Westside muss noch zulegen

Der Libeskind-Komplex in Berns Westen sei «auf Kurs», sagt Westside-Chef Anton Gäumann. Doch um dereinst zu den grossen Schweizer Einkaufszentren zu gehören, müssen im Westside mehr Kunden mehr Geld ausgeben.

Das neue Einkaufszentrum füllt sich meist erst gegen Abend oder am Wochenende. (Adrian Moser)

Das neue Einkaufszentrum füllt sich meist erst gegen Abend oder am Wochenende. (Adrian Moser)

Adrian Sulc@adriansulc

Vor einem Jahr herrschte in Bern Brünnen grosser Bahnhof: Stararchitekt Daniel Libeskind eröffnete gemeinsam mit lokaler Prominenz das grösste Einkaufs- und Freizeitzentrum, das Bern je gesehen hat. In den fünf Jahren zuvor blieb auf dem Areal zwischen Tscharnergut, Gäbelbach und Toblerone-Fabrik kein Stein auf dem anderen: Die A1 verschwand unter dem Boden und auf ihr errichteten Bauarbeiter Gebäude mit schiefen Wänden und Winkeln. Rund eine halbe Milliarde Franken kostete das Vorhaben.

«Wir sind auf Kurs.» Diesen Satz wiederholt Anton Gäumann im Gespräch mit dem «Bund» oft. Er ist Chef der Neuen Brünnen AG, der Migros-Tochtergesellschaft, die das Westside betreibt und besitzt. Doch ebenso oft betont Gäumann, dass es drei bis fünf Jahre dauere, «bis sich das Zentrum etabliert hat». Mit 4,2 Millionen statt der budgetierten 3,5 Millionen Besucherinnen und Besuchern im ersten Jahr kann das Zentrum zwar eine stattliche Frequenz vermelden. Doch jeder Westside-Gast hat gemäss Statistik 43 Franken ausgegeben – beim Einkaufen, Essen, Baden und im Kino. 180 Millionen Franken sind insgesamt so zusammengekommen – für ein Einkaufszentrum mit den Ausmassen von Westside noch relativ wenig. Welcher Umsatz budgetiert war, wollte Gäumann nicht sagen.

Noch keine Mieterwechsel

Gemäss der gestrigen Medienmitteilung sind nicht alle Mieter mit ihrem Umsatz zufrieden. Tatsächlich stehen die Verkäuferinnen in manchen Geschäften nicht selten alleine im Laden. Von den Kleidergeschäften etwa, sagen Beobachter, sei H&M gut frequentiert, kleinere und teurere Länden zum Teil jedoch relativ schlecht. Mieterwechsel hat es bis anhin jedoch keine gegeben. Gäumann rechnet aber so oder so mit einer Fluktuation von 10 bis 15 Prozent der Mieter in den ersten fünf Jahren.

Gäumann bekräftigte gestern das Ziel, Westside solle dereinst zu den fünf bis sechs grössten Shoppingcentern im Land gehören. Will man Westside mit anderen Einkaufszentren vergleichen, darf man nur Umsatz aus Verkauf und Restaurants berücksichtigen. Westside rechnet aber Erträge aus Hotel, Kino, Bad und gar der Altersresidenz in den Umsatz von 180 Millionen Franken mit ein. Gemäss «Bund»-Schätzungen machen Detailhandel und Gastronomie bei Westside rund 150 Millionen Franken aus.

Westside erst auf Platz 27

Damit läge Westside auf der letztjährigen Rangliste der Schweizer Einkaufszentren (ohne Bahnhöfe) etwa auf dem 27. Platz. Um in die gewünschte Liga aufzusteigen, müsste der Shopping- und Gastro-Umsatz von Westside auf gut 280 Millionen Franken anwachsen – das braucht Zeit und gutes Marketing. Zum Vergleich: Das ebenfalls von der Migros betriebene Shoppyland in Schönbühl verzeichnete letztes Jahr gemäss Statistik der Gesellschaft für Konsumforschung einen Umsatz von 258 Millionen Franken, das von Konkurrent Coop betriebene Wankdorf-Center einen Umsatz von 120 Millionen Franken.

Zentrumschef Gäumann betont, bei Westside handle es sich nicht um ein gewöhnliches Einkaufszentrum – das Spezielle sei hier, dass Einkauf und Freizeit kombiniert würden. Und im Angebot, den Wocheneinkauf mit Essen, Kino oder Bad zu verbinden (das Westside bietet gekühlte Schliessfächer an), liege noch Potenzial.

Am Mietermix – mit Globus, Sprüngli und teureren Kleidermarken ein gehobenes Segment – will Gäumann nicht rütteln. Auf den Mangel eines Supermarkts mit Alkohol wie etwa Denner haben die Betreiber pragmatisch reagiert: Der zum Migros-Konzern gehörende Globus bietet nun auch günstige Biersorten im Zehnerpack an.

Jeder Vierte aus der Romandie

Ein Problem ist, dass die Besucherfrequenzen, vor allem in der ersten Wochenhälfte, erst ab dem späteren Nachmittag anziehen. Die Öffnung der Geschäfte von 9 Uhr nach hinten zu verschieben, ist für Gäumann aber kein Thema. Im zweiten Jahr gehe es darum, «weitere Kunden dazuzugewinnen», schreibt die Neue Brünnen AG.

Aus dem selbstdefinierten Einzugsgebiet mit 1,2 Millionen Bewohnern, die Brünnen innert 45 Minuten erreichen können, kommen Kunden aus Stadt und Land, sagt Gäumann. Bemerkenswert ist, dass 20 bis 25 Prozent der Westside-Kunden aus den Kantonen Freiburg und Neuenburg kommen, wie Gäumann sagt. In der Tat hört man im Zentrum mit Autobahnanschluss immer wieder französisch.

Fest und Buch: Von heute Donnerstag bis Samstag feiert Westside mit verschiedenen Attraktionen und kostenlosen Vorstellungen von Florian Ast, Öff-Öff und Tomazobi das einjährige Bestehen. Dazu erscheint der 200-seitige Bildband «Erlebnis Westside» zum Preis von 58 Franken (bis Samstag 39 Franken), erhältlich im Westside-Shop.

Der Bund

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt