«Wir können zeigen, dass es uns braucht»

Inwiefern betrifft die Spitalfinanzierung den Hausarzt? Seine Rolle werde unter den neuen Fallpauschalen noch wichtiger, glaubt jedenfalls der Allgemeinmediziner Marcus Grossenbacher.

Dem Hausarzt komme eine Schlüsselrolle in der Krankenversorgung zu; Marcus Grossenbacher mit seiner medizinischen Praxisassistentin Michèle Frei.

Dem Hausarzt komme eine Schlüsselrolle in der Krankenversorgung zu; Marcus Grossenbacher mit seiner medizinischen Praxisassistentin Michèle Frei.

(Bild: Manu Friederich)

Matthias Raaflaub

Er sei ein altmodischer Hausarzt, sagt Marcus Grossenbacher. Der Allgemeinmediziner ist 24 Stunden pro Tag erreichbar, nimmt sich neben seinem 90-Prozent-Pensum die Zeit für telefonische Sprechstunden und Hausbesuche; er leistet Notfalldienst. Grossenbacher darf man getrost einen Landarzt nennen, einen aus der aussterbenden Spezies im Gesundheitswesen. Er praktiziert fünf Autominuten von Interlaken weg, in Ringgenberg, am rechten Brienzerseeufer. Die gemeinschaftlich geführte «Ringgenpraxis» teilt er sich mit einer Spezialistin für Innere Medizin und seiner Frau. Sie ist Fachärztin der Psychiatrie und Psychotherapie. Daneben ist Grossenbacher Lehrbeauftragter für Hausarztmedizin an der Universität Bern.

Rücksprache ist Geld wert

Die drei Lettern DRG finden sich in seiner Praxis nicht, nicht im Warteraum, nicht an der Rezeption, wo sich Grossenbachers Angestellte, drei medizinische Praxisassistentinnen und eine Auszubildende, der Hereinkommenden annehmen. Einzig auf einer Fachzeitschrift im Sprechstundenzimmer haben die Fallpauschalen ab Januar 2012 ein Titelchen. Fragen seine Patientinnen, seine Patienten? «Nein. Man vertraut uns, dass wir damit umgehen können.»

Auch ab 2012 bleibt der Hausarzt die erste Anlaufstelle der Patienten bei gesundheitlichen Problemen. Mit SwissDRG in Kontakt kommen sie wohl erst, wenn sie im Spital landen. Die Hausärzte werden davon mehr spüren, glaubt Grossenbacher. So etwa bei der Einweisung und der Entlassung von Patienten: Grossenbacher nimmt an, dass Spitäler ein wirtschaftliches Interesse haben, Patienten nicht länger als nötig bei sich zu behalten – «das haben sie auch jetzt schon», sagt er. Bei der neuen Spitalfinanzierung spielt die Liegedauer aber keine Rolle mehr. Es zählt nur der Krankheitsfall.

Darum werde die Abklärung, ob ein Patient schon entlassen werden kann, noch dringender sein. Fürs Spital werde es sich lohnen, kurzfristig zu entscheiden, ob er noch eine Nacht im Spital verbringen solle. «Das Urteil des Hausarztes ist dabei enorm wichtig», sagt Grossenbacher. «Der Assistenzarzt im Spital kennt den aktuellen gesundheitlichen Zustand des Patienten, der Hausarzt das Setting.» Also: ob zu Hause der Arzt verfügbar ist, oder wo nötig die Spitex oder Angehörige eine weiterführende Pflege übernehmen können. Diese Schnittstelle werde unter DRG noch wichtiger. Der Druck auf die Spitalärzte werde zunehmen, Austrittszeitpunkt zu rechtfertigen. Ein früher Austritt sei erwünscht, erfolgt er aber zu früh, ist das zum Nachteil des Spitals. Denn an einem nötigen Wiedereintritt entstehen dem Spital zwar Kosten, aber keine neue Einnahmen. Das System will es so.

«Denkbar ungünstiger Zeitpunkt»

Auch wenn der Patient wieder nach Hause kommt, spielt der Hausarzt eine Schlüsselrolle. «Wir sollen den Patienten übernehmen», so Grossenbacher. Das Wichtigste sei darum, sagt Grossenbacher, noch mehr miteinander zu reden. Für den 56-jährigen Hausarzt liegt darin eine Chance des neuen Abgeltungssystems. Die Chance, öffentlich zu zeigen, wie wichtig der Beruf Hausarzt weiterhin ist. «Für unsere Volksinitiative ‹Ja zur Hausarztmedizin› ist DRG bester Treibstoff», sagt er. Freude darüber hat Grossenbacher nicht. Denn gleichzeitig komme die Fallpauschale in einem «denkbar ungünstigen Zeitpunkt».

Die Zunft warnt, dass der Altersdurchschnitt unter den Hausärzten bei 57 Jahren liegt. Viele arbeiten über ihre Pensionierung hinaus weiter, weil es sie braucht. In einigen Jahren droht damit eine Austrittswelle. Ab dem neuen Jahr würden die Anforderungen an die Hausärzte nun noch einmal steigen, meint Grossenbacher. Einige der Hausärzte werden sich wohl überlegen ob sie nach dieser neuesten Reform den weissen Kittel nicht endgültig an den Nagel hängen wollen, mutmasst Grossenbacher.

In diesem Fall wäre die Fallpauschale eine weitere Bürokratisierung des Gesundheitswesens. Fürs Berufsbild werde dies nicht förderlich sein. Die Hausärzte haben mit dem Tarifsystem Tarmed bereits Erfahrungen mit einem Rationalisierungssystem gemacht. Nicht besonders gute. Der Reformbedarf ist mittlerweile erkannt. Die Tarmed-Revision steht auf der Pendenzenliste des neuen Gesundheitsministers Alain Berset. Grossenbachers Lehre daraus: «Schon nach einem Monat hatte man festgestellt, dass manche Leistungen völlig falsch tarifiert waren.» Jetzt zeige sich: «Anpassungen in einem solchen System brauchen furchtbar viel Zeit», sagt Allgemeinmediziner Grossenbacher.

Der Bund

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt