Zalotays Zauberschloss

Architektonische Trouvaille oder provokativer Schandfleck? Gewiss ist nur, dass das denkmalgeschützte Haus des ungarischen Lebenskünstlers Elemér Zalotay in Ziegelried bei Schüpfen allen Stürmen trotzt.

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Die Waldegg, das einst beliebte Ziegelrieder Dorfbeizli, gibt es nicht mehr. Auch das Dorflädeli ist verschwunden. Und auch die Käserei. Doch ausgerechnet das seit Jahren heftig umstrittene skurrile Haus des spleenigen ungarischen Architekten Elemér Zalotay steht noch. Zum Leidwesen etlicher Nachbarn, die dieses «Forschungshaus», wie Zalotay es nennt, als «unordentlich zusammengebastelte Hütte» und als «Schandfleck» betrachten. Und die es, samt seinem eigenwilligen Erbauer und Bewohner, endlich weg haben möchten – «lieber heute als morgen».

Dieses «Ghütt» habe nie hierhergepasst, hört man. Ein Liegenschaftshändler, der nebenan mit konventionellen Einfamilienhäuschen geschäftete, befand einmal, Zalotays Gebäude wirke «auf einen Beobachter mit durchschnittlichem Geschmacksempfinden abstossend und provokativ».

Und der 79-jährige Zalotay selber, der in der Zeit des Ungarn-Aufstands 1956 eigenen Angaben zufolge in seiner Heimat mehrfach inhaftiert war und 1973 «endlich eine Ausreisegenehmigung in die Schweiz» erhielt, bekommt bis heute hautnah zu spüren, dass er hier, im kleinen bernischen Dörfchen Ziegelried in der Gemeinde Schüpfen, für viele noch immer ein Fremder ist. Und ein «Querulant». Einer, der mit seiner eigenwilligen «Ghüder-Architektur» seit Jahren eben provokativ kundtut, dass ihm jedes durchschnittliche Geschmacksempfinden egal ist.

«Reizvolles Märchenhaus»

Doch immerhin: Franziska Würsten, eine von Elemér Zalotays direkten Nachbarinnen, findet sein «Märchenhaus» reizvoll. Und sie hat auch «zu ihm selber einen guten Draht». In dieser ansonsten doch so properen Einfamilienhaussiedlung am Westrand des Schüpfener Dörfchens Ziegelried sei Zalotays Haus ein erfrischend unkonventioneller Akzent: «Das Haus lebt. Und ich bin froh, dass mein Onkel Heinz Würsten es 2003 kaufen konnte.»

Würsten, Baumeister in Zweisimmen, hat offensichtlich Gefallen gefunden an diesem speziellen Objekt. Solange es Elemér Zalotays Zuhause sei, sagt er, werde er jedenfalls nur die notwendigsten Renovationsarbeiten ausführen. So habe er – zusammen mit Zalotay – soeben begonnen, «das Dach abzuräumen, ein neues Flachdach zu erstellen und mit einer undurchlässigen Kautschukfolie abzudecken». Später werde er – im Rahmen der denkmalschützerischen Vorgaben – weiterschauen. «Wer in diesem Haus wohnt», sagt er, «muss handwerkliches Geschick haben. Da wird man immer etwas zu basteln haben.» Zalotay selber bastelt seit 1979 daran. Mit scharfkantigen Blechstücken, mit spitzen Glasscherben, mit Stahlseilen, mit Ketten, mit Holzbauteilen, mit Steinen, mit Recyclingmaterial, das er irgendwo zusammengesucht hat, mit herbeigeschleppten flauschigen Polstersesseln und sonstigem Mobiliar. Und mit Mörtel und Zement.Der Eingangspfad in sein Zauberschloss führt über wild überwucherte Treppenstufen und über eine Art Hängebrücke, die der filigranen Miniatur einer mittelalterlichen Festungsbrücke gleicht und der Belastung erstaunlich gut standhält. Drinnen droht man über unebene Bodenmosaike zu stolpern, hätte aber allenfalls die Chance, sich an ungezählten kreuz und quer aufgespannten Drähten, Seilen, Stricken und Schnüren zu halten oder von Wandbehängen und Teppichen weich aufgefangen zu werden.

Es ist staubig hier, aber trotz faszinierendem Durcheinander erstaunlich sauber, sogar recht ordentlich und wohnlich. Es gibt Verblüffendes zu sehen: das Bett, das, an Seilen aufgehängt, in der Luft schwebt und sich per Flaschenzug heben und senken lässt. Skulpturen, Vasen, Kerzenständer, Körbe. Den mit grün oxidiertem Blech eingefassten Tisch, den Zalotay aus einer Frienisberger Buche geschreinert hat. Eine seiner drei Katzen, die sich vor den ungewohnten Eindringlingen duckt. Bilder, die an Seilen hängen und mit rostigem Blech eingerahmt sind. Steine, die am Ofenrohr hängen – «zwecks Wärmespeicherung», wie Zalotay erklärt. Apfelschnitze, die auf dem Ofen schmoren. Gestelle, die nicht hingestellt, sondern an Hanfseilen aufgehängt sind. Auch ein riesiger Leuchter hängt an einem langen, dünnen Drahtseil.

