«Wir brauchen viele Patienten»

Urs Birchler, Direktionspräsident des Inselspitals, will expandieren. Auch die Universitätsklinik müsse im nationalen Wettbewerb mit Kostendruck auskommen, sagt er.

«Jawohl, wir sind in einem Wettbewerb um Patienten»: Urs Birchler, Direktionspräsident des Inselspitals.<p class='credit'>(Bild: Franziska Scheidegger)</p>

«Jawohl, wir sind in einem Wettbewerb um Patienten»: Urs Birchler, Direktionspräsident des Inselspitals.

(Bild: Franziska Scheidegger)

Matthias Raaflaub

Urs Birchler, seit dem 1. Januar ist das neue Fallpauschalenmodell Swiss DRG in Kraft. Hat das Inselspital den Wechsel reibungslos überstanden? Die nötigen technischen Anpassungen sind gut vorbereitet gewesen und funktionieren. Ende Januar werden die ersten Rechnungen nach neuem Modell verschickt. Allerdings ändert sich für uns nicht sehr viel. Seit 2005 rechnen wir schon mit einem Fallpauschalensystem ab. Die Änderung ist: Swiss DRG bildet die heutige Medizin ab.

Für Sie ist das neue Modell also eine positive Entwicklung? In den vergangenen Jahren haben wir mit Preisrelationen abgerechnet, die vor zehn Jahren galten. Dass das neue System genauer differenziert ist, kommt einem Spital mit vielen Spezialisierungen zugute. Es zeigt sich aber seit dem vergangenen November, dass einige Kantone die neue Finanzierung auf eine Art umsetzen, die der vom Bundesgesetzgeber gewünschten Richtung widerspricht. Einzelne unterstützen nun ihre Spitäler doch zusätzlich mit Millionen, damit diese auf dem Markt bessere Bedingungen haben. Die Idee war aber, dass die Spitäler zum ersten Mal transparent ihre Preise offenlegen und ein Wettbewerb möglich ist. Nun besteht die Gefahr, dass die Kantone weiterhin Spitalpolitik nach eigenem Gusto betreiben.

Mit dem Systemwechsel steht das Inselspital mit anderen Universitäts- und Kantonsspitälern in einem direkten Wettbewerb um Patienten. Jawohl, wir sind in einem Wettbewerb um Patienten. Aber nicht erst jetzt, sondern seit langem. Schon immer hat sich die Frage gestellt, ob ein Patient aus dem Aargau, aus dem Wallis oder aus Solothurn nach Lausanne, Basel oder Zürich geht oder ob er zu uns kommt. Wir sind auch Mitstreiter, wenn es darum geht, gut qualifizierte Schlüsselpersonen anzustellen: Chefärzte, Oberärzte oder Leitende in der Pflege.

Heisst Wettbewerb, dass die Insel künftig auf Plakatwänden um Patienten buhlen wird? Nein, Werbung untersagen nur schon die Standesregeln der Ärztevereinigung FMH. Eine Folge des Wettbewerbs ist, dass die Spitäler versuchen, mit Sachinformationen auf sich aufmerksam zu machen und PR-Verantwortliche haben. Für die Insel sind Ärzte und Spitäler als Zuweiser wichtig. Die beste Werbung bleibt der Hausarzt, der mit einer Behandlung zufrieden ist. Darüber hinaus haben wir natürlich auch Verträge mit Partnerspitälern, damit wir über sie Patienten für das Inselspital gewinnen.

Will das Inselspital in diesem kompetitiveren Marktumfeld wachsen? Wir haben bisher zwei grosse Schwerpunkte entwickelt: den Bereich «Neuro» – Kopf – und den Bereich «Herz-Kreislauf». Unsere Strategie für die Zukunft ist, einen dritten Schwerpunkt «Tumor» aufzubauen. Da geht es darum, uns auf dem Spitalmarkt überregional und national sowie international in der Forschung möglichst gut zu positionieren.

Ein Schritt dazu ist der teure neue Isotopenbau. Ist dieses Wachstum denn nötig? Ja. Das Inselspital hat eine teure Infrastruktur und ist mit vielen Disziplinen ein stark segmentiertes Unternehmen. Das können wir nur betriebswirtschaftlich führen, wenn wir eine genügend grosse Anzahl Patienten haben. Wir brauchen eine grosse Zahl von Patienten, um die Leistungen über das neue DRG-Modell finanzieren zu können. Und das, obwohl wir unter den Schweizer Universitätsspitälern zu den Kostenführern zählen.

Unter den neuen Fallpauschalen könnten Sie ohne Ausbau nicht rentabel arbeiten? So kann man das nicht sagen. Aber für alle Unispitäler im In- und Ausland ist es nur mit einer grossen Zahl von Patienten möglich, an einen Preis heranzukommen, der mit jenem eines Regionalen Spitalzentrums vergleichbar ist. Dieser Druck akzentuiert sich unter Swiss DRG. Aber die Patientenzahl ist nicht nur eine betriebswirtschaftliche Frage, sondern auch eine der Qualität. Hohe Qualität setzt voraus, dass der Eingriff oft, ja sehr oft durchgeführt wird.

Das tönt so, als würde der Kuchen des Patientenmarkts nicht kleiner, sondern eher grösser. Im stationären Bereich wird der Kuchen einerseits grösser. Dies vor allem wegen der steigenden Zahl betagter Menschen, der Fortschritte in der Medizintechnologie und der zunehmenden Fachkompetenz. Gleichzeitig gibt es aber eine Gegenbewegung: Dank neuer Techniken kann ein Spital auch immer mehr Eingriffe ambulant durchführen.

