Verliert Bern seinen TGV?

Kanton Bern

Die Betreiber des TGV von Bern nach Paris erwägen, wegen sinkender Frequenzen Züge zu streichen – oder mittelfristig ganz auf die Linie zu verzichten. Politiker reagieren empört.

22 Jahre nach der Einführung des TGV nach Paris muss Bern wegen starker Konkurrenz um die Verbindung bangen. (Beat Schweizer)

22 Jahre nach der Einführung des TGV nach Paris muss Bern wegen starker Konkurrenz um die Verbindung bangen. (Beat Schweizer)

Für Bern war es ein Grossereignis, als die Stadt 1987 als Deutschschweizer Premiere per TGV Anschluss nach Paris und ans Hochgeschwindigkeitsnetz erhielt. Nun droht die Bundesstadt beim Bahnverkehr in die Metropole an der Seine aber ins Abseits zu geraten. Demnächst will Lyria, die Gesellschaft der französischen SNCF und der SBB für den Verkehr zwischen den beiden Ländern, einen ersten Entscheid über die Zukunft des Berner TGV fällen. «Der Markt wird entscheiden», sagt Lyria-Direktor Christian Rossi im Gespräch mit dem «Bund». Die Frequenzen sprechen eine deutliche Sprache: Im vergangenen Jahr nahmen die Passagierzahlen im TGV-Verkehr ab Zürich um 144 Prozent zu, während sie ab Bern um 5 Prozent zurückgingen, wie die Lyria-Statistik zeigt. Dies ist einerseits auf die Inbetriebnahme der neuen Hochgeschwindigkeitslinie Strassburg–Paris (TGV Est) 2007 zurückzuführen. Seither nehmen die TGVs von Zürich nicht mehr den Umweg über Bern, sondern fahren via Basel und Strassburg in viereinhalb Stunden nach Paris. Auf dieser Achse verkehren dreimal täglich TGVs der neusten Generation, welche sich grösster Beliebtheit erfreuen. Dazu führte wohl auch der hochwertige Service, den der ehemalige Luftfahrt-Manager Rossi anbietet – etwa mit Verpflegung, Tageszeitungen oder Tickets für die Pariser Metro in der ersten Klasse.

Basler TGV zieht Berner an

Im Verkehr nach Paris spürt Lyria auch die Konkurrenz von Bern-Belp: Seit Januar 2009 fliegt Air France zweimal täglich von Paris das Belpmoos an. Pro Tag fielen im TGV-Verkehr nach Paris seither rund 60 Passagiere weg, sagt Rossi. «Wir bluten.» Zudem ziehe die schnellere und häufigere Verbindung mit Umsteigen in Basel immer mehr Reisende aus Bern an. «Bis zu zwölf Prozent unserer Basler Passagiere stammen aus Bern – viel mehr als erwartet», sagt Rossi. Der direkte TGV von Bern nach Paris soll ab Ende 2009 dank Ausbauten am Jurafuss zwar um einige Minuten schneller werden. Er sei aber zu langsam und werde nie viel schneller sein, sagt Rossi. Ab Dezember 2009 soll nun womöglich einer der beiden täglichen Berner TGVs gestrichen werden. Mittelfristig könnte Bern den TGV sogar ganz verlieren. Denn ab 2011 wird die Hochgeschwindigkeitslinie von Mulhouse nach Dijon (TGV Rhin-Rhône) die Fahrzeit von Basel nach Paris nochmals um eine halbe Stunde verkürzen. Damit wird die Fahrt mit Umsteigen in Basel für Berner noch attraktiver – der Berner TGV via Jurafuss ist deutlich langsamer. «Irgendwann werden wir die Konsequenzen ziehen», sagt Rossi. Ein TGV von Bern nach Paris via Basel sei aber nicht geplant, weil dies «technisch zu kompliziert» wäre.

Ständerat will für TGV kämpfen

Die Verkehrsdirektion von Regierungsrätin Barbara Egger (sp) will noch keine Stellung beziehen, weil sie offiziell nichts von den Plänen der Lyria wisse. Der Kanton stehe einem Abbau der TGV-Verbindungen aber ablehnend gegenüber, sagt der stellvertretende Generalsekretär Christian Albrecht. Der direkte TGV sei für die Wachstumstrategie des Regierungsrats sehr wesentlich und man werde sich entsprechend wehren, heisst es hinter den Kulissen. Deutlicher wird die grüne Nationalrätin und VCS-Präsidentin Franziska Teuscher: Die Verlagerung auf das Flugzeug sei «total verkehrt». Auf Distanzen wie nach Paris müsse der Flugverkehr als sehr grosser CO2 -Ausstösser eingeschränkt werden. «Die Schweiz muss optimale Bahnverbindungen ins Ausland haben», sagt sie. Zudem befürchtet sie, dass das Oberland als Tourismusdestination ohne TGV abgehängt werde. Auch für den Direktor von Bern Tourismus, Markus Lergier, ist eine umsteigefreie Verbindung nach Paris sehr wichtig. Mit rund 20 000 Logiernächten belegten die Franzosen in der Stadt Bern zusammen mit den Briten den fünften Rang. Im touristischen Verkehr sei die Geschwindigkeit nicht entscheidend und die Fahrt durch den Jura wunderschön. «Der Glacier-Express ist auch nicht der schnellste Zug.»

Lergier wünscht sich aber bessere Züge, damit die Verbindung wieder attraktiver werde. Denn im Vergleich mit Zürich fahren ab Bern ältere TGV-Züge. Widerstand gibt es auch in Neuenburg. Laut Lyria blieben die Passagierzahlen für Neuenburg auch 2008 stabil – etwa dank der Uhrenindustrie. «Wir müssen für unseren TGV kämpfen», sagt der Neuenburger FDP-Ständerat Didier Burkhalter. Für Bern und Neuenburg sei nicht eine um 10 Minuten kürzere Fahrzeit wichtig, sondern mindestens eine Direktverbindung pro Tag. Der TGV von Bern über Neuenburg nach Paris bleibe damit attraktiv. Teuscher ihrerseits will einen Vorstoss einreichen, um die internationalen Bahnverbindungen ab der Schweiz zu verbessern. Immerhin: Im Vergleich mit dem Cisalpino nach Italien funktioniert der Lyria-Verkehr, bei dem die SNCF mit einer Beteiligung von 74 Prozent dominieren und die SBB Juniorpartner sind, hervorragend.

Der Bund

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