Walter Däpp – finden statt erfinden

Der «Bund»-Journalist Walter Däpp stellt heute Abend im Naturhistorischen Museum Bern seine Reportagensammlung «Herrlich komplizierter Lauf der Zeit» vor.

Walter Däpps grosse Stärke ist das «Verknüpfen von Einzelschicksalen mit gegebenen Lebensbedingungen». (Flavia Trachsel)

Walter Däpps grosse Stärke ist das «Verknüpfen von Einzelschicksalen mit gegebenen Lebensbedingungen». (Flavia Trachsel)

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Der Journalismus ist eitel geworden in den letzten Jahren. Immer öfter machen die Schreibenden sich selbst oder ihre eigene Erfahrungswelt zum Hauptgegenstand ihrer Texte. Trotzdem finden sich in manchen Zeitungen noch Berufsleute, die neugierig sind auf das Fremde, auf das, was ausserhalb ihrer Innensicht liegt. Der langjährige «Bund»-Redaktor Walter Däpp gehört zweifellos dieser selten werdenden Journalistengattung an. Von ihm ist dieser Tage bei Zytglogge eine Reportagensammlung mit dem herrlich unmodernen Titel «Herrlich komplizierter Lauf der Zeit» erschienen.

Wenn Walter Däpp sich einem Thema nähert, treibt ihn die Neugierde. Darin unterscheidet er sich markant von all jenen Berufskollegen, die alles schon zu wissen glauben, bevor sie hingeschaut und hingehört haben. Seine Sicht auf das, worüber er berichtet, ist unvoreingenommen und wirkt dadurch immer frisch und lebendig. Däpp begegnet dem Fremden ohne Vorurteile. Dabei kann dieses Fremde, mit dem er uns in seinen Reportagen bald vertraut macht, durchaus sehr naheliegen. Denn Walter Däpp ist kein Jäger des Exotischen. Freilich ist er auch nicht der typische Chronist des Alltags. Vielmehr kommt es einem vor, als schälte er jeweils das Besondere aus dem Gewöhnlichen heraus, langsam, sorgfältig und beharrlich, bis es vor unseren Augen liegt und wir es bestaunen können. Er übernimmt den komplizierten Teil der Arbeit, damit wir es beim Lesen leicht haben. In diesem Sinn gleicht er dem Uhrmacher Paul Gerber, dessen Porträt-Titel dem Buch den Namen gibt und der über seine Arbeit sagt: «Was ich jedoch mache, kann ich in keinem Schulbuch nachlesen. Ich entwickle es immer wieder neu.»

44 längere Reportagen aus den letzten zehn Jahren legt Walter Däpp in dieser sehr lesenswerten Sammlung vor, chronologisch geordnet und zurückhaltend bebildert. Jeder Text hat seinen eigenen Sog, der uns packt und erst mit dem Schlusspunkt loslässt. Aber nicht für lange, denn «Herrlich komplizierter Lauf der Zeit» ist eines jener Bücher, bei denen wir uns vornehmen, vor dem Einschlafen einen Text zu lesen und dann noch einen anhängen und noch einen und noch einen.

Das hat unter anderem wohl mit Däpps Sprache zu tun. Trotz seiner jahrzehntelangen Berufserfahrung tendiert er nie zu vorgefertigten Sprachbildern. Diese Sprache wird nie zum Selbstzweck oder zum Blendwerk. Sie stellt sich in den Dienst der Porträtierten. Deshalb gelingt es Däpp immer wieder, die Menschen, die er reden lässt, so zu zitieren, dass sie glaubhaft und echt wirken. Wenn dann beispielsweise eine 69-jährige Witwe erzählt, warum sie regelmässig an den Alterstanznachmittagen der Pro Senectute erscheint, klingt das so: «Musik hören, tanzen, reden, lachen, zusammen sein. Das ist doch super. Wenn ich tanze, fühle ich mich jung – so, als wäre ich erst sechzig.» Es ist bloss ein Wort in diesem Zitat, es ist dieses kleine Wort «super», das uns glauben lässt, wir würden die Frau kennen und reden hören, weil wir eine Ahnung davon haben, wer solche Wörter braucht. Das ist zugegebenermassen nur eine Kleinigkeit, aber genau darum geht es.