Indem die Spitäler regelmässig neue Methoden einführen, sind sie aber auch verantwortlich dafür, dass immer mehr Leute hospitalisiert werden. Es ist tatsächlich ein Dilemma, dass man wegen des medizinischen Fortschritts immer mehr diagnostizieren und behandeln kann. Die Frage ist: Soll man auch alles machen? Am Inselspital sind wir keineswegs der Meinung, dass eine Behandlung, die möglich ist, auch immer sinnvoll ist. Wo es angezeigt ist, sollten wir aber zugunsten der Patienten grundsätzlich das neueste medizinische Know-how anwenden können.

Die Insel «produziert» also keine Fälle? Nein. Unsere Patienten werden in der Regel von einem anderen Spital oder einem Hausarzt überwiesen. Darum ist die Situation am Inselspital anders zu beurteilen als etwa bei einem Belegarztsystem, wo sich der Arzt einen Patienten oft selber überweist. Damit ein Patient aus einem anderen Kanton ans Unispital kommen kann, muss gar der dortige Kantonsarzt grünes Licht geben. Grösser kann die Hürde ja nicht sein.

Viele Patienten aus dem Kanton Bern werden an der Insel behandelt, obwohl sie dieselbe Leistung auch in ihren Regionalspitälern erhalten könnten. Warum? Das hört man immer wieder. 40 Prozent der Zuweisungen aus der Region Emmental etwa gehen an eine Berner Spitalgruppe – warum das so ist, kann ich nicht sagen. Der Patient orientiert sich aber mehr und mehr darüber, wo er wie diagnostiziert und behandelt wird. Künftig werden Patienten noch mehr wählen.

Wenn die regionalen Spitalzentren das Grundangebot selber leisten können, weshalb braucht es die Insel überhaupt als Grundversorgerin? Diese Frage stellt sich uns auch immer wieder. Man muss bedenken, dass vieles, was einmal spezialisierte Medizin war, heute nicht mehr darunter fällt. Gerade bei betagten Patientinnen und Patienten ist häufig eine komplexe Behandlung bei mehreren Organen notwendig.

Die Grenze zwischen spezialisierter und nicht spezialisierter Medizin ist also gar nicht scharf? Ja. Hinzu kommt: Bei unseren Schwerpunktdisziplinen wollen wir alles in diesem Bereich machen können. Schliesslich ist auch die Forschung nicht nur für die Spitzenmedizin wichtig, sondern gerade auch bei häufigen Krankheiten. Universitäre Medizin ist nicht gleich Spitzenmedizin.

In ihrer Spitalpolitik räumt die kantonale Gesundheitsdirektion (GEF) dem Inselspital eine Sonderstellung ein. Für Philippe Perrenoud ist ein starkes Unispital unverhandelbar. Das Inselspital ist im Spitalversorgungsgesetz als Universitätsspital gesetzt.

Wie können Sie diesen Sonderstatus rechtfertigen? Es ist klar: Entweder hat man ein sehr gutes Universitätsspital, oder man verzichtet darauf. Es macht nur Sinn, eines zu führen, wenn es gute Rahmenbedingungen und eine gewisse Grösse hat. Wir sind im Gegenzug verpflichtet, im medizinischen und universitären Bereich gute Leistungen zu erbringen.

Aber für den Kanton Bern ist das Universitätsspital ein Luxus. Das Spital wird stets als Kostenfaktor wahrgenommen, weil die öffentliche Hand das Spitalwesen mitfinanziert. Man muss sich aber bewusst sein, welche volkswirtschaftliche Wertschöpfung wir auslösen. Wir haben Studien dazu machen lassen, was wir sparen könnten und welche Auswirkungen es auf die Volkswirtschaft hätte, wenn wir ein Kantonsspital, aber kein Unispital wären. Ein Kantonsspital käme demnach 128 Millionen günstiger, dafür würden dem Kanton rund 576 Millionen Wertschöpfung entgehen. Darum spielt die Insel so eine wichtige Rolle. Auch bei der Hauptstadtregion.

Nur, wie soll es im Oberland verstanden werden, dass es millionenteure Investitionen für einen neuen Hightech-Operationssaal am Inselspital braucht, während das Geld für ein Landspital fehlt? Die Alternative wäre, statt ins Unispital in dezentrale Spitäler mehr zu investieren. Die Konsequenz hiesse, dass Berner nach Zürich, Basel oder Lausanne ins Universitätsspital gehen. Diese Distanzen sind noch kleiner als im Ausland. Aber, Bern würde die Wertschöpfung verlieren. Wird beispielsweise in die Operationssäle von kleinen dezentralen Spitälern besonders investiert, muss man sich fragen, ob das auch für die nächsten 20 Jahre sinnvoll ist.

Die GEF machte mit dem Entwurf der Spitalliste gerade den Eindruck, sie werde spezialisierte Medizin in die peripheren Spitäler verschieben. Es erscheint so, als wolle sie ihnen so ermöglichen, rentabel zu arbeiten. Aus dem Entwurf der Spitalliste war noch schwer zu erkennen, was damit gemeint sein soll, wenn etwa das Spital Saanen Neurochirurgie durchführen soll. Ich kann mir das nicht vorstellen. Da bleibt bis jetzt ein Fragezeichen. Sollte die Idee sein, spezialisierte Leistungen in die Peripherie zu verschieben, nur damit dort auch etwas ist, dann liegt die GEF falsch. Wichtiger ist die Zahl der Behandlungen: Es braucht eine Mindestanzahl von Eingriffen für ein Mass an Qualität.

Urs Birchler ist seit 2003 Direktionspräsident des Inselspitals. Der 61-Jährige ist promovierter Wirtschaftswissenschafter. Zwischen 1979 und 1999 war er Politiker im Kanton Zug. Erst als langjähriger Kantonsrat, danach während zwölf Jahren als Gesundheitsdirektor. (mra)

Der Bund

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt