Vom Oberstübchen in den Operationssaal

Porträt

An den Bolliger Kulturtagen öffnen Künstler ihr Atelier – auch Capramontes.

Ohne sein Atelier in Bolligen könnte er sich einen Ferrari zulegen, sagt Künstler Walter Geissberger.

Ohne sein Atelier in Bolligen könnte er sich einen Ferrari zulegen, sagt Künstler Walter Geissberger.

(Bild: Adrian Moser)

Simon Wälti

Walter Geissberger, auch bekannt als Capramontes, bezeichnet sich als Materialpoetiker. Oft tragen seine auf einem Sockel ruhenden Objekte verspielte Titel, wie das «Gedenkmal Verbeugung vor dem Runden» für den verstorbenen Bolliger Pfarrer Hans Rudolf Helbling. Das Motto heisst: «Er verbeugte sich vor dem Runden und eckte an.» Pfarrer Helbling war manchmal unbequem und führte in seinen Kolumnen für «Saemann» und «Reformiert» als Huldrych Barth-Ab eine spitze Feder. Zu sehen sind eine Art chemischer Materialkocher und zwei Sicheln, Gegenstände, die Geissberger von Helbling erhalten hatte.

Schaffen mit vielen Facetten

Geissberger ist einer der über 40 Künstlerinnen und Künstler, die sich vom 30. August bis zum 4. September an den Bolliger Kulturtagen beteiligen. Sein Atelier ist wie jene von sechs weiteren Kunstschaffenden für das Publikum geöffnet. Mit dabei sind auch Ruedi und Lotti Lauterburg. Sie stellten nun «unwiderruflich zum letzten Mal» aus, kündete das bejahrte Künstlerpaar an.

Geissbergers Atelier befindet sich in einem über 100-jährigen Holzhaus an der Worblenstrasse. Gleich auf der anderen Seite der RBS-Gleise füllt der Grosskonzern Coca-Cola seine Brause ab. Das Atelier ist in drei Räume aufgeteilt, in den Operationssaal, wo die Objekte geformt werden, das Oberstübchen, wo Ideen entstehen und gelagert werden, sowie in den Spielsalon, den Ausstellungsraum. Sein Schaffen hat viele Facetten, sagt der Grafiker, Zeichner und Plastiker. Nicht selten lädt es auch zum Schmunzeln ein. Das Atelier ist mit Capramontes angeschrieben, der lateinischen Übersetzung seines Namens. Ein Freund hat ihn vor 30 Jahren auf der liparischen Insel Vulcano beim Rotwein so angesprochen. Lange trug er den Namen nur in seinem Kopf herum – doch als er vor acht Jahren dieses Atelier bezog, wusste er, dass die Zeit für Capramontes gekommen war. «Auch meine Werke signiere ich nun mit diesem Namen», sagt Geissberger.

«Handy- und Flugverweigerer»

So offen Geissberger für viele Einflüsse war, so hartnäckig verweigert er sich andererseits gewissen Errungenschaften der Moderne. Ein Auto besitzt der überzeugte Grüne nicht; manchmal sagt er zum Scherz, wenn er nicht ein Atelier hätte, so könnte er sich einen Ferrari leisten. Er ist auch «Handy- und Flugverweigerer», in seinem Atelier gibt es nicht einmal ein Telefon, und auch gegen den Computer hat er sich – obwohl gelernter Elektroniker – lange gesträubt. Nun verwendet er täglich mehrere Stunden für die Pflege seiner Homepage, denn für Walter Geissberger ist die Katalogisierung seiner Werke sehr wichtig. In der Rückschau hat er sie in Konzepten zusammengefasst. Unterdessen ist er bei Konzept Nummer 31 angelangt.

Die Aktivitäten und Gedanken, denen er in seinem Atelier nachgeht oder nachhängt, publiziert er in «Blogos» auf der Homepage. Da steht dann zum Beispiel beim Datum 19. 3. 2011: «gestern Geburi gha: 8x8=64 (Hochachtung ;-)». Tatsächlich neigt sich seine berufliche Laufbahn als Lehrer an der Schule für Gestaltung in Bern nach über 30 Jahren dem Ende entgegen. «Ich bin auf der letzten Runde», sagt er. Es sei gut, dass nun etwas Neues komme. Doch die Arbeit mit den «Stiften» hat ihm gefallen – gerade gestern habe er wieder «einen wundervollen Morgen» mit ihnen verlebt.

Der Bund

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