«Wertschätzung und Klarheit»

Porträt

Sie hat reiche Berufserfahrungen als Lehrerin, Bäuerin, Theologin, Sozialarbeiterin und Wahlbeobachterin: Annette Keller, die Marianne Heimoz als Direktorin der Frauenstrafanstalt Hindelbank ablöst.

«Wertschätzung, Klarheit, Verantwortung – das soll mein Kompass sein»: Die neue Hindelbank-Direktorin Annette Keller. (Valérie Chételat)

«Wertschätzung, Klarheit, Verantwortung – das soll mein Kompass sein»: Die neue Hindelbank-Direktorin Annette Keller. (Valérie Chételat)

Sie war Lehrerin in der Ostschweiz, absolvierte die Bäuerinnenschule Arenenberg, arbeitete als Köchin und Hilfspflegerin, war Sekretärin des Schweizerischen Ökumenischen Friedensprogramms. Nach dem Theologiestudium in Bern wirkte sie vier Jahre als Pfarrerin in Urtenen-Schönbühl, wechselte dann als Betreuerin in die Frauenstrafanstalt Hindelbank. Dort wurde sie Vollzugsleiterin, bis sie – nach acht Jahren «Hindelbank» – Leiterin des Sozialdienstes der Universitären Psychiatrischen Dienste Bern (UPD) wurde.Dazwischen machte sie die Sozialarbeiterinnen-Ausbildung, machte eine Management-Weiterbildung im Sozial- und Gesundheitsbereich und war in den vergangenen zwanzig Jahren immer wieder als internationale Wahlbeobachterin des EDA tätig – für längere Einsätze in Serbien, Kosovo und der Moldau, für Kurzbeobachtungen in Südafrika, Armenien, Montenegro, Georgien, Tadschikistan, der Slowakei und der Ukraine. Neben ihrem spitzen, aber sympathischen Thurgauer Dialekt spricht sie Deutsch, Französisch, Englisch und Spanisch.

«An einem lebendigen Ort»

Nun ist Annette Keller, eine bald 50-jährige zierliche Frau mit offener, gewinnender Ausstrahlung, Direktorin der Frauenstrafanstalt Hindelbank. Sie weiss aus eigener Erfahrung, dass sie damit «eine grosse Herausforderung an einem lebendigen Ort» annimmt – an einem Ort, der auch «für alle andern, die dort sind», herausfordernd sei: Für die rund hundert Eingewiesenen (107 Plätze), für die es eine Zwangsgemeinschaft sei, und für die über hundert Mitarbeitenden (80 Vollstellen), die einen klaren Auftrag zu erfüllen hätten – in Bezug auf Sicherheit und in Bezug auf Wiedereingliederung.

Sie freut sich auf diese «sinnvolle gesellschaftliche Aufgabe», auf «das Zusammenarbeiten in einer herausfordernden Situation» – darauf, zusammen mit den Mitarbeitenden diesen Ort gestalten zu können. Eine Strafanstalt sei ein Ort, wo man sich nicht gegenseitig aus dem Weg gehen könne und wo «die gesamte menschliche Dynamik» spürbar sei: «Die Widersprüchlichkeit des Menschen und die Würde des Menschen sind hier immer Thema.»

«In ihrer Widersprüchlichkeit»

Dass sie es in Hindelbank mit «schwierigen Frauen» zu tun hat, ist Annette Keller bewusst, doch: «Schwierige Leute» gebe es überall, sagt sie, in der Strafanstalt sei das Nebeneinander von Fähigkeiten und Defiziten aber offensichtlicher als anderswo. Viele inhaftierte Täterinnen hätten übrigens früher selber Gewalterfahrungen gemacht. Sie hätten nicht nur schwierige, sondern auch kompetente Seiten – «Ressourcen», die es bei den Resozialisierungsbemühungen zu fördern gelte. Sie glaube grundsätzlich ans Gute im Menschen, aber sie sei nicht leichtgläubig: «Ich werde genau hinschauen, Probleme nicht übersehen, Risiken abwägen, Konflikten nicht aus dem Weg gehen. Aber ich bin bereit, die Menschen in ihrer Widersprüchlichkeit wahrzunehmen und anzunehmen. Das ist für mich die Grundlage für Veränderung und Entwicklung.»

