«Sprinten ist keine Mathematik»

Der Kallnacher Marc Schneeberger hat lernen müssen, dass zu einem erfolgreichen Karriereverlauf mehr als nur gute Planung gehört. An der EM will er trotzdem bis in den Final vorstossen.

Marc Schneeberger. (Michael Schneeberger)

Marc Schneeberger. (Michael Schneeberger)

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Wer Sprint hört, denkt an Usain Bolt. Oder zumindest an dunkelhäutige, muskelbepackte Profis. Vermutlich auch an Doping. Von dieser Welt unterscheidet sich Marc Schneeberger so stark wie der Gurten vom Mount Everest. Denn obschon er früh in der Saison die Vorgaben für die EM in Barcelona sowohl mit 10,45 Sekunden über 100 m (gefordert 10,45) wie mit 20,61 Sekunden über 200 m (21,00) erfüllte, sagt er: «Die Leichtathletik ist für mich eine Freizeitbeschäftigung, die Freude an der Bewegung meine Grundmotivation. Und wenn ich Reise und Unterkunft für ein Meeting bezahlt bekomme, freut mich dies.» Teilzeit arbeitet er trotzdem nur als Maschinenbauingenieur, um seiner Leidenschaft gerecht zu werden.

Wenn letzte Aggressivität fehlt

Natürlich ist Schneebergers Bescheidenheit primär auf die genetische Überlegenheit dunkelhäutiger Sprinter zurückzuführen und ein Grund, warum die Welt noch immer auf den ersten weissen Leichtathleten wartet, der die 100 m unter 10,00 Sekunden sprintet. Doch Schneebergers Understatement entspricht seiner Art. Als ihn einer seiner 4x100-m-Staffel-Kollegen, mit denen er sich ebenfalls für die EM qualifiziert hat, im Schweizer Fernsehen einst veräppelte, war er professionell genug, die Provokation ganz einfach zu ignorieren. Schliesslich ist ein Schweizer Sprintquartett nur erfolgreich, wenn es harmoniert. Schneeberger weiss das ganz genau.

Sein Trainer Hans Kappeler hält diese Eigenschaft seines besten Athleten für begrüssenswert. Kappeler, der Generalsekretär von Swiss Athletics ist, sagt aber auch: «Manchmal fehlt ihm die für einen Sprinter notwendige letzte Aggressivität.» Doch der knapp 29-jährige Seriensieger an Schweizer Meisterschaften hat erfahren müssen, dass er übermotiviert bloss an den eigenen Ansprüchen scheitert, zumindest was die letzten Grossanlässe betraf. Sowohl an der WM 09 als auch an den Olympischen Spielen 2008 oder der EM 06 verkrampfte er sich und schied meist weit unter seiner Saisonbestzeit in der zweiten Runde aus. Er hat diese Enttäuschungen analysiert und erkennen müssen, dass er gerade nicht den direkten Vergleich mit seinen Konkurrenten oder Zeitvorgaben suchen muss. Der Massstab von Schneeberger ist Schneeberger.

Er erklärt diese Aussage an einem konkreten Beispiel. 2004, im Vorfeld der Olympische Spiele in Athen, verpasste er die Zeitvorgabe zweimal um drei, einmal um vier Hundertstel. Zeiten mag er sich darum keine mehr vorgeben, auch wenn sie in einer exakten Sportart wie der Leichtathletik die vordergründige Wahrheit bilden. Im Fall von Schneeberger fiele sie oberflächlich betrachtet zwiespältig aus. Mit 20 sprintete er seine Paradedistanz bereits in 20,86 Sekunden. Inzwischen steht seine Bestzeit bei 20,47. Das scheint ein geringer Fortschritt in neun Jahren Spitzensport zu sein. Schneeberger aber sagt: «Sprinten ist keine Mathematik» und meint damit, dass eine Karriere nicht einfach auf dem Reissbrett geplant werden kann. Seine war wie die vieler Leichtathleten von Verletzungen geprägt, die eine kontinuierliche Arbeit immer wieder verhinderten.

Verletzung bremst Entwicklung

2003 zog er sich erstmals im rechten hinteren Oberschenkel einen Muskelfaserriss zu, eine typische Sprinterverletzung, die er weitere Male aufriss. Als Folge bildete sich ein Narbengebilde, das ihn beim Sprinten störte und 2006 eine Operation notwendig machte. «Ich lief in dieser Zeit wie mit einem Rechenschieber», erinnert er sich. Also kontrolliert, stets darauf bedacht, seine Schwachstelle im Griff zu haben. Konsequent an seiner Schnelligkeit vermochte er deshalb lange nicht zu arbeiten, weshalb sein Trainer Hans Kappeler gerade im Schnelligkeitsbereich noch grosses Potenzial ausmacht, das Schneeberger seit der erfolgreichen Operation immer besser ausreizen kann. Denn Kappeler sagt auch: «Marc ist keiner, der nur aufgrund seines Talentes deutlich unter 21 Sekunden sprinten kann. Er muss dafür hart trainieren.» (Der Bund)

Erstellt: 09.07.2010, 10:24 Uhr

EM-Teilnehmer

Der «Bund» stellt in loser Reihenfolge die Berner EM-Teilnehmerinnen und -Teilnehmer vor, die vom 27. Juli bis zum 1. August in Barcelona am Start sind. Bereits erschienen sind Porträts von 5000-m-Läufer Philipp Bandi (18. 6.), Stabhochspringerin Anna Katharina Schmid (25. 6.) und Hürdenläuferin Lisa Urech (2. 7.).

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