«Wir sind keine Kulturverhinderer»

Nun melden sich die Mattebewohner zu Wort, die sich gegen das Wasserwerk zur Wehr setzten. Das Hauptproblem sei nicht die laute Musik, sagen sie, sondern die Klientel des Wasserwerks – und die Attitüde des Betreibers. Dieser wehrt sich.

Heute Samstagabend gibt es in nächster Nähe zu ihren Wohnungen wieder Lärm: Eva-Banlaki-Kok und Andreas Lüthi.<p class='credit'>(Bild: Valérie Chételat)</p>

Heute Samstagabend gibt es in nächster Nähe zu ihren Wohnungen wieder Lärm: Eva-Banlaki-Kok und Andreas Lüthi.

(Bild: Valérie Chételat)

Eva Banlaki-Kok und Andreas Lüthi haben viel gelesen in den letzten Tagen. Darüber, dass das Wasserwerk sein Gesuch um Überzeit zurückgezogen hat und Ende Jahr schliesst. Über die Klagen der Betreiber, die Kritik an den Lärmmessungen des Kantons. Nur ihre Sicht, jene der Anwohner, die sich gegen die nächtlichen Belästigungen wehren, haben sie vermisst in der Berichterstattung. Deshalb sitzen sie an diesem lauen Morgen hier, auf der Terrasse des Cafés Ligu Lehm, und erklären sich.

Die Sekundarlehrerin Eva Banlaki-Kok wohnt in der Gerberngasse, etwa 70 Meter vom Wasserwerk entfernt. Andreas Lüthi, Finanzchef der Rega, lebt zuvorderst an der Wasserwerkgasse. Beide waren federführend bei der Sammeleinsprache gegen die vom Wasserwerk beantragte Überzeit. Und beide haben den Eindruck, beim Knatsch um das Wasserwerk liege der Fokus falsch. Die ganze Diskussion drehe sich um die zu laute Musik, sagen sie. Doch das eigentliche Hauptproblem sei die Klientel des Wasserwerks.

Tanzen drinnen, saufen draussen

Banlaki-Kok wohnt seit dreissig Jahren in der Matte und betont, sie sei eine Liebhaberin von Rockmusik. In den Anfängen des Wasserwerks war sie hin und wieder dort Gast – Lüthi genauso. Er ist 2008 in die Matte gezogen. Er habe sich darauf eingestellt, in einem Quartier zu wohnen, das etwas lauter sei als andere, sagt Lüthi. Doch er erwartete nicht, vor seiner Haustür niedergeschlagen zu werden. Das geschah in einer Nacht von Freitag auf Samstag, Anfang 2010, um etwa zwei Uhr in der Früh: Lüthi ging vor sein Haus, um vier Jugendliche zu Ruhe zu ermahnen. Doch so weit kam er nicht: Bevor er etwas habe sagen können, sei er niedergeschlagen worden, erzählt er. «Seither gehe ich nicht mehr hinunter, wenn es laut ist.» Nun ruft er eher die Polizei. Einmal wurde eine Scheibe in seinem Haus eingeschlagen, ein andermal fehlte der Seitenspiegel an seinem Auto. Banlaki-Kok berichtet Ähnliches. Zwei Seitenspiegel musste sie in den letzten beiden Jahren ersetzen. Im Laden, der im Parterre ihres Hauses eingemietet ist, wurde zweimal die Scheibe eingeschlagen. Einmal erbrach sich ein Nachtschwärmer in ihren Teich.

Sie könnten nicht beweisen, dass all diese Vorfälle Gästen des Wasserwerks anzulasten seien, sagen sie. Aber Tatsache sei: «Wenn das Wasserwerk geschlossen ist, gibt es keine Probleme» – auch wenn das benachbarte Silo geöffnet sei.

