Vor 75 Jahren: Student aus Bern erschiesst Nazi

Geschichte

Am 4. Februar 1936 erschoss der jüdische Student David Frankfurter, der in Bern studierte, in Davos den Landesgruppenleiter der NSDAP, Wilhelm Gustloff.

David Frankfurter (links) nach seiner Begnadigung mit seinem Rechtsanwalt kurz vor seiner Abreise nach Palästina am Berner Bahnhof. (KEYSTONE/PHOTOPRESS-ARCHIV)

David Frankfurter (links) nach seiner Begnadigung mit seinem Rechtsanwalt kurz vor seiner Abreise nach Palästina am Berner Bahnhof. (KEYSTONE/PHOTOPRESS-ARCHIV)

Simon Thönen@SimonThoenen

Als der Medizinstudent David Frankfurter am 1. Februar 1936 mit dem Zug von Bern nach Davos fuhr, hatte er kein Retourbillett und kein Gepäck dabei – aber eine Pistole und ein Ziel: Er wollte den Leiter der Landesgruppe Schweiz der deutschen Nazi-Partei NSDAP, Wilhelm Gustloff, erschiessen.

In Davos zögerte Frankfurter. Seiner Familie schrieb er: «Ich kann nicht mehr das Unglück des jüdischen Volkes ertragen, es hat mir die Lebensfreude genommen.» Der aus Slawonien (heute Kroatien) stammende Sohn eines streng orthodoxen Oberrabbiners hatte in Deutschland den Beginn der Judenverfolgungen nach der Machtergreifung der Nazis miterlebt.

Am Abend des 4. Februar klingelte Frankfurter schliesslich bei Gustloff. Er schoss fünf Mal – vier Schüsse trafen den Landesgruppenleiter und töteten ihn. Kurz nach der Tat stellte Frankfurter sich der Polizei in Chur.

Nazis: «Mitschuld der Hetzpresse»

Der «Bund» vermeldete das Attentat in der Abendausgabe vom 5. Februar in dicken Lettern auf der Titelseite. Über den Attentäter urteilte der «Bund» in der Morgenausgabe des 6. Februar in harten Worten: Mit seiner Tat habe er «nur bewiesen, dass er entweder nicht mehr klar und normal überlegen konnte oder dass er ein bösartiger politischer Kindskopf ist». Die Zeitung befürchtete auch, «dass die in Deutschland wohnenden Juden die Quittung für seine Tat zu bezahlen haben werden».

Das Nazi-Regime und seine gleichgeschaltete Presse nutzten das Attentat umgehend für Propaganda gegen die Juden – und gegen die «marxistische und linksbürgerliche Schweizer Presse», die in den Monaten vor dem Attentat einen «Hetzfeldzug gegen Gustloff» geführt habe. Die Propagandaaktivitäten von Gustloff waren ein heiss umstrittenes Politikum in der Schweiz gewesen. Der Bundesrat hatte eine Ausweisung Gustloffs aber abgelehnt.

Der «Bund» befürchtete nach der Tat, dass der Bundesrat nun die «Notverordnung gegen Presseauswüchse» schärfer anwenden werde – was die Landesregierung auch tat. Zugleich wurden die Parteiorganisationen der NSDAP in der Schweiz formell verboten, ihr Fortbestehen wurde aber weiterhin geduldet.

Frankfurter wurde im Dezember 1936 in Chur wegen Mordes zu 18 Jahren Gefängnis verurteilt.

Berner Freunde hielten zu ihm

Die Tat hatte auch Frankfurters Freunde in Bern überrascht. Das Ehepaar Anna und Guido Angeli hatte Frankfurter über seine Schlummermutter in der Länggasse kennen gelernt. «Es waren alles junge Leute, man hatte es sehr lustig miteinander», erinnert sich die Nichte von Guido Angeli, die Musikerin Iris Gerber. Im Freundeskreis habe man zwar darüber gesprochen, dass Frankfurter unter einer schmerzhaften Knochenkrankheit litt – aber nicht über Politik. Seine Verzweiflung über die Judenverfolgungen der Nazis liess Frankfurter sich nicht anmerken.

«Weder vorher noch danach hätte man Frankfurter die Tat zugetraut», sagt Gerber, die Frankfurter nur als Kind erlebte. «Mein Onkel und seine Frau schilderten ihn als grundgütigen Menschen.» Als Frankfurter dann in Graubünden im Gefängnis sass, schickten Anna und Guido Angeli ihm Fresspäckli und Bücher. «Nachträglich gesehen war es für Frankfurter wohl fast ein Glück, dass er in der ganzen Kriegszeit in Graubünden sicher in einem Gefängnis sass», sagt Gerber.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde Frankfurter begnadigt und reiste nach Israel aus, wo er den unspektakulären Beruf eines Beamten ausübte. «Der Kontakt riss auch danach nicht ab», sagt Gerber, «wir erhielten immer wieder Orangen aus Israel von ihm.»

Landesverweis spät aufgehoben

In der Schweiz besuchen konnte Frankfurter seine Berner Freunde jedoch vorerst nicht. Sein lebenslänglicher Landesverweis war 1945 nicht aufgehoben worden. Dies geschah erst Ende der 60er-Jahre. «Mein Onkel hatte sich dafür eingesetzt», erinnert sich Gerber. Frankfurter hatte von Israel aus um eine gnadenweise Aufhebung des Landesverweises gebeten, «da er für wenige Tage in die Schweiz reisen möchte, um seine Freunde zu besuchen», wie eine Zeitung 1969 berichtete. «Danach war er hin und wieder zu Besuch in Bern», sagt Gerber. In Bern gebe es heute ihres Wissens keine sichtbaren Spuren, die noch an David Frankfurter erinnern.

In der ehemaligen Wohnung Gustloffs in Davos waren Ende der 60er-Jahre vor einer Renovation noch die Einschusslöcher sichtbar, wie sich Lydia Jaccard, die mit der Familie Angeli befreundet ist, erinnert. Jaccard hatte – aus Zufall – die Wohnung in Davos für einige Jahre gemietet.

Zum Attentat auf Gustloff gibt es mehrere Bücher und den Film «Die Konfrontation» von Rolf Lyssy. Der Mann von Gerber, der Künstler Daniel Ritter, hat vor ein paar Jahren die Theatercollage «Cut» über David Frankfurter geschrieben. Das Werk umfasst unter anderem Ausschnitte aus den Protokollen des Gerichtsprozesses gegen ihn. Es wurde in Wien und Bern aufgeführt.

Der Bund

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