Sprachlupe: Die Nazikeule macht schmutzige Hände

Sie trägt zwar einen unschönen Namen, ist aber ungemein praktisch: Wer die Nazikeule schwingt, trifft seinen Gegner auch, wenn er ihn verfehlt.

Komplexer Fall: Christoph Blocher an einer Rede in Wynigen. (Keystone)

Komplexer Fall: Christoph Blocher an einer Rede in Wynigen. (Keystone)

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Das geht so: Man braucht bloss die Behauptung in die Welt zu setzen, der andere habe wie ein Nazi geredet oder auch nur diesen Eindruck gemacht, und schon bleibt etwas von Hitlers Ruch an ihm haften – egal, ob der Vorwurf gerechtfertigt ist oder nicht. Jedenfalls kann man darauf spekulieren, es bleibe etwas haften; allerdings besteht auch die grosse Gefahr, dass man sich mit dieser Keule selber die Hände schmutzig macht.

Gleich zwei prominente Politiker haben zum Jahreswechsel die Nazikeule geschwungen, einmal von der Schweiz aus, einmal in Richtung der Schweiz. Kosovos Ministerpräsident Hashim Thaci warf dem Tessiner Freisinnigen und Europarats-Berichterstatter Dick Marty «böswillige Ansichten» und einen «rassistischen Unterton» vor: «Die Art und Weise, wie Marty seinen Bericht geschrieben hat, erinnert mich an die Propaganda von Joseph Goebbels», dem Propagandaminister Hitlers. Und Christoph Blocher ging gegenüber dem luxemburgischen Premierminister noch einen Schritt weiter: «So hat Hitler geredet», sagte er nach Jean-Claude Junckers Äusserungen über das Schweizer Abseitsstehen von der EU.

Der Ton macht die Musik

Der einfachere Fall zuerst: In Martys Bericht über angebliche Verwicklungen Thacis und seiner Mitstreiter in Organhandel, Drogengeschäfte und andere Verbrechen fehlen zwar tatsächlich die handfesten Beweise, wie der Autor selber einräumt, aber Aussagen sowie Indizien wiegen schwer – und sie müssten entkräftet werden, nicht der Verfasser verunglimpft, wenn sich Thaci nichts vorzuwerfen hat. Von den Hetztiraden eines Goebbels ist der vorsichtige Ton des parlamentarischen Berichts meilenweit entfernt. Und von antialbanischem Rassismus ist darin schon gar nichts zu finden.

Etwas komplexer ist die Sache mit Juncker und Blocher. Der Luxemburger hatte zwar nicht gerade, wie ihm der SVP-Kämpe ankreidete, die Schweiz als Unding bezeichnet, aber im Interview mit der «Zeit» immerhin gesagt, mit ihrem Beitritt würde die EU «kompletter werden. Es bleibt nämlich ein geostrategisches Unding, dass wir diesen weissen Fleck auf der europäischen Landkarte haben.» Dieser Anspruch auf geostrategische Flächendeckung wiegt noch schwerer, wenn man Juncker über sein Luxemburg sagen hört: «Wir sind eine Supermacht, wenn es um die Formulierung europäischer Anliegen geht.»

Der freiwillige weisse Fleck

Da kann man sich schon, wie Blocher, an «die Schweiz, das kleine Stachelschwein», erinnert fühlen, von dem in den Kriegsjahren zwar kaum Hitler selber redete, Goebbels aber durch sein Radio ein Lied singen liess: «. . . das hol’n wir auf dem Rückweg heim». Und nicht «beim Rückzug», wie SF.tv verbreitete: So ein Wort hätten die Nazis nicht einmal singend in den Mund genommen. Als ihre Soldaten dann den Rückzug dennoch angetreten hatten, dürfte ihnen das Singen vergangen sein.

Und so kam es, dass das «neue Europa» nicht jenes wurde, das die Nazipropaganda verkündet hatte, sondern ein wirklich neues, das nicht auf kriegerischer Eroberung, sondern auf freiwilligem Zusammenschluss beruhte. Umso schockierender ist es, wenn ein «guter Europäer», als der Juncker zweifellos gelten darf, zu Worten wie «geostrategisches Unding» oder auch nur «weisser Fleck» greift, weil ein europäisches Land bisher freiwillig darauf verzichtet hat, EU-Mitglied zu werden. Da müsste er doch die Schweiz als lebenden Beweis für die Freiwilligkeit des Beitritts schätzen. Und dennoch: Juncker ist mit seiner peinlichen Wortwahl weit vom «Heimholen des Stachelschweins» weg, und wer gegen ihn die Nazikeule schwingt, scheint um bessere Argumente verlegen zu sein. (Der Bund)

Erstellt: 07.01.2011, 13:21 Uhr

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