Zentralrat provoziert weiter

Mit einem an den Judenstern erinnernden Symbol wirbt der Islamische Zentralrat für seine morgige Kundgebung gegen Islamophobie. Andere Muslimverbände distanzieren sich, Juden schütteln den Kopf.

2006 demonstrierten Muslime erstmals auf dem Bundesplatz, gegen die Mohammed-Karikaturen.

2006 demonstrierten Muslime erstmals auf dem Bundesplatz, gegen die Mohammed-Karikaturen. Bild: Adrian Moser

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Bundesplatz gehört am Samstagnachmittag den Muslimen. Mit einem «Tag gegen Islamophobie und Rassismus» wollen sie auf die Diskriminierung von Muslimen in der Schweiz aufmerksam machen. Zwischen 14 und 17 Uhr treten eine ganze Reihe illustrer Rednerinnen und Redner sowie Musikgruppen auf. Angekündigt ist zum Beispiel die Schwägerin von Tony Blair, Lauren Booth, die sich seit ihrer Konversion für die Rechte der Muslime einsetzt. Oder Muamer Zukorlic, Mufti der islamischen Gemeinschaft in Serbien. Auch die Führungsriege des umstrittenen Islamischen Zentralrats der Schweiz (IZRS), der den Anlass organisiert, wird auf dem Bundesplatz sprechen. Anlass und Rednerliste sind von der Gewerbepolizei bewilligt. Radikale Islamisten wie etwa Pierre Vogel wurden diesmal nicht eingeladen. Für die letzte Kundgebung des Zentralrats auf dem Bundesplatz nach der Minarettabstimmung war eine Einreisesperre gegen den deutschen Prediger erlassen worden.

«Muslimstern» auf Bundesplatz

Mit Provokationen hält sich der Zentralrat aber auch diesmal nicht zurück. Für seine Veranstaltung wirbt er mit einem gelben Stern mit der Aufschrift Muslim (siehe Bild links). Er prangt auf Klebern, T-Shirts und Flyern und wird laut IZRS-Präsident Nicolas Blancho am Samstag auch auf dem Bundesplatz präsent sein. Die Analogie ist klar: Die Muslime sind die Juden von heute. Während des Zweiten Weltkriegs mussten Juden in Deutschland und weiteren Ländern den gelben Stern als Kennzeichen tragen. Für die Nationalsozialisten war er ein Hilfsmittel zur Vorbereitung der Deportationen und Umsetzung des Holocausts.

Bei Edith Bino löst der «Muslimstern» nur Kopfschütteln aus. «Mich kann man damit nicht provozieren», sagt die Präsidentin der Jüdischen Gemeinde Bern, die Aktion sei dermassen offensichtlich daneben, dass man sie gar nicht ernst nehmen könne. Auch Yves Kugelmann, Chefredaktor der jüdischen Zeitung Tachles, findet die Provokation «einfach blöd». «Es ist bedauerlich, wenn berechtigte Anliegen mit falschen Vergleichen vorgebracht werden», sagt Kugelmann. Islamophobie sei in der Schweiz ein Thema, auf das man ernsthaft aufmerksam machen müsse. «Aber nicht auf diese billige Art.»

Nicolas Blancho steht dazu, mit dem gelben Stern bewusst auf Provokation gesetzt zu haben. «Wir wollen eine Debatte auslösen und zeigen, dass die Diskriminierung von Muslimen in der Schweiz eine Tatsache ist», sagt der Zentralratspräsident. Dass er mit dem Stern die Situation der Juden in Nazideutschland mit jener der Muslime in der Schweiz von heute gleichsetzt, bestreitet er hingegen. Es gehe nur darum, gewisse Gemeinsamkeiten zwischen Antisemitismus und Islamophobie aufzuzeigen: «Auch Muslime werden heute als Bürger zweiter Klasse behandelt und beispielsweise wegen ihres Kopftuchs oder ihres Namens bei der Lehrstellen- oder Wohnungssuche benachteiligt.»

