Wort, Lied und grosser Himmel

In seinem 73. Lebensjahr ist Fritz Widmer gestorben: Der Berner Liedermacher, Schriftsteller, Lehrer und Fährimann hat unserer Mundart neue Bedeutung gegeben. Ein Nachruf von Fred Zaugg.

Fritz Widmer: «U was faat dert aa, wo der Himel ufhört...?» (Christoph Hoigné)

Fritz Widmer: «U was faat dert aa, wo der Himel ufhört...?» (Christoph Hoigné)

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Das Wort war Fritz Widmer immer wichtig: das Wort, das man sich gibt. Und das Wort wurde ihm wohl noch wichtiger, je näher er seinen Tod wusste. Fritz Widmer war stets ein Gebender, ein Schenkender, sei es als Freund, als Kollege, als Troubadour, als Schreibender von Briefen und Romanen oder als Lehrer. Und mit dem Wort konnte er der Gebende bleiben bis in seine letzten Tage. Späte oder letzte Gespräche werden als wertvolle Geschenke in vieler Gedächtnis bleiben.

Wohl am besten wird man sich jedoch des Liedermachers und Sängers erinnern, der von 1965 bis 1970 und wieder ab 1992 mit den Berner Troubadours auftrat, die seit Ende 1965 Jahr für Jahr mit einem Programm von Chansons aufwarteten. Fritz Widmer bezeichnete die seinen konsequent als Lieder, weil für ihn weniger Frankreich mit Brassens als vielmehr der Norden mit seinen originellen Dichtern und Musikern wegweisend war.

Nach dem tödlichen Unfall des bis heute die Berner Mundart-Szene prägenden Mani Matter führte Fritz Widmer zusammen mit Jacob Stickelberger dessen «Kriminalgeschichte» sowie weitere dem Gedenken des Freundes und Troubadour-Kollegen gewidmete Programme auf. Im Zentrum stand aber dennoch das eigene, vielfach aus dem Erleben und aus der Beobachtung der Natur wachsende, unverwechselbare Dichten und Komponieren. Mit Dankbarkeit werden all jene Fritz Widmers gedenken, die seine Lieder in sich tragen, vielleicht schon seit Jahren, als heitere, bewegende und immer wieder tröstliche Begleitung durch den Alltag.

Zu den eigenen Liedern kommen die aus der Ferne und den alten Zeiten in die Gegenwart und die Mundart geholten, die für sich entdeckten und für uns vertonten, uns vermittelten, die Fundstücke eines Lesers, Schreibers und Musikers. Vieles von Fritz Widmer wird nachklingen oder neu zu hören sein, anderes bleibt zu lesen, so im letzten Buch mit dem Titel: «Wo geit das hi, wo me vergisst?» Hier ist Widmers erweiterte berndeutsche Fassung des Spruchs aus dem 15. Jahrhundert zu finden:

«I chume, i weis nid wohär,
i läbe, i weis nid wi lang,
i fahre, i weis nid wohi,
‘s verwunderet mi, dass i so frölech bi.»

Übersetzung ins eigene Idiom

Wohl gibt es die eigenen, die kritischen, die witzigen und die besinnlichen Gedichte und Lieder von Fritz Widmer, aber er verharrte nicht im Eigenen, sondern konnte staunen über das Schaffen beziehungsweise die Worte der andern. Und indem er sie übersetzte ins eigene Idiom, gab er ihnen eine neue, seine Aktualität. Seit einiger Zeit arbeitete Fritz Widmer an einem ganzen Programm aus Gedichten und Liedern von Li-Tai-Po, Shakespeare, Robert Burns, Carl Michael Bellman, William Butler Yeats bis zu Michael Wiehe und Ruben Nilson. Seine Vorbilder waren die Schweden geblieben, deren Lieder ihn zu Übersetzungen und Bearbeitungen anregten.

Und dann muss seine Liebe zu Mozart, das heisst vor allem zu dessen drei Da-Ponte-Opern erwähnt werden. Vier Arien und Lieder hat Fritz Widmer in eine berndeutsche «Strassenmusik-Fassung» übertragen, wie er seine köstlichen Bearbeitungen nannte. Das sind Beispiele für den Liedermacher, den Sänger mit seiner Gitarre, den Mann der Bühne, der nicht allein mit den Troubadours, sondern ebenso oft allein oder mit wechselnden Partnern, etwa Franz Hohler oder Markus Heiniger, auftrat. Mit welcher Leichtigkeit schlug er die Brücke zum Publikum, und mit welcher Feinheit und welchem geheimnisvollen Schmunzeln wusste er von Lied zu Lied zu führen, Aufmerksamkeit und Bereitschaft für das Neue, das Andere vielleicht, schaffend.

Das Wort blieb entscheidend. Für Fritz Widmer hatte es die Kraft, eine Verbindung zum Mitmenschen herzustellen und damit Leben und Sinn, Wahrheit und Empfindung weiterzugeben. Und er wurde selbst zum intensiven, unvergesslichen Zuhörer, wenn er Worte, wenn er Echos, wenn er Vertrauen aufnehmen durfte. Es war für ihn von grosser Bedeutung, nicht allein Sänger auf einer Einbahnstrasse des Erfolgs zu sein, sondern auch Hörender, Empfangender und immer wieder Lernender.

Dabei war Fritz Widmer in seinem Hauptberuf Lehrer für Englisch und Deutsch am Seminar Marzili in Bern, ein Lehrender also, ein zur Verantwortlichkeit führender, zur Verantwortlichkeit für das Wort, aber auch für die Gesellschaft, für den Mitmenschen. Betrachtet man die Thematik von Fritz Widmer, so steht er zwischen der Landschaft und der Stadt, zwischen dem Wortspiel und dem Gebet. Er beschäftigt sich mit der Liebe und dem Glück, das meistens gratis sei, und immer wieder ist er der Philosoph, welcher nicht nur letzte Fragen stellt, sondern eine seiner letzten CDs den Titel gab: «Wo der Himu no gnue Platz het».

Fritz Widmer wurde am 5. Februar 1938 im bernischen Kirchberg geboren. Er lebte mit seiner Frau Christina, einer Enkelin Hermann Hesses, und den beiden Töchtern Anna und Karin in Bremgarten bei Bern, direkt an der Aare. Einst fuhr er als Fährimann die Spaziergänger über den Fluss. (Der Bund)

Erstellt: 29.04.2010, 08:05 Uhr

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