Wer schön sein will, muss kurz leiden

Porträt

Gabriela Mante befreit Menschen von ihrer «lästigen» Körperbehaarung. Besonders im Sommer ist das Handwerk der Depiladora beliebt.

Gabriela Mante zieht die Haare samt Wurzel aus.

Gabriela Mante zieht die Haare samt Wurzel aus.

(Bild: Franziska Scheidegger)

Zuerst fühlt es sich heiss an, dann wird es angenehm warm. Und jetzt? Erwartungsvoll liegt man in einer kleinen Kabine, die mit einem Vorhang geschlossen wird. Irgendwo weit weg hört man einen Radio laufen. Noch ist nichts passiert. Die Depiladora, so nennt man die professionellen Haarentfernerinnen, rührt im heissen Wachs. Demnächst wird sich das Bein anfühlen, als hätte man ihm die Haut von den Knochen gerissen, so die Gedanken. «Der Schmerz ist nur ganz kurz, und dann spürt man nichts mehr», versichert Gabriela Mante – als könnte sie Gedanken lesen. Sie ist Mitinhaberin von Wax Inn, dem ersten Waxing-Studio in der Schweiz, bei dem man sich – ohne Voranmeldung – seiner lästigen Körperhaare entledigen kann.

Vor allem im Sommer, wenn die Badezeit beginnt, herrscht im Studio Hochbetrieb. Arme, Beine, Rücken, Bikinizone, Oberlippe, Augenbrauen: Es gibt kaum eine Körperstelle, die sich nicht enthaaren lässt – Schmerz hin oder her. «Alle wollen schöne und glatte Haut ­haben, da nimmt man auch etwas auf sich», sagt Mante. Sie redet auch für sich.

Auch Männer wollen keine Haare

Obwohl die Mehrheit ihrer Kunden weiblich und eher jung ist, gibt es auch Männer, die ihre Haare bändigen wollen. «Ihre Hauptproblemzone ist der Rücken», sagt Mante, die ständig zwischen Telefon, Kabinen und Kasse hin und her schwirrt. Das erste Walk-in-Wachsstudio der Schweiz ist eine Erfolgs­geschichte. Dass es in Bern an der Effingerstrasse steht, ist purer Zufall. Mante: «Angefangen hat alles wie ein Kinderspiel» – obwohl das Wachsen nichts für die empfindliche Kinderhaut sei. Auf das Haar gekommen ist sie vor zwei Jahren, am Kindergeburtstag ihres Sohnes. Während eines Gesprächs mit ihren beiden Schwägerinnen stellte sie fest, dass es in der Schweiz – ganz im Gegensatz zu anderen Ländern – noch kein Walk-in-Studio gibt. Mante: «Wir haben eine Marktlücke entdeckt und beschlossen, diese zu füllen.» Als sich die drei Frauen über Angebot, Auftritt und Design klar waren, suchten sie das passende Lokal.

Im Juni 2010 war es so weit. Die ersten Kundinnen und auch einige Kunden betraten Wax Inn. Am Anfang sei es ein oder zwei Mal passiert, dass Herren kamen, die sich im Wax-Studio eine andere Dienstleistung erhofft hatten, erzählt Mante. Doch da jede und jeder eine Kundenkarte ausfüllen muss, blieben solche Versuche rar. Auf der Kundenkarte werden nebst Name und Adresse auch medizinische Informationen erfasst. «Wenn jemand Cortison nimmt oder etwa Accutan gegen Akne, müssen wir das wissen», sagt sie. Diese ­Medikamente wirkten auf die Haut, und es bestehe die Gefahr, dass beim Wachsen eine Reizung oder sogar eine Verletzung verursacht werde. «Es ist zum Aushalten»

Das ist die Horrorvision, vor allem wenn man immer noch da liegt und wartet. «Das ist bei uns noch nie passiert», sagt Mante. Allerdings können nach dem Wachsen schon Reizungen und Rötungen auftreten. Von der Kabine nebenan hört man einen Mann: «Es ist zum Aushalten», sagt er: Und eine Frau: «Beim nächsten Mal wird es noch weniger wehtun.» Ob es gar nicht so schlimm ist? «Die Mehrheit kommt ohne Schrecken davon, und je öfter man sich enthaaren lässt, desto weniger spürt man», sagt Mante.

Auf einer «Menükarte» werden die Spezialitäten angeboten. Als Starter wird einem etwa das Enthaaren der Oberlippe (15 Franken) schmackhaft gemacht. Beim «Main Course» kann man zwischen Beine oben (45 Franken) oder unten (40 Franken), Beine komplett (78 Franken) und Po (35 Franken) wählen. Und zum Dessert wird Bikini klassisch (30 Franken) angeboten – oder Brazilian Bikini (58 Franken), die komplette Entfernung der Schambehaarung. Mante: «Brazilian ist bei den Damen am beliebtesten.» Die Rücken­enthaarung kostet 62 Franken.

Dann folgt auch schon ein heftiger Ruck – so unerwartet schnell, dass man erschrecken könnte. Ein kurzer Schmerz wandert durch den Körper. Die Depiladora drückt mit ihrer Hand auf die schmerzhafte Stelle, und vorbei ist der Graus. Bis jedoch der ganze Unterschenkel von seinen Haaren befreit ist, braucht es mindestens noch 30 Mal. Doch mit jedem Ruck wird es besser, und wenn der Schenkel wie ein frisch gerupftes Huhn aussieht, leicht gerötet, aber haarbefreit, tut es gar nicht mehr weh. «Was bleibt, ist eine haarlose, glatte Haut», sagt Mante, fast so, als würde sie in einer Werbesendung mitspielen.

Der Bund

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