Wunsch einer josephinischen Schweiz

Zu seinem Abschied nach 40 Jahren als dichtender Pfarrer erzählt Andreas Urweider eine Weihnachtsgeschichte über Pinocchio und Jesus und über ihre Väter, über Arbeitslose, das Land des Friedens und über Wunschträume.

Ein Stern erhellt den dunklen Nachthimmel vor dem Berner Münster. (Valérie Chételat)

Ein Stern erhellt den dunklen Nachthimmel vor dem Berner Münster. (Valérie Chételat)

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Peter Bichsel hat mir eine Weihnachtsgeschichte geschenkt. Draussen vor der Tür einer kleinen Gaststube in der Bieler Altstadt. Gute und erwärmende Gespräche finden jetzt ja häufig draussen vor der Tür statt aus bekannten Gründen, wenn noch kleine Rauchzeichen zum klirrsternig kalten Himmel gesendet werden wollen.

«Draussen vor der Tür.» Mein Lächeln gefriert, während ich diese Worte denke. So hiess doch das Drama, das Wolfgang Borchert 1947 in seinem Todesjahr geschrieben hat. Er starb mit 26 Jahren, einen Tag vor der Uraufführung. Borchert schildert das Schicksal eines Kriegsheimkehrers. Trümmerliteratur. Er ist «einer von denen, die nach Hause kommen und die doch nicht nach Hause kommen, weil für sie kein Zuhause mehr da ist. Und ihr Zuhause ist dann draussen vor der Tür».

Ich verscheuche die dunklen Gedanken an diese Vergangenheit und bin froh, nur wegen einer Zigarette draussen vor der Tür gestanden zu haben und dass mir dabei erst noch eine Geschichte geschenkt wurde.

«Ja, du darfst sie weitererzählen», sagte Peter Bichsel, «mir wurde sie auch erzählt. Sie ist dazu da.» Also erzähle ich die Geschichte in meinen Worten so, wie ich sie in Erinnerung habe: Jesus spaziert gemächlich durch den Himmel. Da fällt ihm ein Mann auf, der unruhig hin und her den Kopf wendet und sich suchend umsieht. Der Mann ist recht klein, grau, mit grauen Haaren und einem grauen Bart. Er trägt einen schweren Sack über der Schulter. «Was ist mit dir?», fragt Jesus. Jener erschrickt ein wenig, vielleicht, weil er sich ertappt fühlt und unerwartet Beachtung findet. «Ich suche meinen Sohn», sagt er still vor sich hinblickend. «Und was trägst du in deinem Sack?», will Jesus wissen. Der Mann setzt den Sack auf den Boden, nestelt die Schnur auf und entnimmt dem Sack Winkelmass, Stechbeutel, Holzmeissel, und wie er auch den Hobel zutage fördert, kann Jesus nicht mehr an sich halten, öffnet seine Arme weit und jubelt: «Vater!» Ein Leuchten geht über das Gesicht des kleinen Mannes. Auch er, aufgeregt, breitet seine Arme aus und seufzt glücklich befreit: «Pinocchio!»

Das also die Geschichte, die mir Peter Bichsel draussen vor der Tür erzählt hat, und drinnen im Lokal sass unterdessen Jürg Steiner, dem ich den Satz verdanke: «Wahrheit ist eine Geschichte.» Und wahrscheinlich ein erstes Mal regt sich in mir ein Widerstand gegen diese Aussage, und ich möchte beifügen, Wahrheit ist vielleicht dort, wo sie die Geschichte still verschweigt. In der Lücke, im Ausgelassenen ist Wahrheit. Und doch hat Steiner recht: Ohne die Geschichte gibt es das in ihr Verschwiegene nicht.

Zwar heisst der Vater Pinocchios, der sich nichts sehnlicher wünschte, als dass sein hölzerner Lügenbub Pinocchio zu einem Menschen aus Fleisch und Blut würde, Geppetto, eine Koseform für Guiseppe, also Joseph. Aber der Joseph der Weihnachtsgeschichte fehlt, blieb draussen vor der Tür, ausgesperrt eigentlich auch aus der Geschichte seines Adoptivsohns Jesus. Wie sagt Ödön von Horváth in seinen Geschichten aus dem Wiener Wald: «Jesus, Maria und ein Stückerl Joseph!»

Ja, dann wird Joseph, der Zimmermann, vielleicht noch immer nach seinem Sohn und seiner Geschichte suchen, vielleicht nicht im Himmel, aber doch auf der Erde.

