Was hat Mussolini in Bern gemauert?

Der Duce hat in Bern agitiert und gearbeitet – hat er auch Endo Anacondas «Hasenhöhle» in Ostermundigen errichtet?

Der Duce wurde am 18. Juni 1903 von der Polizei verhaftet. (Staatsarchiv Kanton Bern)

Der Duce wurde am 18. Juni 1903 von der Polizei verhaftet. (Staatsarchiv Kanton Bern)

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Endo Anaconda lebt in schauerlichem Gemäuer: Der Sänger von Stiller Has hat eine Wohnung in einem Haus in Ostermundigen bezogen, an dem Benito Mussolini als junger Muratore und Handlanger mitgearbeitet haben soll. So bezeugte es Endo Anaconda in einem Interview mit der «SonntagsZeitung.» Auf den Vorwurf, er habe sich das mit Mussolini nur ausgedacht, sagt er: «Ich lüge ja gern, aber das stimmt wirklich. Fragen Sie meine Sekretärin, sie wohnt auch hier im Haus.»

Einige verbürgte Fakten: Als junger Spund kam Benito Mussolini im Frühling 1903 nach Bern, er war noch nicht einmal 20. Er arbeitete vorübergehend bei der Baufirma Froidevaux & Co. im Fischermätteliquartier und wohnte an der Cäcilienstrasse 20.

Mussolini galt als verdächtiges Subjekt: Er wurde von der Polizei beschattet, weil er sich bereits in Lausanne in sozialistischen Kreisen bewegt hatte und als Gewerkschaftsfunktionär tätig war. So erschien am 1. Mai 1903 in einer Sonderausgabe der Zeitschrift «Avvenire del Lavoratore» eine gereimte Lobhudelei auf den französischen Frühsozialisten François Baboeuf. Am 4. April soll er in Thun vor Arbeitern aufgetreten sein. Zudem habe er in der «Spysi» günstige Suppen gelöffelt. Nicht ganz klar ist, ob Mussolini bei Reden vor der italienischen Arbeiterschaft in Bern auch Revolution und Anarchie gepredigt hat. Auf jeden Fall war das Auge des Gesetzes wachsam: Wachtmeister Mollet heftete sich an seine Fersen.

Mussolini schwang nicht nur eine grosse Klappe, sondern zuweilen auch die Maurerkelle. Wie gross die Arbeitsleistung gewesen ist, weiss man nicht. Es heisst jedoch, er habe beim Wohnungsbau in Bümpliz mitgeholfen. Auf jeden Fall kann er nicht ganze Quartiere erbaut haben, denn der nachmalige Faschistenführer und Diktator wurde bereits im Juni 1903 wegen mangelnder Schriften von der Polizei einvernommen und verhaftet.

Am 19. Juni wird Mussolini vermessen und fotografiert. Er ist 1,69 Meter gross, auch seine Fingerabdrücke werden genommen. Nach zehn Tagen Haft wird Mussolini nach Luzern spediert, von dort aus geht es per Eisenbahn zurück nach Italien. Später ist er wieder in Lausanne anzutreffen.

Die Jahre in der Schweiz seien für die Bildung der Persönlichkeit des Duce wichtig, ja prägend gewesen, wird vermutet. In seinen Erinnerungen schreibt Mussolini, der Aufenthalt sei voller harter Momente gewesen.

1913 gab Mussolini noch einmal ein Gastspiel als Redner. Weil er aber befürchten musste, dass die Polizei ihn, beträte er wieder Berner Boden, dingfest machen würde, trat er ennet der Kantonsgrenze im Hotel Moléson in Flamatt im Kanton Freiburg auf. Hier hielt er eine Rede vor mehreren hundert italienischen Einwanderern. Die Berner Polizei avisierte die Freiburger Amtskollegen. Der abkommandierte Agent war jedoch des Italienischen nicht mächtig, weshalb er über den Inhalt der Rede keine Angaben machen konnte.

Zurück nach Ostermundigen. Milena Zala, Anacondas Sekretärin, kann keine Beweise vorlegen. Aber: «Die Geschichte hat sich hartnäckig behauptet und wurde von älteren Leuten im Quartier erzählt.»

Anaconda wohnt im Morosoli-Quartier. Die Häuser wurden von Severin Morosoli erbaut. In einem Artikel schrieb der «Bund» im Jahr 2004: «Das Gerücht, Mussolini habe damals als Maurer eigenhändig am Morosoli-Quartier gebaut, liess sich nicht erhärten.» Eigentlich sprechen die Jahreszahlen dagegen: Die Häuser wurden in den Jahren 1908 bis 1916 errichtet. Mussolini war aber 1903 in Bern.

Man kann spekulieren, Mussolini habe sich, unbemerkt von der Polizei, auch später in Bern aufgehalten. So wird erzählt, er habe auch beim Bau der Halenbrücke zwischen 1911 und 1913 mitgewirkt. Es dürfte sich jedoch um Legenden handeln, denn 1912 war Mussolini bereits Chefredaktor des sozialistischen Parteiorgans «Avanti!» und eine Schlüsselfigur der Partei. (Der Bund)

Erstellt: 25.03.2010, 08:33 Uhr

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