Die Wasserwerkbesucher beschreiben die beiden so: meist jung, meist laut, oft respektlos, häufig total betrunken. Da sich die Jugendlichen den starken Alkohol in den Clubs nicht leisten könnten, deckten sie sich beim Grossverteiler mit hochprozentigen Alkoholika ein und deponierten ihn irgendwo in den Gassen. Tanzen drinnen, trinken draussen – das sei die Devise. Jene, die aufgrund ihres juvenilen Alters oder ihres Zustandes gar nicht erst ins Wasserwerk hineinkämen, verweilten die ganze Nacht davor – manchmal bestellten sie sich Pizza. Dazu komme, dass ihr Lärm im Mattequartier besonders viel Wirkung entfalte: wegen der hohen Häuser, der engen Gassen und nicht vorhandener Bäume, die den Lärm absorbieren würden, erklärt Banlaki-Kok. «Der Schall schlägt von Wand zu Wand, bis er ein offenes Fenster findet.»

Die Fronten sind verhärtet

Wasserwerk-Geschäftsführer Albert Gomez bestätigt auf Anfrage, dass vermehrt ausserhalb des Clubs konsumiert werde und manchmal Jugendlichen der Einlass verwehrt werden müsse, da sie schon bei ihrer Ankunft zu betrunken seien. «Aber das ist ein gesellschaftliches Problem. Wir können das nicht steuern.» Dass sich seine Kunden schlechter benähmen als die anderer Clubs, etwa des Silos, «das stimmt sicher nicht», sagt Gomez.

Banlaki-Kok und Lüthi verstehen, dass die Wasserwerk-Betreiber die Ausgangsgewohnheiten ihrer Besucher nicht stark beeinflussen können. Umso wichtiger wäre es, zusammen mit den Betreibern nach Lösungen zu suchen, sagen sie. Doch ein Dialog sei kaum möglich, sagen die beiden und werden von Bernhard Bürkli, der sich mittlerweile an den Tisch gesellt hat, vehement unterstützt. Bürkli, «el Presidente» des Matteleists, wie er selbst sagt, ist der lauteste Kritiker des Wasserwerks. Wolle man sich mit den Betreibern unterhalten, werde man «abgeputzt», stehe da «wi ne gchläpfte Schuebueb», sagt er. Insbesondere auf Wasserwerk-Geschäftsführer Albert Gomez ist er schlecht zu sprechen. «Gomez hat kein Format», sagt Bürkli, «sonst würde er sich der Diskussion stellen.» «Bürkli sollte besser auf sein eigenes Format achten, als sich über das anderer auszulassen», sagt Gomez darauf. Bürkli habe sich gar nie um eine Diskussion bemüht.

Zumindest in einem Punkt sind sich Banlaki-Kok, Lüthi und Bürkli mit Gomez einig: Ausgehclubs braucht die Stadt, finden auch sie, die alle Eltern von Kindern in jugendlichem Alter sind. «Wir sind keine Kulturverhinderer», beteuern sie. Doch Lüthi sagt auch: «In einer gemischten Zone wie der Matte sind der Anspruch auf Ruhe und jener auf Partynächte bei den heutigen Ausgehgewohnheiten wohl nicht mehr vereinbar.» Es sei deshalb höchste Zeit, dass der Gemeinderat ein Grundsatzkonzept zum Nachtleben ausarbeite. Auch das bringe allerdings nur dann etwas, wenn nicht nur die Clubbetreiber, sondern auch die Anwohner eingebunden würden, sagt Lüthi.

Sie trauen dem Ende nicht

Dass das Wasserwerk Ende Jahr wirklich schliesst, glauben die drei Anwohner noch nicht. Bürkli ist überzeugt: Die Ankündigung der Betreiber, den Betrieb auf Ende Jahr einzustellen, das sei «eine taktische Finte». Sie wollten nur einen Aufschrei provozieren, um dann gerettet zu werden. «Das sind pauschale, mit Unwissen gepaarte Vorurteile», sagt Gomez dazu, dies sei «keine ideale Grundlage für positive Gespräche».

Auf Facebook zumindest haben sich jene, die nicht auf das Wasserwerk und das Sous Soul verzichten wollen, mittlerweile formiert. Die Gruppe «Wir sind gegen die Schliessung des Wasserwerk-Clubs Bern» zählte gestern über tausend Mitglieder, jene mit dem Namen «Stoppt das Clubsterben – Gegen die 93dB-Schallbegrenzung!» über 3400.

Der Bund

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