«Wie Musik von Pink Floyd»

Und wenn man nach oben blickt, an die wie ein permanentes Provisorium anmutende Glas- und Blechdecke, dann staunt man, dass diese zusammengebastelte Herrlichkeit den Gesetzmässigkeiten der Statik zu entsprechen und auch Wind und Wetter zu trotzen vermag. So ganz dicht scheint das Hausgebilde zwar nicht zu sein, da und dort rinnt manchmal etwas Wasser durch Ritzen und Löcher. Und die Küche, das Reich von Zalotays Wohnpartner, ist reizvoll umrankt mit Efeu, das vor Jahren schon begonnen hat, ins Haus hineinzuwuchern. Statt es daran zu hindern, hat man es willkommen geheissen: Auch die Natur soll in Zalotays Wohnparadies ihren Platz haben. Das Grün der Pflanzen verträgt sich gut mit dem Grünspan des recycelten Kupferblechs.

Doch von Harmonie hält Elemér Zalotay wenig. Er schwärmt von Dissonanzen: «Schönheit findet man in Dissonanzen. Mein Haus ist wie Musik von Pink Floyd. Archaisch und modern.» Es sei «ein Zufallsprodukt», das eigentlich Vergangenheit sei. «Das hier», meint er, mit Blick auf Zeichnungen, Skizzen und Pläne, die er plötzlich ausbreitet, sei die architektonische Zukunft. Er brummt etwas von einem «160-stöckigen Wolkenkratzer aus Wasser, abgefüllt in Hunderte von Blechbehältern», womit sich der Bau von Hochhäusern revolutionieren und der Durchschnittsmietzins um fünfzig Prozent reduzieren liesse. Dass noch immer niemand da ist, der seine kühne Vision umsetzen würde, kann er nicht verstehen. Denn er hält nach wie vor für genial, was andere schon als «abstrus», «unrealisierbar» und als reine «Art Vision» abqualifiziert haben.

«Wie aus dem Brockenhaus»

Doch auch wenn Zalotays Streben nach später Anerkennung für seine wirr anmutenden Hochhausvisionen wohl erfolglos bleiben wird, kann er sich immerhin darüber freuen, dass seine verwunschene Bauakrobatik in Ziegelried auch nach über dreissig Jahren und ebenso vielen nachbarlichen Anfeindungen noch immer Bestand hat. Sie hat schon faustgrosse Steine überlebt, mit denen Unbekannte einst die Schlafzimmerscheibe seines «Palais ideal« zertrümmerten. Und sie hat auch einer Petition getrotzt, in der über dreihundert Bürgerinnen und Bürger einst verlangten, das Haus sei «mit Bulldozern niederzuwalzen».

«Diese Nachbarn fühlen sich durch Elemér Zalotays Haus in ihrem Wertsystem direkt angegriffen», sagt der Architekturkritiker und Stadtwanderer Benedikt Loderer: «Das Haus könnte aus einem architektonischen Brockenhaus stammen, es ist undicht, unperfekt», sagt er. Damit führe Zalotay den Nachbarn vor Augen, dass es neben ihren «Hüsli», die sie doch liebevoll aufgebaut hätten, auch andere Wertvorstellungen gebe. Wenn dabei um Formen gestritten werde, sei das nur ein Vorwand. Denn eigentlich sei für die Kritiker nicht das unkonventionelle Nachbarhaus nicht dorfgerecht, sondern «der Typ, der es gebaut hat».

«Ein schönes Stück Architektur»

Dieser «Typ», der unbeirrbare und streitbare Elemér Zalotay, erhielt im Laufe der Jahre aber auch Sukkurs – aus dem In- und Ausland. So sagte etwa der Architekt Urs Grandjean 1984 in einem Interview, Zalotays Haus sei «wertvoller als alle anderen in unmittelbarer Umgebung». So bewunderte die Fachzeitschrift «The Architectural Review» 1986 Zalotays «experimental house» und schwärmte vom neuen Geist («new spirit»), der hier «wie ein Zeichen der Hoffnung» spürbar sei. So riefen Architekturstudenten aus Neapel, die 1984 nach Ziegelried gepilgert waren, in der italienischen Zeitschrift «Domus» dazu auf, das Haus zu retten.

So liess der französische Architekturhistoriker Michel Ragon aus der Ferne verlauten, er sehe da «ein Stück schöne Architektur», neben «bemitleidenswerten» umliegenden Häusern. So brachte es Zalotays Zauberschloss sogar in eine japanische Fachzeitung. Und so setzte sich der bekannte frühere SBB-Architekt Uli Huber 1991 in einem Brief an seine BSA-Architektenkollegen für Zalotays Haus ein: «Es ist nicht nur andersartig. Es ist viel besser, viel diskreter als alles andere, was dort an gebauter trostloser Biederkeit herumsteht. Das gebastelt-gebaute Kunstwerk scheint mir eins mit der Natur zu sein. Wenn es dereinst zerstört ist, wird das grosse Wehklagen anheben. Bitte unternehmt jetzt etwas.»

