Wie aus einem Armenquartier die Matte wurde

Zum 100-Jahr-Jubiläum der Baugenossenschaft Bern hat Kunsthistoriker Manuel Kehrli ein Buch herausgegeben, das die Entstehung des Mattequartiers beschreibt.

Die sanierten Häuser der Badgasse 1924.

Die sanierten Häuser der Badgasse 1924. Bild: zvg

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«Wo Licht und Luft fehlt, verkümmert die Pflanze, verkümmert das Haustier und verkümmert auch der Mensch.» Heute fällt es schwer, sich vorzustellen, dass der Berner Polizeiarzt Friedrich Wilhelm Ost 1897 bei diesen Worten an das Mattequartier gedacht hat. Wir kennen das Altstadtquartier als begehrtes Wohngebiet mit reichem kulturellem Angebot und einem sehr eigenen Charme. In der Matte eine Wohnung zu finden, ist nicht unbedingt ein einfaches Unterfangen.

Auch für die Menschen, die im Sommer 1889 auf der Suche in die Stadt Bern strömten, war es nicht einfach, eine Bleibe zu finden. Etliche von ihnen verbrachten die Nächte im Bremgartenwald, wie zeitgenössische Berichte festhielten. Der Sog der Industrialisierung liess die Bevölkerung der Stadt von 1888 bis 1900 von 46'000 Menschen auf 64'000 anwachsen. Jene, die im Mattequartier unterkamen, fanden dort, was man heute wohl als Slum bezeichnen würde. Die Wohnungen waren hoffnungslos überfüllt, feucht und mangelhaft geheizt, die sanitären Anlagen ungenügend. Oft teilten sich mehrere Familien den gleichen Abort. Die prekären hygienischen Bedingungen machten die Matte zu einem Herd von Krankheiten und Seuchen, wie zum Beispiel Tuberkulose.

Nicht immer Armenquartier

Das neu erscheinende Buch «Licht und Luft» beschreibt die Zustände im Mattenquartier des ausgehenden 19. Jahrhunderts und geht auf dessen Entstehung ein. Es wird vom Kunsthistoriker Manuel Kehrli zum 100-Jahr-Jubiläum der Gemeinnützigen Baugenossenschaft Bern herausgegeben.

Die Matte sei nicht immer ein Unterschichtenquartier gewesen, betont Kehrli. Erst das starke Bevölkerungswachstum im 19. Jahrhundert und die Ausdehnung der Stadt hätten zur Bildung spezifischer Oberschichten- und Unterschichtenviertel geführt. In Häusern, wo zuvor bürgerliche Familien auf vier Stöcken gelebt hatten, wohnte nun auf jeder Etage mindestens eine Arbeiterfamilie. Die tiefen Mietzinse, welche die Arbeiter zahlten, wurden von den Hausbesitzern über die konsequente Vernachlässigung der Gebäude kompensiert. Die Berner Hygienebewegung, die aus dem Bestreben medizinischer und akademischer Kreise hervorgegangen war, Epidemien und Krankheiten zu begegnen, ortete in den baufälligen, schattigen und überbevölkerten Quartieren der Unterschicht den Hauptgrund für Krankheiten.

Sanieren gegen Krankheiten

Der Polizeiarzt Friedrich Wilhelm Ost war ein wichtiger Exponent dieser Bewegung. Um die Sanierung des Mattequartiers in Angriff zu nehmen und so die Tuberkulose zu bekämpfen, fanden sich rund um Ost am 16. März 1911 80 Berner Bürger im Casino ein. Sie begründeten die Gemeinnützige Baugenossenschaft Bern. Das Startkapital von 260 000 Franken ermöglichte bereits im ersten Jahr den Kauf von neun Häusern an der Badgasse. Bis 1931 wurden diese abgerissen und im Hinblick auf die Verbesserung der sanitären Einrichtung und der hygienischen Standards neu erbaut.

Heute sind in der Matte rund 40 Liegenschaften mit etwa 500 Mietenden im Besitz der Baugenossenschaft. Neben deren Bemühungen hat wohl der Wirtschaftsaufschwung massgeblich zum Schwinden der Armut im Mattequartier beigetragen. Allerdings: «Die Genossenschaftswohnungen werden noch heute nicht an Grossverdiener vermietet», so Kehrli. Auch deshalb sei die Matte stark durchmischt geblieben. (Der Bund)

Erstellt: 27.08.2011, 12:09 Uhr

Das Leben in der Gasse im Mattequartier (1924). (Bild: zvg)

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