«Vil meh isch si wärt weder Perle»

Die Mundart-Autorin Ruth Bietenhard wird heute neunzig. Ihr verdanken wir das «Berndeutsche Wörterbuch», fast drei Jahrzehnte lang schrieb sie Kolumnen für die Rubrik «Im Stübli». Ein Geburtstagsgruss.

Sie hasst nichts so sehr wie Schnörkel – auch in der Sprache: Ruth Bietenhard in ihrer Wohnung in Steffisburg. (Valérie Chételat)

Sie hasst nichts so sehr wie Schnörkel – auch in der Sprache: Ruth Bietenhard in ihrer Wohnung in Steffisburg. (Valérie Chételat)

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An Ruth Bietenhard bewundere ich eine ganz spezielle Mischung von herzlicher Weltzugewandtheit, Lebenstüchtigkeit und wissenschaftlicher Redlichkeit. Das war ihr nicht in die Wiege gelegt. Am 11. Januar 1920 kam sie als Ruth Lehmann in Bern auf die Welt, Tochter einer burgerlichen Mutter und eines Vaters, der Notar war, aber aus einer Handwerkerfamilie stammte. Er achtete streng darauf, dass sie im stadtbernischen «Wald» und «Himmel» blieb und sich nicht im landbernischen «Waud» und «Himu» verlor. Bei Verwandten ihrer Mutter machte sie schon früh Bekanntschaft mit französischen Lauten und in der Schule mit der Mundart einer Lehrerin aus dem St. Gallischen.

Als Ruth Lehmann Germanistik studieren wollte, beschied der Vater, dafür zahle er keinen Rappen, alle Germanisten seien Nazis. Gegen Altphilologie musste sie sich entscheiden, weil sie eine Frau war. Altphilologie war damals als Rekrutierungsfeld für Rektoren von Gymnasien und Obersten eine reine Männerdomäne. Also riet Onkel Otto von Greyerz zum Romanistikstudium beim besten Romanisten, Karl Jaberg in Bern. Jaberg hatte mit seinem Kollegen Jakob Jud den monumentalen «Sprach- und Sachatlas Italiens und der Südschweiz» erarbeitet. Da kommt also die Dialektologie ins Spiel. Sprachwissenschaftliches Interesse für das Berndeutsche erwuchs bei Ruth Lehmann nicht aus direkter Zuneigung, sondern auf dem Umweg über italienische «dialetti» und französische «patois».

Mundart in Bewegung

Als sie 26 Jahre alt war, heiratete Ruth Lehmann den Theologen Hans Bietenhard. Sie wurde in den folgenden Jahren Mutter von sechs Kindern, arbeitete aber auch immer wieder als Stellvertreterin an Gymnasien, wenn ihr Mann zu Hause studierte und die Kinder hütete. Als sich neben einem grossen Haushalt mit Garten und den Ansprüchen der Kinder wieder Eigenes planen liess, machte sich Ruth Bietenhard ans «Berndeutsche Wörterbuch» – mit dem Material ihres Onkels Otto von Greyerz, mit der Wortsammlung des Stadtberndeutschen von Harald Wäber und mit neuem Mut. Den neuen Mut hatte ihr die «modern mundart»-Bewegung gemacht, die Verkrustungen auflöste
und die Alltagssprache literaturfähig machte. Das gefiel Ruth Bietenhard, die nichts so hasst wie Schnörkel, auch in der Sprache.

Das «Berndeutsche Wörterbuch» erschien 1976, wurde zu einem Herzbuch der Berner und Bernerinnen und ist heute, überarbeitet, in der neunten Auflage. Mit dem Wörterbuch unter dem Arm ging Ruth Bietenhard zu Hans Sommer, um eine Besprechung zu erbitten. Er schrieb sie und machte Ruth Bietenhard zur «Stübli»-Autorin im «Kleinen Bund». Sie versah dieses Amt mit Begeisterung und grosser Zuneigung zu ihrer Leserschaft fast dreissig Jahre lang.

In den 1980er-Jahren wurde Ruth Bietenhard Bibelübersetzerin. Zusammen mit ihrem Mann Hans schrieb sie «Ds Nöie Teschtamänt bärndütsch», am «Alte Teschtamänt» und den «Psalme» arbeitete auch Sohn
Benedikt mit. Es ist eine der besten Übersetzungen geworden, wohl auch, weil Ruth Bietenhard, manchmal mit schelmischem Vergnügen, darauf geachtet hat, dass in ihrer Bibel die Frau sprachlich richtig dasteht.

Ehrendoktorin der Uni Bern

Ruth Bietenhard ist für ihre Arbeit geehrt worden: Sie ist Ehrendoktorin der Universität Bern und Ehrenbürgerin von Steffisburg. Sie hat Schweres erdulden müssen; sie hat ihren Mann und ihren Sohn Manuel verloren. Ich wünsche ihr Glück,
auch wenn es nicht mehr das unbeschwerte ist. Ich grüsse sie mit dem Spruch 31, dem «Lob vda, «was si ybringt, das zellt», «we si redt, tuet si’s mit Wysheit», und «danket nere für das,
wo si erwärchet het». (Der Bund)

Erstellt: 11.01.2010, 10:47 Uhr

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