Hubers Warnruf und die begeisternden Stimmen aus nah und fern verhallten nicht ungehört. Im Juni 1992 beantragte die kantonale Kunstaltertümerkommission, das «Objekt Nr. 366, Schüpfen/Ziegelried, Stapfacker» in das Inventar der geschützten Kunstaltertümer aufzunehmen – befristet auf vierzig Jahre. Die Kommission machte geltend, das «höchst eigenwillige, 1979 gebaute und stark umstrittene Gebäude» werde in verschiedenen Fachpublikationen sehr gelobt. Die massive Überschuldung des Bauherrn und Architekten lasse «eine Zwangsverwertung wahrscheinlich erscheinen», weshalb dieser um Unterschutzstellung des Gebäudes ersucht habe.

Der Regierungsrat stimmte der Unterschutzstellung zu. Und Jürg Schweizer, der damalige kantonale Denkmalpfleger, ist noch heute «froh, dass dieser ästhetisch eigenwillig-einzigartige Bau noch steht» – dass es damals gelungen sei, ihn für einen befristeten Zeitraum unter Denkmalschutz zu stellen.

Als Recycling-Pionier gewürdigt

Michael Gerber, der heutige Denkmalpfleger des Kantons Bern, pflichtet Schweizer bei. Er befürwortet den damaligen Schutzentscheid, zeigt aber auch Verständnis dafür, dass Nachbarn Zalotays es anders sehen – und dass es für gewöhnliche Passanten nicht unbedingt leicht nachvollziehbar ist, dass «ausgerechnet dieses Haus unter Denkmalschutz steht». Gerber ist deshalb froh, «nicht ästhetisch, sondern denkmalpflegerisch urteilen zu müssen». Da würdigt er vor allem Zalotays Bauen mit Recyclingmaterial: «Er hat pionierhaft bewiesen, dass man aus Abfall, aus unserer Hinterlassenschaft, etwas bauen kann. Es ist also durchaus denkmalwürdig, dass dieses spezielle Haus heute noch steht.»

Andererseits müsse man aber auch feststellen, dass das Weiterbauen im Laufe der Jahre nicht konsequent weitergeführt worden sei: «Elemér Zalotay hat verschiedene Verpflichtungen nicht erfüllt, die er durch die Unterschutzstellung hätte erfüllen müssen. Mit der Erhöhung des Daches zum Beispiel hat er sich über Vorgaben hinweggesetzt. Die Veränderungen, die er vorgenommen hat, sind massiv. Für mich ist deshalb die 1992 erfolgte Unterschutzstellung heute nicht mehr gegeben.» Ihre Auflösung stehe allerdings nicht zur Diskussion, da der heutige Besitzer derzeit keine Absicht habe, etwas zu verändern.

«Wir können damit leben»

Das nimmt Landwirt Ueli Hunziker, als SVP-Vertreter seit elf Jahren Gemeindepräsident von Schüpfen, einigermassen gelassen zur Kenntnis. Er gibt zwar murrend zu bedenken, dass «dieses Haus immer zu Diskussionen Anlass gegeben hat» und dass Zalotay sich wiederholt über Bauvorschriften hinweggesetzt und damit die Dorfbevölkerung «vertäubt» habe – vor allem mit der zweiten Fassade, die er ohne Baubewilligung über die wasserdurchlässige erste Holz-Glas-Fassade gestülpt habe. Der Regierungsstatthalter hatte daraufhin den Abbruch der zweiten Fassade verfügt, doch das Verwaltungsgericht stützte dann Zalotays Beschwerde.

Heute sei der Widerstand in der Gemeinde nicht mehr so gross wie früher, sagt Gemeindepräsident Hunziker, es werde kaum noch «von Schandfleck oder so» geredet. Man könne «im Dorf damit leben, obschon halt nicht nur das Haus speziell sei, sondern auch sein Erbauer und Bewohner». Persönlich habe er mit Zalotay allerdings nie Probleme gehabt.

«Das Haus ist sein Kind»

Und nach all den Jahren verstehe er nicht nur die verärgerten Anwohner (von denen sich einer unlängst wieder öffentlich über Zalotays Bäume beklagt hat, die ihm die Aussicht versperren würden), er habe sogar auch «e Blätz wyt» Verständnis für ihn: «Das Haus ist sein Kind. Er möchte so lange wie möglich dort leben. Da begreife ich ihn. Schön wäre allerdings, wenn er zumindest punkto Ordnung etwas mehr Flair hätte.» Nach dem jüngsten Gespräch mit dem neuen Besitzer scheine es aber, dass «da endlich etwas geht».

Er selber möchte allerdings nicht in Zalotays «Verschlag» leben, lacht Hunziker: «Nein, ums Himmels willen nicht. Ich wohne in einem 1806 erbauten, also über zweihundertjährigen stattlichen Berner Bauernhaus. So lange wird Zalotays Hütte nicht Bestand haben.»

Der Bund

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