Vom Aschenputtel zum Liebkind der Stadt

1999 stand YB sportlich und finanziell am Abgrund. 2009 liegt der Klub an der Tabellenspitze und kann dank potenten Geldgebern eines der grössten Budgets der Liga stemmen.

1999: Zeitweise war bei den YB-Spielen im alten Wankdorf nur noch die Haupttribüne geöffnet. (Keystone)

1999: Zeitweise war bei den YB-Spielen im alten Wankdorf nur noch die Haupttribüne geöffnet. (Keystone)

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Gelb-Schwarz ist «en vogue» in der Hauptstadt. Wenn der heimische BSC Young Boys ein Heimspiel austrägt, strömen die Bernerinnen und Berner zu Tausenden ins schicke Wankdorfstadion. Mädchen, Buben und hartgesottene Fans präsentieren sich stolz im quer gestreiften Trikot ihrer Lieblinge. Die auf mehr Zurückhaltung bedachten Anhänger haben einen Schal um den Hals gebunden oder tragen ein gelbes T-Shirt. Im Stadion staunen sie über die Kunststücke von Seydou Doumbia, die genauen Pässe von Gilles Yapi und die Flankenläufe des Ex-Baslers David Degen. Sie rühmen die Härte des Abwehrchefs Emiliano Dudar und des defensiven Mittelfeldspielers Xavier Hochstrasser. Und sie lassen Goalie und Captain Marco Wölfli hochleben, wenn der wieder mal reflexschnell einen Ball abgewehrt hat. Wenn die Spiele dem Ende entgegengehen und YB deutlich führt, erheben sich selbst reservierte Zeitgenossen auf der Haupttribüne und applaudieren ihrer Mannschaft. Fast scheint es, als habe das Glück, das Züri-West-Frontmannund YB-Langzeitfan Kuno Lauener in einem seiner Lieder besingt, im Wankdorf seinen Adressaten gefunden.

In Bern wird so offen mit dem ersten Meistertitel seit 1986 kokettiert wie schon lang nicht mehr. Das eher unbernische Selbstbewusstsein hat mit den Auftritten des BSC Young Boys unter Trainer Vladimir Petkovic zu tun. Der gestrenge Kroate lässt seine Mannschaft einen offensiven, mutigen Fussball spielen, der den meisten Gegnern Mühe bereitet. Doumbia, Regazzoni, Sutter, Yapi, Degen und Konsorten spielen schnell und treffen das Tor - in dieser Saison so oft (40 Tore) wie keine andere Equipe in der Super League. Und da die Berner in der Zwischenzeit auch mit einer Dreier-Abwehrkette solid verteidigen können, sind sie nebst dem FC Basel der seriöseste Meisterschaftsanwärter.

Dem FCB vor die Sonne stehen

YB befindet sich jetzt fast dort, wo es hin will, seit es 2005 ins neue Stadion eingezogen ist: auf Augenhöhe des FC Basel. Der Leader hat in dieser Saison erstmals im Durchschnitt über 20 000 Zuschauer angelockt (153 540 Eintritte in den ersten sieben Spielen); die Drehkreuze im St.-Jakob-Park passierten diesen Herbst 161 153 Zuschauer. Hierbei gilt es anzumerken, dass in Bern die Anzahl verkaufter Karten als Zuschauerzahl gilt, in Basel hingegen werden die effektiv Anwesenden ausgewiesen.

Schwer abzuschätzen ist auch, wie weit die Budgets von YB und Basel noch auseinanderliegen. Der FCB wies für die vergangene Spielzeit einen Umsatz von 40 Millionen aus (Champions-League-Spiele inbegriffen). YB nannte einen solchen von 14 Millionen. In Wirklichkeit dürfte dieser Wert um einiges höher liegen. Damit YB auf dem nationalen Transfermarkt mithalten kann, dafür sorgen die Geldgeber um Benno Oertig und die Gebrüder Rihs. Sie griffen in der Vergangenheit mehrmals in die Schatulle, wenn grössere Investitionen anstanden.

Wenn man betrachtet, wo YB vor nicht allzu langer Zeit stand, so hat der Verein in verschiedener Hinsicht einen Quantensprung gemacht. YB und die Stadionbetreiberin Stade de Suisse Wankdorf Nationalstadion AG beschäftigen heute 105 Angestellte. Wichtige Einnahmequellen neben dem Fussballgeschäft sind das Seminar- und Konferenzzentrum, wo jährlich gegen 1000 Veranstaltungen stattfinden, und das Restaurant Eleven. Umsatzträchtig sind auch die zwei bis drei Grosskonzerte, die jeweils in den Sommermonaten organisiert werden. Auch hierzu gibt es keine offiziellen Zahlen.

Als die Lichter fast ausgingen

Wie auch immer die Betriebsrechnung aussieht: Sie unterscheidet sich wie Tag und Nacht von jener im Jahre 1999, als bei YB die Lichter auszugehen drohten. Im April hatte mit Peter Siegerist ein weiterer Präsident nach wenigen Monaten entnervt das Handtuch geworfen; das Ruder des lecken Schiffes übernahm Martin Maraggia (siehe unten). Kurz danach stieg der Verein nach nur einem Jahr in der obersten Spielklasse wieder in die NLB ab. Der Grossteil des Kaders suchte hernach das Weite; der finanziell klamme Verein musste wohl oder übel mit einer Rumpfmannschaft in die nächste Saison steigen. Es folgte ein Herbst, den der Chronist auf der YB-Homepage als «verherrend» bezeichnet. Heimniederlagen gegen bescheidene Gegner wie Winterthur, Solothurn, Baden, Kriens, Schaffhausen und Carouge liessen das Schlimmste befürchten. Es drohte der Fall in die erste Liga. Neben dem Platz mehrten sich die Anzeichen, dass YB wie ein paar Jahre zuvor der FC Wettingen ganz von der Fussballkarte verschwinden könnte. Es drückten Schulden von 2 Millionen Franken, es drohte der Konkurs, da Gläubiger nicht mehr länger auf ausstehende Beträge warten mochten. Und die Investorengruppen, mit denen Maraggia in Kontakt stand, waren alle nicht seriös. Dann kurz vor Weihnachten ein Hoffnungsschimmer: Die Sport Invest des Luzerner Vermögensverwalters Walter Theiler übernahm fällige Lohnzahlungen in der Höhe von 355 000 Franken. Zudem schoss sie 500 000 in die neue YB Betriebs AG ein. Ein Nachlass konnte eingeleitet werden. Das Schlimmste war abgewendet. «YB forever» war keine leere Worthülse mehr. (Der Bund)

Erstellt: 25.11.2009, 15:18 Uhr

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