Wieso Haco für die Migros Markenprodukte kopiert

Haco kooperiert seit den Zwanzigerjahren mit der Migros – Ursprung ist ein Lieferboykott. Der verschärfte Preiskampf bei Markenartikeln durch Aldi und Lidl wirkt sich auch auf die Nachahmerprodukte aus.

Haco stellt die Bon-Chef-Suppen am Standort Gümligen her. (Valérie Chételat)

Haco stellt die Bon-Chef-Suppen am Standort Gümligen her. (Valérie Chételat)

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Kopieren hat bei Migros Tradition. Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler begann schon in den Anfängen, Markenartikel zu kopieren. Der Grund: 1925 riefen Interessenverbände zum Lieferboykott der Migros auf. Denn die Migros hatte dazumal das Image eines Discounters. Der damalige Patron machte aus der Not eine Tugend: Wo er keinen Lieferanten für ein Produkt fand, produzierte die Migros selbst, und zwar unter eigenem Markennamen und zu deutlich tieferen Preisen.

Dafür entwickelte und baute die Migros eigene Industriebetriebe – etwa den Fleischverarbeiter Micarna, den Schokoladenhersteller Frey und den Bäckereibetrieb Jowa. Der Anteil der Eigenmarken am Sortiment beträgt heute über 90 Prozent.

Gottlieb trifft Gottlieb

In die Zwanzigerjahre fällt auch der Beginn der Zusammenarbeit zwischen der Migros und der Gümliger Nahrungsmittelgruppe Haco. 1929 lernten sich Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler und Haco-Chef Gottlieb Lüscher kennen. Weil die Migros immer noch Mühe gehabt hatte, Lieferanten zu finden, kam es zur Kooperation: Mit vier Bouillon-Sorten und der Ovomaltine-Kopie Eimalzin produzierte Haco die ersten Produkte für die Migros. 1931 folgte der koffeinfreie Zaun-Kaffee als Gegenstück zu Kaffee Hag.

Haco entwickelt auch neue Produkte für Migros wie etwa die Farmer-Riegel (vgl. Text unten rechts). Jährlich sind es rund 20 Innovationen. Zudem stellt Haco auch 10 Budgetprodukte für die Migros her.

Bei den Nachahmerprodukten ist Haco in den letzten Jahren unter Druck geraten. Nicht in juristischer Hinsicht. Denn gegen Nachahmungen können sich die Markenhersteller rechtlich kaum wehren. Das Handelsgericht Aarau entschied etwa vor zwei Jahren im Streit zwischen den Beutelsuppen-Herstellern Knorr und Haco (Bon-Chef-Suppen) zugunsten des Nachahmers. Ein Markenspezialist sagt, die Verwechslungsgefahr werde weniger streng ausgelegt als früher. Zudem sei ein Lebensmittel bestehend aus verschiedenen Rohmaterialien nicht patentierbar.

Haco ist dem zunehmenden Preisdruck bei den Markenartikeln ausgesetzt – dieser wirkt entsprechend auch auf die Eigenmarkenprodukte. Bereits als die deutschen Discounter Aldi und Lidl vor rund sechs Jahren den Schweizer Markteintritt ankündigten, fingen die Preise an zu purzeln. Der Prozess verschärfte sich, als die Discounter 2005 respektive 2009 in der Schweiz Fuss fassten. «Haco musste die Preise auf diversen Artikeln senken», sagt Haco-Chef Markus Kähr. Inzwischen betreibt Aldi über 120 Filialen schweizweit. Lidl eröffnete kürzlich in Thun die 50. Filiale in der Schweiz.

Intensiviert hat sich der Preisdruck für Haco, als die Migros vermehrt Markenprodukte ins Sortiment aufnahm. Bei den Knorr-Suppen geschah dies 2004, Nescafé hat die Migros Anfang Jahr ins Sortiment aufgenommen. Entsprechend sinkt der Umsatz – nicht nur bei den Nachahmerprodukten –, den Haco über die Migros erzielt. «Jährlich um zwei bis drei Prozent», sagt Kähr. Über den Migros-Kanal erwirtschaftet Haco in der Schweiz rund 50 Prozent vom Gesamtumsatz.

Aldi als neuer Absatzkanal

Statt sich über den sinkenden Umsatz zu beschweren, erschliesst Haco neue Absatzkanäle. «Wir sind in Verhandlung mit diversen Detailhändlern», sagt Kähr. Haco kann nicht für die Migros entwickelte Produkte an andere Detailhändler verkaufen, aber «wir können Produkte für neue Interessenten entwickeln.»

Der Böse wird zum Partner: Ein neuer Kanal für Haco ist Aldi. Zwei Kaffeeprodukte stellt das Gümliger Unternehmen für den deutschen Anbieter her. (Der Bund)

Erstellt: 21.09.2010, 15:47 Uhr

Anfänge in der Pharma-Branche

Die Haco wurde 1922 als Produktions- und Vertriebsunternehmen für die Berner Apotheke Haaf & Co gegründet. Durch den Erwerb der TexTon in Gümligen 1923 kam Haco in den Besitz der Suppen- und Bouillon-Herstellungsverfahren. Erst 1965 verkaufte Haco den Pharmabereich. Insgesamt beschäftigt Haco weltweit 740 Mitarbeitende – davon sind 375 in Gümligen tätig. 2009 erwirtschaftete das Unternehmen einen Umsatz von 270 Mio. Franken – die Hälfte im Ausland. Die Nahrungsmittelgruppe stellt Saucen, Kaffee, Riegel, Bouillon, Suppen und Fertiggerichte her. Haco ist im Besitz von 190 Aktionären – vorwiegend Nachkommen der Gründerfamilien Sarasin, Bally, Ehinger und Oswald.

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