Ihre Aufgabe sei es, in Hindelbank den Rahmen für ein sicheres, geordnetes und friedliches Zusammenleben zu schaffen – im Innern der Anstalt und auch gegen aussen.

«Wenn die Strafe verbüsst ist . . .»

Das Hinarbeiten auf die Wiedereingliederung sei auch ein Gebot der Sicherheit – der langfristigen Sicherheit: «Wenn entlassene Straftäterinnen und Straftäter nicht rückfällig werden, hat das auch mit Sicherheit zu tun.» Freiheitsstrafen seien zwar auch da, um eine Tat zu sühnen, doch: «Wenn die Strafe verbüsst ist, sollen die Frauen das Recht haben, wieder frei in der Gemeinschaft zu leben. Deshalb sollen sie im Vollzug die Chance erhalten, Entwicklungsschritte zu tun. Mit dem Ziel, dass sie dann in der Freiheit bestehen können, ohne rückfällig zu werden.»

Dass Annette Keller schon acht Jahre – von 2000 bis 2008 – als Betreuerin und Vollzugsleiterin in Hindelbank gearbeitet hat, erleichtert ihr die «Rückkehr» in die Anstalt. «Das hilft mir, einen guten Boden zu haben», sagt sie, «den Wert der Arbeit an der Basis zu erkennen, Wichtiges von weniger Wichtigem zu unterscheiden oder den Sinn vermeintlich unwesentlicher Detailregeln im Anstaltsalltag von allem Anfang an einzusehen. Und es macht mir bewusst, dass ich nun auch Managerin sein werde, als Direktorin kaum direkt mit den eingewiesenen Frauen werde arbeiten können. Aber ich werde möglichst dafür sorgen, dass die Mitarbeitenden dies optimal tun könnten.»

Bereits zwei grosse «Brocken»

Annette Keller hat ihre Stelle Anfang Mai angetreten, doch die scheidende Direktorin Marianne Heimoz verlässt Hindelbank erst Ende Monat. Die neue Aufgabe am alten Ort packt Keller also definitiv erst Ende Monat an. Und wird sich bereits mit zwei grossen «Brocken» zu beschäftigen haben: mit der Eröffnung der neuen Therapie-Wohngruppe für Frauen mit stationären Massnahmen und mit der Planung des seit längerer Zeit vorgesehenen Teilneubaus der Anstalt. Doch zuerst wolle sie sich in den einzelnen Abteilungen umsehen und Gespräche mit den Mitarbeitenden führen. Erst dann könne sie sagen, «was, wo, wie» zu tun sei. Mit ihrer breiten Aus- und Weiterbildung und ihrer reichen Berufserfahrung wird sie bestens dafür gewappnet sein.

Die Tätigkeit als Sozialarbeiterin, Lehrerin und Pfarrerin habe ihr zwar sehr gefallen, doch eigentlich sei sie «eher eine Macherin als eine Predigerin» – ohne die Lehr- und Pfarrtätigkeit abwerten zu wollen. Deshalb habe sie nach ihrer Zeit als Lehrerin auch die Bäuerinnenschule absolviert: «Um die Erde zu spüren, das Praktische zu erfahren. Ich koche und nähe noch immer gern, liebe auch handwerkliches Arbeiten.» Auch ihre internationalen Einsätze als Wahlbeobachterin hätten ihr viel gebracht und «wertvolle Einblicke in andere Lebensbedingungen und Lebensweisen» ermöglicht. Und Erholung finde sie im geselligen Kreis mit Freunden, in der Natur, beim Bergwandern mit ihrem Lebenspartner und beim Joggen: «Ich laufe regelmässig. Zum Plausch, weil es mir guttut. Und ohne Ambitionen.»

Durchatmen und nachdenken

Und beim Joggen könne sie gut durchatmen und nachdenken. Auch über Hindelbank. «Zum Beispiel darüber, was meine Arbeit in Hindelbank prägen soll. Drei Stichworte kann ich nennen: Wertschätzung, Klarheit, Verantwortung. Das wird mein Kompass sein.»

Der Bund

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