Uralte Kulturgüter vergammeln

Auf einem Estrich in Burgdorf lagern ungeschützt jahrtausendealte Zeugen vergangener Kulturen. Ein Experte aus Deutschland übt deswegen heftigste Kritik am Museum für Völkerkunde.

Das «Depot» des Burgdorfer Völkerkundemuseums.

Das «Depot» des Burgdorfer Völkerkundemuseums. Bild: zvg

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Andreas Schlothauer ist zornig: «Würde europäisches oder gar schweizerisches Kulturerbe derart behandelt, wären die Medien längst aktiv und die Öffentlichkeit empört», schreibt der Ethnologe und Chefredaktor der Fachzeitschrift «Kunst & Kontext». Da es sich aber «nur» um aussereuropäisches Weltkulturerbe handle, sehe niemand den Skandal, so Schlothauer weiter. Sein Brief an den «Bund» gipfelt in der Feststellung: «Auch Gleichgültigkeit kann Rassismus sein.»

Im Visier des deutschen Experten für aussereuropäische Kultur steht das Museum für Völkerkunde in Burgdorf. Die ausserhalb der Emmestadt wenig bekannte Institution zeigt im Schloss Burgdorf eine kleine Dauerausstellung, verfügt aber vor allem über eine bedeutende Sammlung an uralten Kulturschätzen. 5000 Stücke sollen es sein. Darunter befinden sich seltene Exponate aus dem alten Ägypten oder der längst untergegangenen peruanischen Nazka-Kultur.

Dass eine Schweizer Kleinstadt eine solch aussergewöhnliche Sammlung besitzt, hat Burgdorf dem Sprössling einer einflussreichen Käseexportfamilie zu verdanken. Heinrich Schiffmann war bis zu seinem Tod 1904 viel auf Reisen und erwarb zahlreiche ethnografische Gegenstände, die er der Stadt vererbte. Vor zwei Jahren feierte das Museum sein 100-jähriges Bestehen.

Sammlung mehr Bürde statt Würde

Die wertvolle Sammlung scheint der Stadt jedoch mehr Bürde statt Würde zu sein. Seit vielen Jahren lagern Masken, Federschmuck, Waffen, Kleider, Skulpturen und Kunstgegenstände auf einem luftigen Estrich und vergammeln langsam. Hier liegt der Grund für Schlothauers Empörung: «Im Sommer Hitze, im Winter Kälte, so sind die Stücke Feuchtigkeit, Temperaturschwankungen und der lautlosen Vernichtung durch Insektenfrass ausgesetzt», schreibt er in seiner Zeitschrift. Viele Stücke seien nicht mehr auffindbar, einiges sei wegen der schlechten Lagerung beschädigt. Schlothauer sieht massive Verstösse gegen den Schenkungsvertrag, gegen die ethischen Richtlinien des Internationalen Museumsrats Icom und gegen den Leistungsvertrag zwischen dem heutigen Trägerverein und der Stadt. Die Vereinbarungen sehen eine sorgfältige Pflege der Sammlung vor.

Die Verantwortlichen des Museums wollen die Zustände gar nicht schönreden. «Es stimmt grundsätzlich, was Schlothauer schreibt», sagt die Ägyptologin Alexandra Küffer, die zusammen mit einer Kollegin das Museum mit insgesamt 40 Stellenprozenten leitet. «Die Sammlung hat gelitten, ganz klar», sagt auch Beat Gugger, Präsident des Trägervereins. Man habe dem Zerfall zusehen müssen, ohne etwas dagegen tun zu können.

Umzug im 2012

Grund für die Vernachlässigung waren vor allem Geldsorgen. Dem Museum stehen pro Jahr nicht viel mehr als die 43'000 Franken zur Verfügung, die es an öffentlicher Kulturförderung erhält. Das Geld reiche aber gerade mal für die Löhne – für konservatorische Massnahmen bleibe nichts übrig. Die Suche nach einem neuen Depot für die Sammlung sei bisher ebenfalls erfolglos verlaufen, sagt Gugger.

Einige Verbesserungen zeichnen sich nun jedoch ab. Stadtpräsidentin Elisabeth Zäch habe ihm neue Räume im Zivilschutzkeller des Lindenfeldschulhauses zugesagt, sagt der Vereinspräsident. 2012 werde man mit dem Umzug beginnen. Ausserdem habe man mit der Hochschule für Restaurierung in La Chaux-de-Fonds vereinbart, dass Studenten einige Exponate vor der erneuten Einlagerung gratis restaurierten. Ein fachgerechter Umzug der Sammlung samt fotografischer Erfassung, konservatorischer Stabilisierung und Verpackung würde laut Museumsleiterin Küffer dennoch rund 100'000 Franken kosten. Woher das Geld kommen soll, weiss sie nicht. Schlothauer beobachtet die Situation derweil aufmerksam. Um weiter Druck zu machen, will er die Botschaften der Länder informieren, von denen sich Objekte im Burgdorfer Depot befinden.

St. Gallen wäre interessiert

Wie attraktiv die Burgdorfer Sammlung eigentlich wäre, zeigte kürzlich eine Ägyptenausstellung in St. Gallen, die 15'000 Besucher angelockt hatte. Viele Exponate stammten aus Burgdorf. «Diese Sammlung ist sensationell», sagt Daniel Studer, Direktor des Historischen und Völkerkundemuseums St. Gallen. Er war selber auf dem Estrich in Burgdorf und bezeichnet die Vernachlässigung als «verheerend». Sollte sich Burgdorf je entscheiden, die Sammlung wegzugeben, wäre er sehr interessiert. «Die St. Galler und die Burgdorfer Sammlung zusammen wären perfekt für ein Schweizer Völkerkundemuseum», sagt Studer. Doch Burgdorf will es nun nochmals selber versuchen. (Der Bund)

Erstellt: 17.10.2011, 07:01 Uhr

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