Tierschule unter der Zeltkuppel

Zirkus

Wie bringt man Pferde dazu, rückwärtszugehen? Macht es Elefanten Spass, auf ein Podest zu steigen? Ein sonntäglicher Besuch in der Knie-Manege, der Schulstube der Zirkustiere.

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Markus Dütschler

In alten Zirkusfilmen ist Seltsames zu sehen: Bären mit entfernten Zähnen etwa, die Motorrad fahren. Das ist lange her. Im Schweizer Nationalzirkus Knie sieht Dressur anders aus. Bereits der verstorbene Seniorchef Fredy Knie (1930–2003) revolutionierte die Pferdedressur, indem er mit Verhaltensforschern neue Methoden entwickelte, die dem natürlichen Wesen der Tiere entsprechen. Nicht Strafe war angesagt, sondern Belohnung – Methoden, die auf Belohnung beruhen. Damit ein Tierlehrer gar nicht auf die Idee kommt, sich bei Proben zu echauffieren und grob gegen die Tiere zu werden, machte er die «Schulstunden» vor Jahrzehnten öffentlich. Sein 55-jähriger Sohn Fredy junior, der mit Cousin Franco senior den Betrieb leitet, bleibt diesen Grundsätzen treu.

Wenn der Nationalzirkus in Bern gastiert, bietet sich dem Publikum die seltene Gelegenheit, sich die Arbeitsweisen in der Tierdressur von einem Verhaltensforscher erläutern zu lassen: vom Tierarzt Dr. Thomas Althaus (siehe auch Hinweis am Schluss des Artikels).

Ohne Musik und Scheinwerfer

An diesem Sonntagmorgen ist im Chapiteau «Zirkus unplugged» angesagt: ohne Orchester, Lichtchoreografie und festliche Kostüme. Dafür mit dem Tierarzt, der über Lautsprecher erläutert, was sich zuträgt. Man erfährt, dass die Tiere sich hier, in «ihrem Schulzimmer», sicher fühlen, weil ihnen nichts passiert. Deshalb springen sie nie in den Zuschauerraum. Die Peitsche, die Fredy Knie junior knallen lässt, ist für sie keine Bedrohung, sondern gewissermassen ein Körperteil, mit dem er Zeichen gibt. «Die Tiere beobachten ihn genau», sagt Althaus. Wenn sie seinen Anweisungen folgen, werden sie belohnt. «Und wenn sie etwas falsch machen, wird der Tierlehrer nicht böse, sondern sucht den Fehler bei sich», erläutert der Zoologe.

Wer in den nächsten Minuten etwas falsch macht, sind nicht die Tiere, sondern der Zirkusdirektor. Er hat bei einer Nummer, die erst nächstes Jahr gezeigt wird, einen Befehl nicht rechtzeitig gegeben. Fredy Knie junior bemerkt den Irrtum – und die Pferde auch. «Tierdressur ist nichts Mysteriöses», sagt der Tierarzt, «das sind universelle Prinzipien, die bei den meisten Tieren funktionieren.» Wer einen Hund habe, wisse das aus eigener Erfahrung.

5000 Jahre Unterschied

Nun sind die Achal-Trekkiner dran, eine uralte Pferderasse aus den Wüsten Asiens. Die genügsamen Pferde hätten einen «gewissen Eselscharakter», sagt Althaus. Will heissen: Sie sind ein wenig störrisch. Wobei das Störrische, das man Eseln zuschreibt, ein Zeichen für Charakter ist: Ein Esel gehorcht nicht wie ein Pferd blind seinem Meister, sondern überlegt stets selber, ob eine Sache machbar oder aber zu risikoreich ist.

Ebenfalls leicht erregbar sind die Zebras. Obwohl sie in Knies Kinderzoo in Rapperswil geboren worden sind, ist das Wildtier in ihnen noch präsent. Genau so wie bei den Guanakos. Diese Wildform der Lamas tritt mit den vor 5000 Jahren domestizierten Artgenossen gemeinsam auf. Zum Schluss kommen die mächtigen Elefanten, denen man förmlich ansieht, wie sehr die intelligenten Dickhäuter die anspruchsvolle Abwechslung lieben. Alles paletti? Militante Tierschützer argwöhnen, die Tierhaltung im Zirkus sei schlecht und protestieren hie und da vor Zirkuszelten. Als Branchenprimus hat Knie eine Vorbildfunktion. «Wir arbeiten eng mit dem Tierschutz zusammen», sagt Knie-Sprecher Niklaus Leuenberger. Die Kooperation scheint so gut zu sein, dass der Tierschutzverband STS gestern das 150-Jahr-Jubiläum im Knie feierte. Das sei «Verrat», wettert ein Aktivist und fragt in einem anonymen Schreiben an den «Bund» erbost: «Weshalb nicht gleich zusammen mit Jägern in einer Waldhütte?»

Tiere gehen zur Schule: Zirkus Knie, Allmend, Bern; morgen Sonntag, von 10 bis 12 Uhr; Dressurübungen, kommentiert von Dr. Thomas Althaus.

Der Bund

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