mit ungewissem Ausgang», sagt Markus Zeh vom Amt für Wasser und Abfall.

Fischer wünschen Experiment

Doch gerade eine solche Experimentierfreudigkeit, das würde man in Fischereikreisen schätzen. Denn: «Bis jetzt war der Kanton Bern bezüglich der Fischerei immer Vorreiter und zeigte sich innovativ. Hier würde sich nun die Möglichkeit bieten, wieder etwas zu tun», sagt Beat Abegglen. Ihm sei allerdings auch klar, dass der Kanton Bern wegen der Existenz zweier Berufsfischer nicht unbedingt etwas ändere. Aber: «Im Grundsatz geht es doch um viel mehr. Es geht um die Frage, ob wir auch weiterhin einheimischen Fisch auf unseren Tellern haben oder diesen künftig lieber von weit her einfliegen lassen wollen.»

Zwar hat Abegglen noch Abnehmer für seine immer magerer gewordenen Fische – die Frage ist, wie lange noch. Und: «Irgendwann gehen dann auch den Fischen im nächsten See die Nährstoffe aus.»

Der Bund

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