Spitalvergleich: Kritik an Sterberaten

Nur drei bernische Regionalspitäler wollten ihre Sterberaten in einer Studie des Bundesamts für Gesundheit publik machen. Die Sterberate sei eine «völlig falsche» Basis für einen Vergleich, heisst es.

Nach gewissen Eingriffen lag die Sterblichkeit im Spitalzentrum Biel laut einer Studie des Bundes über der erwarteten Zahl. (Adrian Moser)

Nach gewissen Eingriffen lag die Sterblichkeit im Spitalzentrum Biel laut einer Studie des Bundes über der erwarteten Zahl. (Adrian Moser)

Wer sich nach einem Herzinfarkt ins Berner Sonnenhofspital statt ins Spitalzentrum Biel (SZB) oder ins Hôpital du Jura Bernois (HJBE) begab, hatte rein statistisch gesehen eine deutlich höhere Wahrscheinlichkeit, den Eingriff zu überleben. 2006 verstarben im Spitalzentrum Biel 11,5 Prozent der Patienten nach solch einer Operation und im Hôpital du Jura 19,2 Prozent, im Sonnenhof hingegen nur 3,8 Prozent. Dies besagen die Sterbequoten einer Vergleichsstudie des Bundesamts für Gesundheit (BAG). Auch bei Schlaganfällen schnitt das SZB und das HJBE eher schlecht ab. Die effektive Sterblichkeit liegt deutlich über derjenigen, wie sie anhand von Alter und Geschlecht erwartet wurde. Mit der Studie will der Bund die Qualität der Operationen messbarer machen und die Spitäler besser vergleichen können; 180 Akutspitäler in der ganzen Schweiz wurden erfasst. Bisher richtete sich der Fokus primär auf die fünf Universitätsspitäler. Wie nun die Statistik des BAG zeigt, machten im Kanton Bern neben dem Inselspital nur das Privatspital Sonnenhof, das SZB und das HJBE ihre Daten publik. Die anderen bernischen Spitäler lehnten dies ab. Ringen um TransparenzDas SZB, das HJBE und der Sonnenhof machten die Daten der Transparenz willen publik. Ist der private Sonnenhof für gewisse Eingriffe demnach die bessere Adresse als das SZB und das HJBE? Die Vergleichbarkeit der Sterbestatistik in den Spitälern ist noch stark begrenzt. Die Fallzahlen sind sehr unterschiedlich. So hat der Sonnenhof laut dem BAG bei Schlaganfällen im Gegensatz zu den anderen beiden Spitälern keine zuverlegten Patienten. Die Statistik des BAG sei mit sehr grosser Vorsicht zu geniessen, sagt Thomas Straubhaar, Präsident des Nationalen Vereins für Qualitätsentwicklung in Spitälern und Kliniken. Relevant sei auch die Darstellung der Folgen der Krankheit für den Patienten, die bei der Statistik zu kurz komme. «Mit diesen Angaben kann man nicht sagen, ob es sich um ein gutes oder ein schlechtes Spital handelt, weil wichtige Informationen fehlen.» Er kritisiert zudem einzelne Elemente der Auswertung. Während die Sterbequote bei Schlaganfällen durchaus Sinn machen könne, sei dies bei Hüftgelenkoperationen «schlicht unbrauchbar». Denn dort seien die Todesfälle in der Regel auf andere Faktoren zurückzuführen. «Wir haben einen besonders hohen Anteil von alten Patienten», sagen Georg von Below, Leiter Qualitätsmanagement am SZB, und Jean-Claude Chatelain, Direktor des HJBE. Dabei sei nicht in jedem Fall ein möglichst langes Leben das Ziel. Zudem seien die Patienten im Jura im Notfall im Vergleich mit dem Grossraum Bern länger unterwegs. Denn nach einem Schlaganfall zählt jede Minute. Von Below kritisiert, dass die Statistik Zusatzfaktoren von Patienten, etwa eine Krebskrankheit, ausblende. Auch Peter Kappert vom Sonnenhof bezeichnet die Studie des BAG als «nicht sehr seriös». Der Vergleich sei schwierig, weil die Spitäler unterschiedlich schwere Fälle hätten. Ausser dem Spitalzentrum Biel und dem Hôpital du Jura verweigerten die bernischen Regionalspitäler die Veröffentlichung ihrer Daten. «Wir wollen das BAG dazu zwingen, dass die Statistik differenziert dargestellt wird», sagt Beat Straubhaar, Präsident des neuen bernischen Spitalnetzwerks «diespitaeler.be». Denn diese nehme heute keine Rücksicht auf die unterschiedliche Struktur der Spitäler. «Wenn schon ein Qualitätsvergleich, dann auf eine aussagekräftige und differenzierte Weise», sagt er. Grundsätzlich stellt er die Spitalvergleiche nicht infrage. «Die Sterberate ist aber der völlig falsche Weg.» So verlege etwa das Inselspital oft sogenannte terminale Patienten, welche die Infrastruktur der Insel nicht mehr benötigen, wieder in ihre Heimspitäler, welche sie ursprünglich nach Bern übergeben hatten.Peter Indra, Vizedirektor des BAG, betont, dass es sich bei der Statistik nicht um ein Rating handle. Die Mortalitätsraten müssten immer mit den einzelnen Spitälern angesehen werden. Es sei nun aber an den Spitäler, zu zeigen, wieso sie unterschiedlich gut dastünden. Laut Indra hat das BAG ab dem nächsten Jahr die Möglichkeit, die Statistik auch gegen den Willen der Spitäler publik zu machen. Spitalvergleiche werden derweil immer wichtiger: Im Herbst soll eine Studie des Kantons und der bernischen Spitäler veröffentlicht werden, welche die Patientenbewegungen und die Mortalität untersucht. Auch Faktoren wie die Überlebensfähigkeit von Patienten sollen dabei berücksichtigt werden.

Der Bund

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