Wie Bern zu seinem Namen kam

Der vierte Band des Ortsnamenbuchs des Kantons Bern liegt vor. Die Forscher vermuten, dass Bern-Gründer Herzog Berthold V. von Zähringen den Namen von Verona, «Welsch-Bern», entlehnt hat.

Liebe zum Detail: Erich Blatter (links) und Thomas Franz Schneider erforschen die Herkunft der Ortsnamen.<br /> (Manu Friederich)

Liebe zum Detail: Erich Blatter (links) und Thomas Franz Schneider erforschen die Herkunft der Ortsnamen.
(Manu Friederich)

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Wenn man einen Namen hört oder sieht, denkt man sich gemeinhin nicht viel dabei. Anders Thomas Franz Schneider und Erich Blatter von der Forschungsstelle für Namenkunde am Institut für Germanistik der Universität Bern. Zusammen mit fünf Mitarbeitenden zeichnen sie unter der Leitung von Professorin Elke Hentschel für das Projekt «Ortsnamenbuch des Kantons Bern» verantwortlich, das von der Universität und vom Nationalfonds finanziert wird. Nun liegt der vierte Band mit den Anfangsbuchstaben N–B/P vor. Die Buchstaben B und P sind im Berndeutschen nur schwer auseinanderzuhalten und zum Teil austauschbar.

Nichts wird ausgelassen

«Möglichst alle Belege, die wir haben, werden im Buch dargestellt und präsentiert», sagt Blatter. Das Ortsnamenbuch umfasst nicht nur die Namen von Gemeinden und Dörfern im Kanton Bern, sondern auch alle Flurnamen. Schneider und Blatter können sich auf eine umfangreiche Belegsammlung stützen, die von 1943 bis 1963 angelegt wurde. Mitarbeiter «im Aussendienst» befragten die Leute vor Ort nach Flurnamen und deren Aussprache und hielten die Antworten auf Karteikärtchen fest. Von diesem Schatz zehren Schneider und Blatter noch heute. «Je mehr Material wir haben, desto mehr Aussagen können wir machen», erklärt Schneider. Zu den Hauptquellen gehören auch die Urbare, Zins- und Güterverzeichnisse, die nach der Reformation angelegt wurden. Gegen 200 Stück wurden durchforstet. «Es ist ein Zusammenspiel der Wissenschaften, wir werten auch die Erkenntnisse der Archäologie aus», sagt Blatter.

Ein Name mit «viel Renommee»

Ein schwieriger Fall ist Bern. 1984 fand ein Hobbyarchäologe bei Ausgrabungen auf der Engehalbinsel ein Zinktäfelchen, auf dem der Name Brenodor verzeichnet war, was als Bezeichnung der keltischen Siedlung gedeutet wurde. «Von Brenodor führt kein direkter Weg zu Bern, weder sprachwissenschaftlich noch geschichtlich», sagt jedoch Schneider. Es sei nicht einmal sicher, ob Brenodor wirklich der Name der Siedlung sei. «Bern wurde von Herzog Berthold 1191 auf der grünen Matte gegründet.» Eine Siedlung habe es an diesem Standort vorher wahrscheinlich nicht gegeben, ergänzt Blatter, es gebe keine einschlägigen archäologischen Funde aus der Zeit vor der Stadtgründung. «Die Besiedlung auf der Enge-Halbinsel ging viel früher unter. Es klafft eine Lücke von rund 700 Jahren.» Schneider knüpft an die Erkenntnisse des Historikers Ferdinand Vetter an.

Dieser habe bereits an der Wende zum 20. Jahrhundert überzeugend darlegen können, dass Bern von der italienischen Stadt Verona, die als «Welsch-Bern» bekannt war, abgeleitet sei. Dafür gebe es zwei Gründe, sagt Schneider: «Die Zähringer waren am Anfang ihrer Laufbahn Herzoge von Kärnten, dazu gehörte die Markgrafschaft Verona. Dazu war Dietrich von Bern eine überaus populäre Figur, ein Volksheld.» Herzog Berthold V. wählte also einen «programmatischen Namen mit viel Renommee». Die Sagengestalt Dietrich von Bern ging aus dem historischen Gotenkönig Theoderich hervor.

Keine exakte Wissenschaft

Die Verbindung Berns mit dem Bild des Bären durch die spätere Gründungssage sei wohl volksetymologisch zu deuten, heisst es im Ortsnamenbuch. Nach der Justinger-Chronik von 1420 soll Berthold bei der Stadtgründung im zu rodenden Eichenwäldchen eine Jagd veranstaltet haben. «Nu wart des ersten ein ber gevangen, darumb wart die stat bern genempt», hielt Justinger die Ereignisse fest. Allerdings wurde in Muri eine Statuettengruppe mit Frau und Bär gefunden, welche die Dea Artio, also die Bärengöttin darstellt und ein Beleg dafür ist, dass der Bär bereits in der keltisch-römischen Zeit im Aaretal verehrt wurde. Das erste schriftliche Zeugnis von Bern stammt aus dem Jahr 1208, wobei von den «scolares» (Gelehrten) «Conradus de vriburch» und «Burcardus de berne» die Rede ist.