Verstärkt Anlass Islamophobie?

Dass generelle Vorurteile gegenüber Muslimen in der Schweiz zunehmend verbreitet sind, wird auch von der Eidgenössische Kommission gegen Rassismus bestätigt. Wie die Öffentlichkeit für das Thema sensibilisiert werden soll, darin sind sich aber nicht einmal die muslimischen Verbände einig. Der Zentralrat erntet mit seinem offensiven und provokativen Vorgehen denn auch Kritik von Muslimen. «Mit diesem Festival wird die Islamophobie nur noch verstärkt», sagt Hisham Maizar, Präsident der Föderation Islamischer Dachorganisationen Schweiz.

Zusammen mit der Koordination Islamischer Organisationen Schweiz wird er heute eine offizielle Stellungnahme der Islamischen Verbände herausgeben. «Darin wenden wir uns klar und deutlich gegen die Aktion des Zentralrats», nahm Maizar gestern vorweg. «Wir legen Wert auf geduldigen Dialog und Kooperation mit den Behörden und der Zivilbevölkerung.» Auch Maizar, der seit 43 Jahren in der Schweiz lebt, betont aber: «Vor der Thematik dürfen wir die Augen nicht verschliessen.» Die Fälle von Diskriminierung im Alltag hätten in den letzten zehn Jahren tatsächlich massiv zugenommen.

Den Vorwurf, der Zentralrat schüre mit seinen Aktionen die Islamophobie, bestreitet Nicolas Blancho. «Wir geben den Muslimen die Möglichkeit, öffentlich über einen Missstand zu sprechen. Zu schweigen und sich vor dem Problem zu drücken, kann keine Lösung sein», sagt der Zentralratspräsident. Sein Verein mit Sitz in Bern wurde im Vorfeld der Minarettabstimmung gegründet, zählt heute nach eigenen Angaben über 2000 Mitglieder in der ganzen Schweiz und verfügt über professionelle Strukturen. Tonangebend sind Schweizer Konvertiten. Mobilisiert wird vor allem über neue Medien wie Twitter, Youtube oder Facebook. Für die Veranstaltung vom Samstag werden gegen 2000 Teilnehmer erwartet. Das Budget beträgt laut IZRS 50 000 Franken. Das Geld stammt laut Blancho von Schweizer Spendern und Donatoren. (Der Bund)

Erstellt: 28.10.2011, 08:31 Uhr

Homosexuelle und Muslime

Gleichzeitig mit dem Tag gegen Islamophobie finden am Samstag auch die ersten Queergames Bern statt. Rund 160 homosexuelle Sportler aus dem In- und Ausland werden sich in verschiedenen Sportarten messen.

An sich haben die beiden Veranstaltungen nichts miteinander zu tun. Tatsache ist aber, dass Schwule in vielen muslimischen Ländern brutal verfolgt und bestraft werden. In einigen Staaten droht gar die Todesstrafe. «Es wäre sehr wünschenswert, wenn sich der Zentralrat von der Diskriminierung der Homosexuellen distanzieren würde», sagt René Böhlen, Mitorganisator der Queergames.

Diese Gelegenheit nutzt Zentralratspräsident Nicolas Blancho nicht. Er sagt nur: «Wir leben in einem pluralistischen Staat und jeder hat das Recht für seine Lebensart einzustehen.» Seine persönliche Haltung tue hier nichts zur Sache.

Werbekleber für die Demonstration des Islamischen Zentralrates in Bern von Samstag.

Abo

Das digitale Monatsabo Light für Leser.

Nutzen Sie den «Bund» digital im Web oder auf dem Smartphone. Für nur CHF 19.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Werbung

Immobilien

Die Welt in Bildern

Auch ein Rücken kann entzücken: Ein Elefant zeigt sich im Joburg Zoo in Johannesburg nicht gerade von der besten Seite (18. August 2017).
(Bild: Kim Ludbrook) Mehr...