Geppetto, der Vater, hat den Pinocchio selber aus einem Stück Pinienholz geschnitzt, und dessen Pinienholzaugen gingen jenem langsam auf durch Lügen und Leben und die Vergebungsbereitschaft seines Schreinervaters, der im Holz Herz suchte.

Jesus aber scheint seinen Pflegevater übersehen zu haben. Jedenfalls hat er ihn nicht weiter erwähnt. Hat er ihn vermisst? Sucht er ihn noch? Dabei ist es die feinste und leiseste Bewegung in der Weihnachtsgeschichte, dass Joseph seine schwangere Verlobte nicht dem Gericht aussetzte und damit ihre Schande öffentlich machte, sondern das, was in ihr heranwuchs, annahm als wäre es sein Eigenes. Sie wäre sonst aus der Gemeinschaft hinausgefallen, vor das Tor gerissen, ja vielleicht gesteinigt worden.

Joseph hat gegen das geltende Gesetz verstossen. Nicht aus Mitleid. Er war gerecht. Nicht im Sinne der damals geltenden Gesetze. Es gibt eine Gerechtigkeit, die sich völlig unterscheidet von der Justiz. Ein Engel oder ein Traum soll ihm den Weg gewiesen haben. Träume suchen ja oft nach dem, was noch nicht ist und doch sein möchte. Aber vielleicht war ja Joseph als Handwerker herzensgebildet genug, denn was die Hand mit Sorgfalt tut, versteht das Herz. Joseph war nicht stur gesetzestreu, er war liebevoll gerecht. Und hat damit Frau und Kind das Leben ermöglicht. Übrigens ist Vaterwerden einfach. Das hat schon Wilhelm Busch gewusst. Erziehen ist schwieriger. Und Bilden mit Herz und Hand fast zu schwer. Das sei ein Kompliment an den Adoptivvater Joseph.

Und dann lese ich im «Bund», dass ein Lehrer in Brünigen entlassen wird, weil er sich liebevoll für Kinder einsetzt und dabei gegen geltende Vorschriften verstösst. Und eine Stunde später begegne ich einer Frau, die gerade entlassen wurde nach zehn Jahren, weil das Restaurant umgebaut wird und sie zu alt ist für das neue Mobiliar oder Konzept oder einfach zu teuer. Jedenfalls hat man ihr kein Wort geschenkt. Und alle anderen Zeitungsnachrichten kennen Sie ja selber. Und alle Betrüger und Todfeinde der Liebe können nicht einmal vor Gericht gezogen werden, weil geltende Gesetze es nicht zulassen, und sie bezahlen im Verhältnis zu ihrem ertrogenen Geld kaum Steuern für Verarmte und solche, die sie ausgebeutet haben. Die liebende Gerechtigkeit entspricht eben nicht der Justizia, die blind ist und die Hand an das Schwert legt.

Ich wünsche mir eine josephinische Schweiz, die Sorge trägt um die Anvertrauten, auch wenn sie nicht aus dem eigenen Stamm gewachsen sind, die den Blick auf den Handwerker nicht verliert, jenen Handwerker, der seinen Sohn so gut bildete, dass dieser die betrügerischen Wechsler aus dem Bethaus warf, und der mit den Bedürftigen geschwisterlich Brot brach.

Und auch die Träume von Geppetto, Pinocchios Vater, mögen doch wahr werden: dass in hölzernen Lügenpuppen menschliche Herzen schlagen. Und ein Stern über uns aufgeht zur Nachtzeit. Und überhaupt der Traum, dass auch draussen vor der Tür Friede und Gerechtigkeit wohnen in einem Land, in dem es sich gut wohnen lässt. Und dass wir uns ab und zu bei der Lügennase nehmen. Und dass das Land des Friedens und der liebevollen Gerechtigkeit grenzenlos werde und ein Daheim wie Bethlehem, das Brothaus. Und Geduld ist wie Sauerteig, der aufgeht. Und in der Heiligen Nacht wünsche ich uns allen einen wegweisenden Traum.

Vielleicht lesen Sie als Sauerteig vor dem Einschlummern einige Kapitel aus Collodis «Pinocchio» oder eine Kindergeschichte von Peter Bichsel, ein Kinderbuch von Jörg Steiner mit Jörg Müllers wunderschönen Bildern oder ein Gedicht, etwa von Hilde Domin, das wie biblische Geschichten eröffnend mehrfachdeutig ist – oder Sie lesen ganz einfach die Weihnachtsgeschichte. (Der Bund)

Erstellt: 24.12.2010, 11:35 Uhr

Andreas Urweider. (zvg)

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