Auch die Chronisten sprechen nicht immer eine einheitliche Sprache. Die Schreibweise eines Namens verändert sich. Jahrhunderte später ist es oft schwierig zu entscheiden, welches die früher gängige Form war. Zudem arbeiteten auch die Chronisten nicht fehlerlos, manchmal sassen sie weitab vom Geschehen in ihrer Schreibstube und hatten nur bescheidene Ortskenntnisse. «Es braucht zur sicheren Deutung eine möglichst lückenlose historische Belegreihe», sagt Blatter. Häufig gebe es aber nur Einzelbelege. Die heutige mündliche Form weicht andererseits oft von früheren Schreibweisen ab.

Umgekehrt ist auch der Einfluss der schriftlichen Schreibweise, zum Beispiel auf Ortsschildern, spürbar: Neuzuzüger richten sich nicht selten danach. Je nachdem sagt man dann «Burgdorf», «Burdlef» oder «Burtuf». Oft öffne sich «eine Schere von Möglichkeiten» bei der Deutung der Namen, sagt Schneider. So ein Fall ist Bremgarten. Zwar gibt es auch ein Bremgarten im Kanton Aargau, das ebenfalls in einer Flussschlaufe liegt. Andererseits gebe es auch die Juraalp Bremgarten in Laupersdorf SO und die Alp Bremingard in Charmoy FR, wo weit und breit kein Fluss zu sehen sei. Ein Bezug zu Brenodor sei, wie bei Bern, auch hier nicht herzustellen, sagt Schneider weiter. Bei der Bedeutung von Brenodor gibt es verschiedene Ansätze: Es kommt etwa der keltische Fürstentitel Brennos infrage oder «brenna» für waldiges Gelände oder ein Gewässername Brenno. Klarer scheint der Fall beim zweiten Teil des Namens zu sein, der sich wohl aus dem recht häufigen Element «-duron» ableitet – wie etwa auch Solothurn (Salodurum) und Winterthur (Vitodurum). Es könnte Tor oder Enge bedeutet haben.

Den beiden Wissenschaftlern und ihrem Team geht die Arbeit vorläufig nicht aus. Der vierte Band des Ortsnamenbuchs ist nicht der Abschluss. Die Veröffentlichung des sechsten und letzten Bandes ist im Jahr 2017 vorgesehen «Wir arbeiten zurzeit an den Buchstaben R und S», sagt Erich Blatter. (Der Bund)

Erstellt: 17.05.2011, 14:13 Uhr

Vernissage

Donnerstag, 19. Mai, 18.00 Uhr.

Kuppelraum im Hauptgebäude der Universität Bern, Hochschulstrasse 4.

Viele kennen seinen Anblick, nur wenige die Herkunft seines Namens: der Niesen.
(Manuel Zingg)

Von Niesen bis Nebraska

er Niesen – alle kennen den markanten pyramidenförmigen Berg, der sich am Thunersee bei Spiez erhebt. Über seinen Namen existieren einige Theorien, die Thomas Franz Schneider nicht für plausibel hält. So wurde beispielweise angenommen, dass der Niesen seinen Namen von der Pflanze Nieswurz herleitet, die dort früher verbreitet war. Der Name wurde zuweilen auch auf Enzian und das schweizerdeutsche Wort Jenzene zurückgeführt oder auf den Personennamen Niesso. Schneider bevorzugt eine Deutung aufgrund der frühen Schreibung «jesen» oder «jessen».

«Wir vermuten eine romanische Herkunft, was für die Gegend nichts Aussergewöhnliches darstellt», erklärt Schneider. Demnach wäre der Niesen über ein Patoiswort auf das lateinische Verb «iacere» (liegen) zurückzuführen. «Der Niesen könnte also letztlich nichts anderes als Lager oder Alp bedeuten.»

Die Namenkunde ist nicht immer bierernst und sie berücksichtigt auch die neuen Quellen. So heisst es zum Beispiel unter Piz Gloria: «Der Name bezeichnet im James-Bond-Roman ‹On Her Majesty’s Secret Service› von Ian Fleming einen fiktiven Berg im Oberengadin GR mit dem dort typischen rätorom. Bergnamengrundwort. Seit der Verfilmung des Romans 1968/69 u. a. auf dem Schilthorn vermarkten die Schilthornbahnen den Berggipfel mit dem Drehrestaurant auch unter dem inoffiziellen Zweitnamen Piz Gloria.»

Dies ist keineswegs der einzige Fall von neuer und nicht ganz ernster Namengebung. In der Gemeinde Trachselwald im Emmental zum Beispiel gibt es das Heimwesen Nebraska. This Fetzer, einer der Mitarbeitenden am Ortsnamenbuch, vermutet einen Scherznamen, weil das benachbarte Heimwesen nach Wisconsin, einem anderen US-Bundesstaat, benannt ist. In anderen Fällen hat die Benennung nach Überseegebieten oft reale Hintergründe in der Auswanderung oder in historischen Ereignissen. So gibt es ein Sibirien an der Autobahn bei Lyss, die Mandschurei in Busswil bei Büren oder «im Kaliforni» bei der Mündung der Zulg in die Aare. Sibirien und «im Kaliforni» haben es als Flurnamen auf die Landeskarte geschafft – was bei Nebraska nicht der Fall ist.

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