Zehn Menschen erzählen, wie sie sich durchs Leben «boggsen»

In der Schweiz gibt es viele Analphabeten. Im Film «Boggsen» des Berner Regisseurs Jürg Neuenschwander erhalten sie ein Gesicht.

Der Filmemacher Jürg Neuenschwander. (Adrian Moser)

Der Filmemacher Jürg Neuenschwander. (Adrian Moser)

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André Reithebuch ist mit seiner Offenheit die grosse Ausnahme: Lesen und Schreiben habe ihn nicht interessiert, gab der Mister Schweiz des Jahres 2009 einer erstaunten Öffentlichkeit zu Protokoll. Er habe in der Schule viel abgeschrieben und sei halt einfach «durchgeschlüpft». Reithebuch kennt die Buchstaben, kommt beim Lesen und Schreiben aber rasch an seine Grenzen. Er ist ein Fall von funktionalem Analphabetismus oder Illetrismus, wie die Fachleute heute sagen. Laut Studien sind rund 800 000 Menschen in der Schweiz funktionale Analphabeten. Im Kanton Bern dürften es über 80 000 sein.

Die Überwindung der Scham

Reithebuch ist eine Ausnahme, weil er in aller Öffentlichkeit zu seiner Schwäche gestanden ist. Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben sind in der Schweiz meist mit Schamgefühlen verbunden. «Wir konnten nicht einfach ein Inserat schalten und die Betroffenen zu einer Mitarbeit beim Film aufrufen», sagt Jürg Neuenschwander, Regisseur des Dokumentarfilms «Boggsen», der dieses Wochenende in Bern Premiere feierte. In «Boggsen» wagen zehn funktionale Analphabeten den Schritt in die Öffentlichkeit. Die Idee zum Film hatte Neuenschwander gemeinsam mit Bruno Remund, dem einstigen Vorsteher der Schulwarte und ehemaligen Präsidenten des Berner Vereins Lesen und Schreiben. In den schweizweiten Lese- und Schreibkursen des Vereins hatten die beiden einen Aufruf zum Mitmachen beim Film lanciert, auf den sich 45 Personen gemeldet haben. «Niemand von ihnen hat von Anfang an definitiv zugesagt, beim Film mitzumachen», sagt Neuenschwander. Die meisten seien zwar zu Gesprächen bereit gewesen, wollten aber erst danach entscheiden, ob sie sich filmen lassen. Zuletzt hätten schliesslich zehn Personen ihre Zusage gegeben – darunter auch André Reithebuch. Zu jedem einzelnen von ihnen hat Neuenschwander eine Beziehung aufgebaut. «Nach dem Dreh konnte ich nicht einfach weggehen und die Leute wieder sich selber überlassen.» So sei es wichtig gewesen, den Film vor der Veröffentlichung mit den Beteiligten anzusehen.

Das Engagement des Kantons

Der Kanton Bern hat die Produktion von «Boggsen» mit 120 000 Franken unterstützt. Das Kurswesen des Vereins Lesen und Schreiben werde mit jährlich 260 000 Franken gefördert, sagt Theo Ninck, Leiter des Mittelschul- und Berufsbildungsamtes. Im Rahmen des nationalen Projekts «Literalität in Alltag und Beruf» würden zudem auch Kurse in Lesen, Schreiben und Alltagsmathematik für Angestellte von Unternehmen wie dem Bernapark in Deisswil mitfinanziert. Ninck bezeichnet dieses Engagement als Prävention. Angesichts der härteren Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt gelte es zu verhindern, dass diese Leute ihre Stelle verlören. Ninck möchte in diesem Zusammenhang nicht von einem Versagen der Volksschule sprechen. «Jugendliche haben nicht erst in der 7. Klasse Probleme mit Lesen und Schreiben.» Illetrismus habe sehr viel mit dem Elternhaus und dem Milieu zu tun, in dem die Kinder lebten. Bei einem Teil der Illetristen handle es sich um Menschen mit Migrationshintergrund, die aufgrund ihrer mangelhaften Deutschkenntnisse geringere Chancen auf dem Arbeitsmarkt hätten, sagt Ninck.

Illetrismus in der Bibliothek

Unter den Porträtierten in Neuenschwanders Film gibt es nicht nur den Strassenarbeiter und den Chauffeur, sondern auch einen Grafiker, eine Ernährungsberaterin und sogar eine Bibliotheksmitarbeiterin. Die Herkunft der Leute habe ihn aber weniger überrascht als der Umstand, dass trotz vielen Demütigungen und Ängsten alle ihren Weg gemacht hätten. «Aufgrund von Diskriminierungen haben sie gelernt, ihr Handicap gut zu verstecken», sagt Neuenschwander. Mit Ausnahme von André Reithebuch.

Vorführung: 1. April, 19 Uhr, Politforum Käfigturm Bern. Die DVD ist erhältlich beim Schweizer Dachverband Lesen und Schreiben, 031/389 93 04 oder
dt-ch@lesen-schreiben-schweiz.ch.
(Der Bund)

Erstellt: 21.03.2011, 08:45 Uhr

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