Am Anfang jeder Reportage nimmt Däpp uns bei der Hand, führt uns behutsam in ein Milieu, eine Umgebung, die wir vielleicht sogar zu kennen glaubten, die sich uns aber bei der Lektüre vollkommen neu erschliesst. Oft beginnt der Autor damit, dass er uns eine Figur näherbringt, einen Auswanderer, einen Bergführer, eine Strafgefangene oder auch ein Rind. «Aha», entfährt es einem dann beispielsweise beim Einstieg in einen Text über den Kaminfeger Bruno Kaufmann, «hier geht es um den Kaminfegerberuf.» Doch dann merken wir weiterlesend, dass Däpp den Fokus viel weiter aufmacht. Wir sind beim Kaminfeger und lernen fast nebenbei Dutzende von Facetten des Entlebuchs kennen. Oder wir sind bei einem achtjährigen Waisenkind aus Indonesien, das den Tsunami überlebt hat. Die Zahlen über Tote und Vermisste bei der Tsunami-Katastrophe von 2004 erscheinen unwirklich. Sie prallen an uns ab wie viele andere Zahlenreihen. Aber auf einmal stehen wir auf einem indonesischen Markt und glauben das ausgelegte Obst zu riechen. Und was uns eben noch vorkam wie eine nackte Statistik, wird wirklich, weil die Opfer und die Überlebenden nun nicht mehr abstrakte Zahlen sind, sondern Leute, die auf den Markt gehen und Orangen kaufen.

Dieses Verknüpfen von Einzelschicksalen mit gegebenen Lebensbedingungen ist Däpps grosse Stärke. Er kann unsere Neugierde stillen und gleichzeitig immer wieder neu entfachen. Er geht sehr nahe an die Menschen und ihre Welt heran, ohne dabei je distanzlos zu wirken. So lesen wir von einem Schweizer, der zehn Jahre in Indien im Gefängnis war. Und obgleich die ganze Tragik dieses Einzelschicksals deutlich wird, kommt Däpp ohne voyeuristische Elemente aus. Er hört einfach hin und schreibt dann scheinbar unspektakuläre Sätze wie diesen: «Vielleicht habe er im Gefängnis Dinge gelernt, sagt er, die ihm jetzt noch nicht bewusst sind.» Und genau so geht es uns, wenn wir uns auf diese Reportagensammlung einlassen. Wir lernen und lernen, ohne dass wir uns dessen richtig bewusst sind. Das kann nur funktionieren, weil die einzelnen Geschichten uns sehr schnell packen. Däpp braucht oft nur einen einzigen Anfangssatz, um uns mitten in die Geschichte zu führen. Das merken wir etwa bei der Reportage über Richard Andenmatten, einen Bergführer aus Zermatt, sie fängt so an: «Ganz genau weiss er es nicht mehr, und es ist ihm auch nicht so wichtig: ‹Bis zu meiner 754. Matterhornbesteigung schrieb ich sie auf, dann verlor ich die Liste.›» Der Berggänger hat die Liste seiner Matterhornbesteigungen verloren und unser Interesse gewonnen. Genau so geht es uns etwa bei Rösi Tschanz, die ihren 71. Sommer auf der Alp verbringt und über die wir am Anfang lesen: «Heuer sei es fast so wie damals im Sommer 1936, als sie hier oben auf der Alp Steinige Schöritz ihren ersten Alpsommer verbrachte.» Wir wollen wissen, was sie meint und sind schon eingetaucht in die Geschichte dieser liebenswürdigen Sennerin, die von sich behauptet, ein Leben ohne ihre Alp wäre für sie kein Leben. So einfach ist das. Und so schwierig.

Die älteste der hier gesammelten Reportagen hat Walter Däpp vor über zehn Jahren geschrieben, die neuste stammt aus dem laufenden Jahr. Das ist deshalb bemerkenswert, weil diese breite Zeitspanne uns feststellen lässt, wie problemlos diese Geschichten altern. Es gibt wohl nicht viele journalistische Texte, die auch nach zehn Jahren noch derart unverbraucht erscheinen. Das macht aus «Herrlich komplizierter Lauf der Zeit» ein Zeitdokument von grossem Wert und – was vielleicht noch wichtiger ist – ein wahres Lesevergnügen.

Walter Däpp, «Herrlich komplizierter Lauf der Zeit», 304 Seiten, Zytglogge-Verlag, ISBN 978-3-7296-0805-4. Buchvernissage heute Dienstag, 19 Uhr, Naturhistorisches Museum Bern. (Der Bund)

Erstellt: 27.04.2010, 07:53 Uhr

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