Vier Meter reiner Bluff

Das neue Riesenrad an der Berner BEA ist gar nicht so hoch, wie die Betreiber behaupten. Geomatik-Profis haben es im Auftrag des «Bund» vermessen.

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Dölf Barben@DoelfBarben

Es gäbe weiss Gott wichtigere Themen. Aber die BEA und die Schaustellerfamilie Bourquin machen es einem wirklich nicht einfach. Am Freitag berichteten wir, das neue Riesenrad auf dem Bernexpo-Gelände sei nicht grösser als das bisherige Rad, sondern rund zehn Meter kleiner. Darüber geschrieben haben wir, weil die BEA in ihrer Pressemitteilung trotz dieser beachtlichen Differenz vollmundig hatte verlauten lassen, mit dem Bourquin-Rad werde ein BEA-Wahrzeichen «in nie dagewesenem Ausmass» präsentiert.

Die Begründung des BEA-Bereichsleiters war an Skurrilität kaum zu übertreffen – man dürfe ein Riesenrad nicht allein auf seine Grösse reduzieren, sagte er. In der Folge stützten wir uns bei der Berichterstattung aber brav auf die Angaben von BEA und Familie Bourquin: Das Rad sei 46 Meter hoch, schrieben wir, und damit sei es das grösste Riesenrad der Schweiz.

Mit modernen Vermessungsgeräten lassen sich Anlagen wie ein Riesenrad scannen. Das Resultat sind Punktwolken, die sich beliebig drehen lassen. (Video: bbp geomatik ag)

Nur: Beides stimmt nicht. Die Höhe jedenfalls wird klar falsch angegeben. Und auch der angebliche Landesrekord ist – obschon es dabei mehr Interpretationsspielraum gibt als bei nackten Zahlen – wahrscheinlich keiner.

Zuerst zur Höhe: Anfang Woche hatte uns ein Mann mit Insider-Kenntnissen kontaktiert, der anonym bleiben möchte. Er behauptete, das Bourqin-Rad sei keinesfalls 46 Meter hoch, sondern lediglich etwa 42. Diese Höhe sei zunächst auch auf der Homepage des holländischen Herstellers so angegeben gewesen, sagte er. Nachdem Familie Bourquin aber auf 46 Meter aufgerundet habe, sei auch der Wert auf dieser Homepage «angepasst» worden.

Was stimmt nun? Gestern haben zwei Spezialisten der BBP Geomatik AG aus Gümligen das neue BEA-Riesenrad im Auftrag des «Bund» vermessen und gescannt – dank modernster Geräte eine kurze Sache. Das Resultat ist eindeutig und bestätigt die Angaben des Insiders: Die Anlage erreicht eine Gesamthöhe von knapp 42 Metern über Boden. Der reine Raddurchmesser beträgt 38,20 Meter – ist also über vier Meter kleiner, als die Familie Bourquin ihn auf einem Flyer mit den technischen Angaben vermerkt.

Schwieriger zu beantworten ist die Frage, ob das BEA-Riesenrad tatsächlich das grösste der Schweiz ist. Oscar Bruch, der Schausteller aus Deutschland, der das Vorgängerrad – das Mega Wheel 2000 – von der Firma Hablützel abgekauft und in der Folge an der BEA jeweils betrieben hatte, hat dazu eine klare Meinung. Sein Rad sei «zu hundert Prozent» ein Schweizer Produkt, sagte er gestern auf Anfrage. Es werde von seiner in Baar domizilierten Firma Bruch Suisse AG betrieben.

Wir haben kein Interesse an einem Interview.Anja Bourquin, Betreiberin Swisswheel.

Allerdings werde das Riesenrad – gerade weil Transport und Aufbau wegen seiner Grösse derart aufwendig seien – hauptsächlich im Ausland und jeweils für längere Zeit aufgestellt; in der Schweiz komme es nur selten zum Einsatz. Es sei übrigens 58 Meter hoch und nicht 56,7 Meter, wie der «Bund» geschrieben hatte, sagte er. Der kleinere Wert sei ihm von einem Konkurrenten ins Wikipedia geschrieben worden – «und ich weiss nicht, wie ich es wieder ändern kann». Nach Bern käme er übrigens sehr gerne wieder, meinte Bruch.

Und was sagt Anja Bourquin, die Frau, die am vergangenen Donnerstag vor Medienleuten das neue BEA-Riesenrad gross angepriesen hatte? Ihre Antwort fiel freundlich, aber etwas kleinlaut aus: «Wir haben kein Interesse an einem Interview», schrieb sie. Und: «Bitte gelangen Sie an den Mediensprecher der BEA.» Und der? Er wolle keine Stellung nehmen, sagte dieser. Auch da also: Alles dreht sich im Kreis.

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