Wenn Beamte mit Messgeräten auf Clubtour gehen

Die Berichte der Lärmfachstelle sind für Clubbetreiber matchentscheidend. Den Messmethoden der Beamten aber vertrauen sie nicht.

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Hanna Jordi

Das Wasserwerk schliesst, das Sous Soul vielleicht auch bald. In beiden Fällen hat die Lärmfachstelle der Kantonspolizei eine zentrale Rolle gespielt. Denn Regierungsstatthalter Christoph Lerch stützt sich bei seinen Entscheiden primär auf ihre Berichte. Das Gesuch des Wasserwerks um eine generelle Überzeit etwa hatte bei Lerch keine Chance – in erster Linie aufgrund der polizeilichen Beurteilung. Wie arbeitet eine Fachstelle, die derart weitreichende Urteile fällt?

Sowohl beim Wasserwerk wie auch beim Sous Soul gaben Lärmklagen den Anlass für den Besuch der Beamten. Sie sollten im Auftrag des Regierungsstatthalters überprüfen, ob Schallschutzmassnahmen erforderlich sind. Es war in beiden Fällen eine Dienstagnacht – ausserhalb der Betriebszeiten – als sich drei Polizeibeamte mit den Besitzern in ihren Lokalen trafen. Nachdem die Musikanlagen aufgedreht waren, massen sie in den Zimmern der Nachbarwohnungen die Lärmpegel.

Diese Werte dienten nur als Hilfsgrösse: Da es für die Beurteilung von Immissionen solcher Betriebe nach Lärmschutzverordnung keine Grenzwerte gibt, müssen sich die Beamten jeweils auf ihr Ohr verlassen. Und ihr Urteil auf den subjektiven Eindruck vor Ort abstützen. In beiden Fällen kamen sie zum Schluss, dass die Nachbarn der Betriebe «erhebliche Störungen» erdulden müssen. Ergo: Um die Belästigung zu verringern, müssten die Gebäudehüllen schalltechnisch isoliert – oder der Lautstärkepegel drastisch gesenkt werden. «Wir müssten also das ganze Gebäude isolieren, um unseren Club weiterbetreiben zu können. Das ist ein Witz», so Wasserwerk-Betreiber Albert Gomez.

Laut Betreibern «unprofessionell»

Die Clubbetreiber von Sous Soul und Wasserwerk sind sich einig: Die Messungen der Polizei waren unprofessionell. Gomez sagt, er habe die Beamten darauf hingewiesen, dass der Schall bei einem gefüllten Raum ganz anders sei und der Geräuschpegel auf der Strasse an einem Dienstag nicht jenem eines Samstags entspreche. Dafür hätten die Beamten kein Ohr gehabt. «Ein Dienstagabend ist kaum repräsentativ. Der Grundlärmpegel ist viel tiefer als am Wochenende», sagt auch Sous-Soul-Betreiber Fire Widmer.

Das Verfahren, welches in jenen Nächten zum Zug kam, ist bei der Lärmfachstelle des Kantons gängig. «Ausserhalb der Betriebszeiten können sehr wohl aussagekräftige Messungen angestellt werden», sagt die Leiterin der Abteilung Umwelt, Martina Rivola, im Namen der ihr unterstellten Fachstelle. «Auf diese Weise können wir bis 100 Dezibel diverse Schallpegel durchtesten und feststellen, wie hoch der Pegel maximal sein darf. Alles andere wäre eine Momentaufnahme.»

Subjektive Sekundärlärmmessung

Neben dem durch die Musik verursachten Lärm wurde in den Berichten auch der Sekundärlärm vor dem Lokal berücksichtigt. Folgender Auszug aus dem Bericht der Lärmfachstelle zum Sous Soul vom Dezember 2009 zeigt, wie der durch Clubbesucher verursachte Lärm gemessen wurde: «Am 04. 12. 2009, ca. 23:30 – 00.00 Uhr, konnte durch den Schreibenden beobachtet werden, wie sich ca. 10 Personen, die eindeutig als Besucher des untersuchten Gastgewerbebetriebs zuzuordnen waren, permanent vor dem Sous Soul aufgehalten hatten.» Der Verfasser stellt in der Folge «Rufe, Gelächter, Diskussionen» fest und bilanziert: «Lärmklagen infolge Sekundärlärmimmissionen müssten im momentanen Zustand als berechtigt eingestuft werden.» Eine halbe Stunde Beobachtung – ein Eindruck: wie garantieren, dass nicht willkürliche Eindrücke in den Bericht einfliessen? Rivola beschwichtigt: «Von Willkür kann keine Rede sein. Wir stützen uns auf Erfahrungswerte und tauschen uns mit den Fachstellen anderer Kantone aus.»

Polizisten sind keine Bauakustiker

Von den Betreibern von Wasserwerk und Sous Soul wird die Kompetenz der zuständigen Beamten grundsätzlich infrage gestellt. «Ich bezweifle, dass einer der Herren, die bei uns gemessen haben, eine anerkannte akustische Ausbildung absolviert hat», sagt Sous-Soul-Betreiber Widmer, der selbst eine Ausbildung zum Tontechniker genossen hat. Stellen die Mitarbeiter der Polizei Fachberichte über Lärmimmissionen aus, ohne entsprechend geschult zu sein? Rivola verneint: «Unsere Mitarbeiter werden intern und extern ausgebildet, um ihr Pflichtenheft erfüllen zu können.» Allerdings betont sie, dass die Lärmfachstelle nicht die gleiche Funktion habe wie ein Bauakustikerbüro: «Ein Hochschulstudium gehört also nicht zum Profil».

Experten der Bauakustik kommen bei Lärmklagen dann zu Wort, wenn beurteilt werden soll, wie die Immissionen des Lokals reduziert werden können. Im Falle des Sous Soul zieht jenes Gutachten in Zweifel, ob die Polizei die Messwerte überhaupt richtig interpretiert hat. Die Wasserwerk-Betreiber haben indes keine Gegenexpertise in Auftrag gegeben – aus Kostengründen. «Wir sind finanziell am Limit», sagt Gomez. Das Überzeit-Bewilligungsverfahren habe sie über 5000 Franken gekostet, ausserdem müssten sie den Rechtsbeistand finanzieren, den sie wegen der Lärmklagen engagiert hätten.

Der Bund

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