Wie die Berner in die Höhe schossen

Die Berner haben in 130 Jahren dank besseren Lebensbedingungen über fünfzehn Zentimeter an Körpergrösse zugelegt. Heute wachsen sie nicht mehr in die Höhe, sondern in die Breite.

1905, als diese handkolorierte Fotografie entstand, war Übergewicht bei Stellungspflichtigen noch kaum ein Thema.

1905, als diese handkolorierte Fotografie entstand, war Übergewicht bei Stellungspflichtigen noch kaum ein Thema.

(Bild: zvg)

Simon Wälti

Immer wieder heisst es, mit den Bernern sei es nichts. Weder Saft noch Kraft, keine wirtschaftliche Tüchtigkeit, keine Ideen, im Ganzen ein verlotterter Kanton träger Subventionsbezüger. Doch in einer grundlegenden Hinsicht haben die Berner in den letzten 130 Jahren Boden auf die übrige Schweiz gutgemacht: bei der Körpergrösse. Dies belegt eine Untersuchung von Kaspar Staub in der neuesten Ausgabe der «Berner Zeitschrift für Geschichte». Staub arbeitet am Zentrum für evolutionäre Medizin der Universität Zürich.

1878/79 lagen die Berner Stellungspflichtigen mit einer Grösse von 162,9 cm leicht unter dem Schweizer Mittelwert von 163,3cm. Viele litten an Mangelernährung. Ein Fünftel wurde als untauglich erklärt, weil die Männer zu klein oder zu leicht waren. In der Zwischenzeit haben die Berner mächtig aufgeholt und liegen mit einer Durchschnittsgrösse von 178,23 cm sogar leicht über dem gesamtschweizerischen Wert von 178,17 cm (Daten von 2008/2009). Damals waren nicht einmal 6 Prozent der jungen Männer grösser als 175 cm, heute sind es 72 Prozent.

Kleiner als Appenzeller

Die Appenzeller gelten als die kleinsten Schweizer, doch im 19. Jahrhundert wurden die Appenzeller Rekruten von den jungen Männern aus Schwarzenburg und Frutigen noch untertroffen. Die Appenzeller massen im Schnitt 159,7 cm, Oberländer aus dem Wohnbezirk Frutigen 159,4 cm. Die Stellungspflichtigen aus dem Berner Jura konnten sich dagegen damals mit über 166 cm mit den grössten Männern in den Städten Genf oder Basel messen. Daten von Frauen liegen dank Angaben in Reisepässen vor. Um 1800 waren Frauen 157 cm gross, wobei es wie bei den Männern deutliche Schichtunterschiede gab: Schneiderinnen waren 156 cm gross, Lehrerinnen dagegen fast 160 cm.

Die Körpergrösse ist ein Indikator für den Lebensstandard. Ist der Ernährungszustand mangelhaft, so wirkt sich dies negativ auf das Wachstum aus. Dieser Zusammenhang wurde schon im 18. Jahrhundert erkannt. So schrieb etwa der Diakon Albrecht Stapfer aus Oberdiessbach über die Landjugend: «Die Kinder armer Leute, die nicht imstande sind, ihnen zureichende Nahrung zu reichen, bleiben gewöhnlich klein und schwach; man darf nur in eine Landschule treten, so wird man den Unterschied zwischen den Kindern begüterter Eltern und den Kindern der Armen bald an ihrer Leibesgestalt sehen.»

Ein Volk von Kropfträgern

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts verbesserte sich die Ernährungssituation für breite Bevölkerungsschichten. Es stand mehr Geld für Nahrung zur Verfügung. Auch bei den hygienischen Verhältnissen wurden Verbesserungen erzielt. Nach dem 1. Weltkrieg schenkte man der Gesundheit der Schulkinder verstärkte Aufmerksamkeit. In der Stadt Bern wurden die Kinder während ihrer Schulzeit mehrfach vom Schularzt untersucht. Grosse Erfolge zeitigte die Behandlung mit Jodtabletten zur Kropfprophylaxe. 1923 wiesen 60 Prozent aller Schülerinnen und Schüler der 5. Klasse eine vergrösserte Schilddrüse auf. Das Jod brachte nicht nur die Kröpfe zum Verschwinden, sondern kurbelte auch über den Hormonspiegel das Wachstum an.

Schlecht ernährte Kinder wurden im Sommer in Ferienkolonien verschickt, wo sie während vier Wochen durchschnittlich um 1,5 kg an Gewicht zunahmen. Im Winter gab es die Schülerspeisungen, von denen in den 1920er-Jahren über 30 Prozent der Kinder profitierten. Die Kinder wurden mit Suppe, Brot und Milch verköstigt, manche erhielten auch Kleider. Die Programme zum Ausgleich sozialer Gesundheitsunterschiede zeitigten nachhaltige Wirkung.

Das dicke Ende

Seit den 1990er-Jahren ist die Entwicklung der Körpergrösse abgebremst, ein Phänomen, das in ganz Mittel- und Nordeuropa zu beobachten ist. Offenbar ist die genetisch mögliche Obergrenze erreicht, nun wachsen die Menschen nicht mehr in die Höhe, sondern in die Breite. Männer und Frauen werden nicht mehr grösser, sondern dicker. Laut einer Studie des Universitätsspitals Lausanne, die kürzlich veröffentlicht wurde, sind 58 Prozent der Frauen in der Schweiz und 48 Prozent der Männer zu dick. Über 30 Prozent der als übergewichtig bezeichneten Personen seien sogar stark übergewichtig. Gemessen wurde der Bauchumfang. Die Studie wurde von einigen Fachleuten allerdings angezweifelt.

Unbestritten ist jedoch, dass die Menschen schwerer geworden sind, wie Kaspar Staub aufgrund der Aushebungsdaten belegt. Hier wurden die BMI-Daten erhoben. Grob gesagt war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Mangelernährung und damit Untergewicht weit verbreitet, in den 1930er-Jahren wies die überwiegende Mehrheit ein normales Gewicht auf, während heute rund ein Viertel der jungen Berner übergewichtig ist. Was in unsicheren Zeiten ein Vorteil war, nämlich, dass der Mensch Energiereserven in Form von Fett bilden konnte, ist zu einem gewichtigen Nachteil geworden.

Der Bund

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