Traditionelle Bräuche als «lebendes Kulturgut»

Schafscheid?Seit 1662 werden die von der Alp herunterkommenden Schafherden in Riffenmatt von der Herde «geschieden» und ihren Besitzern zurückgegeben. Auch heute ist der alte Brauch höchst lebendig, wie der gestrige Schafscheid zeigte.

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Es ist früh am Morgen, doch im Gasthof Löwen herrscht bereits Hochbetrieb. Seit sechs Uhr früh werden im Dorf Riffenmatt Marktstände aufgestellt. Mit aufgehender Sonne bevölkert sich der Ort. Um halb Neun ist es so weit: Mit lautem «Bähhh» kündigen sich die Hauptakteure an. Hunderte Schafe werden von zehn Schafhirten in traditionellen Kutten Richtung Riffenmatt getrieben. Immer wieder wird der Schafzug aufgehalten: Mal springt ein Schaf in die Höhe und landet unverhofft auf einem anderen, mal rennt eines plötzlich aus der Herde in die entgegengesetzte Richtung davon, sofort gefolgt von Artgenossen. Die Schafhirten rennen und rufen, um die Herde in Gang zu halten. Mit etwas Mühe gelingt es ihnen schliesslich, die böckelnde Schafsmenge an den Marktständen vorbei ins Dorfzentrum zu treiben. Dort werden die 460 Schafe in einem grossen Gehege eingezäunt. Elf Wochen waren sie zum «sömmern» auf der Alp. Traditionsgemäss werden sie am ersten Donnerstag im September an der Schafscheid von der Herde geschieden und an ihre jeweiligen Besitzer zurückgegeben.

Der Brauch geht bis ins Jahr 1662 zurück. Im Laufe der Zeit wurde dieser zum Volksfest. Dass es dabei nicht immer ruhig zu und her gegangen ist, zeigt eine Nachricht aus dem Jahre 1687: Der Landvogt berichtete, wie er einem Guggisberger Wirt die Bewilligung zum Weinausschank am Schafscheid verweigert habe, weil die Besucher im Vorjahr, statt nach Hause zu gehen, sich «mit Wyn erhitzget» hätten. Dass es zu Rauferein und gar zu Mord und Totschlag gekommen sei, bezeugt der Eintrag im Guggisberger Totenrodel von 1754: Es sei «Christen Studenmann so den 4. September am Schafscheid mit einer Kegelkugel getroffen worden, dass er in wenig Stunden hernach den Geist aufgabe. Alt 24 Jahr.» Heute ist der Schafscheid für die Gemeinden Guggisberg und Rüschegg immer noch das Volksfest schlechthin – Schulen und Gemeindeverwaltung schliessen an diesem Tag. So erklärte eine Konfirmandin auf die Frage, welches die drei höchsten Tage im Jahr seien: «Karfreitag, Ostern und Schafscheid», erzählt Ueli Gafner, Gemeindeschreiber von Guggisberg.

Die Schafscheid sei wie Hochzeit feiern, meint ein jüngerer Schafhirt, nachdem er mitgeholfen hatte, die Schafe einzuzäunen. Es sei schon wahr, dass der Schafscheid einer der wichtigsten Tage im Jahr sei, meint auch Johann Kohler, Präsident der Schafzuchtgenossenschaft Rüschegg und Umgebung. «Es ist eine alte Tradition, die man schützen muss.» Solange es jedoch Schafe gibt, werde der Schafscheid immer stattfinden. Christian Murri, Gemeindepräsident von Guggisberg meint: «Für uns ist der Schafscheid ein wichtiger Treffpunkt, wo sich Verwandte und auswärts lebende Guggisberger treffen.»

Ein Käser, der Ziegen- und Schafkäse produziert und seit zehn Jahren an den Schafscheid kommt, sagt, dass er nicht nur komme, um zu verkaufen, sondern vor allem, um Freunde und Bekannte zu treffen, denn der Schafscheid sei «fei ä chli ä Event». Weiter oben verkauft der Seiler Ernst Sinzig aus Riggisberg seine selbst gedrehten Seile aus Hanf. Für ihn und sein Gewerbe, das er als Hobby betreibe, sei es der beste Tag im Jahr. Er und der Schafscheid seien untrennbar. «Wenn ich nicht komme, dann würde der Schafscheid nicht abgehalten», sagt er lachend, und ein Bauer bestätigt: «Das Original muss schon da sein.» Gemeindeschreiber Gafner bringt es auf den Punkt: «Riffenmatt ohne Schafscheid ist für mich nicht denkbar».

(Der Bund)

Erstellt: 03.09.2010, 09:26 Uhr

Unesco erfasst Schweizer Bräuche

Auf einer Liste sollen lebendige Traditionen erfasst werden. Das Projekt wurde gestern lanciert.

«Was ist Tradition?», fragt der Musiker Bruno Bieri und spielt auf dem in Bern erfundenen Instrument «Hang» – einer Art Riesen-Linse aus Stahlblech, die «vo Hang» bespielt wird – die Anfangsmelodie von «Vreneli ab em Guggisbärg». Es ist der Auftakt zur Medienkonferenz über die Erfassung von lebendigen Traditionen in der Schweiz.

Lebendige Traditionen, auch immaterielles Kulturerbe genannt, sind Ausdrucksweisen, Bräuche oder Fähigkeiten, die von einer Generation an die nächste weitergegeben werden. Das Volkslied «Vreneli ab em Guggisbärg» gehört genauso dazu wie etwa das Kunsthandwerk des Korbers oder das Brauchtum der Schafscheid in Riffenmatt. Das Bundesamt für Kultur (BAK) will in Zusammenarbeit mit den kantonalen Kulturstellen, der Hochschule Luzern und der Schweizerischen Unesco-Kommission diese lebenden Traditionen erfassen und sichtbar machen – vorerst einmal auf einer Liste. Sie soll der erste Schritt zu einer Anerkennung und Förderung des immateriellen Kulturerbes der Schweiz sein.

Dies ganz im Sinne der Unesco-Konvention zur Bewahrung des immateriellen Kulturerbes, der die Schweiz 2008 beigetreten ist. Die Konvention sei eine Antwort auf die Globalisierung und «McDonaldisierung» der Ausdrucksformen, die eine Gefahr für die kulturelle Vielfalt darstelle, betont Diego Gradis, Vizepräsident der Schweizerischen Unesco-Kommission.

Liste soll Kantone animieren

Wie aber kann man Bräuche auf einer Liste erfassen? Die Unesco-Liste sei als Anstoss gedacht, sagt Walter Leimgruber, Leiter des Seminars für Kulturwissenschaft und Europäische Ethnologie der Universität Basel. Sie mache dann Sinn, wenn die Kantone agieren und die Liste nutzen, um eine aktive Kulturförderung zu betreiben.

Als «Mittel zum Zweck» bezeichnet Yves Fischer, stellvertretender BAK-
Direktor, die Liste. «Wichtig ist der Prozess, der damit ausgelöst wird.» Damit wolle man die Bevölkerung sensibilisieren und das Bewusstsein stärken, wie wichtig es sei, Traditionen zu erhalten. In einem «partizipativen Prozess» könne die Bevölkerung nun Vorschläge von gelebten Bräuchen und Traditionen auf besagter Liste eintragen, welche 2012 im Internet publiziert werde. Die Vorschläge werden dann von einer Expertengruppe geprüft. «Damit werden vielleicht auch die Experten auf Traditionen und Brauchtümer aufmerksam gemacht, die ihnen noch unbekannt sind», sagt Fischer. (fio)

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