Sensible Daten im Burgerbuch

Nach fünf Jahren liegt es wieder auf: das Burgerbuch. Es ist viel mehr als das Verzeichnis der 17'517 Bernburger. Es ist eine fantastische Fundgrube – für sensible Daten.

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63, 55, Samuel Rudolf, Dr. oec. HSG, Verleger, Präsident der Finanzkommission, Burgerrat, in Gümligen.

Diese Textzeilen finden sich im neuen Burgerbuch auf Seite 701. Die Zahl 63 bedeutet, dass Samuel Rudolf die Nummer 63 in der Familie der Stämpflis ist; 55 steht für seinen Jahrgang. Das ganze Buch enthält nichts anderes als solche Angaben: Tausende von Namen, Tausende von Titeln und Berufsbezeichnungen, Tausende von Zahlen und Tausende von Abkürzungen. Hinter dem Namen von Samuel Rudolf Stämpflis Ehefrau steht zum Beispiel «c 90». Das bedeutet, dass die beiden 1990 geheiratet haben (c steht für «copuliert»). Unter den beiden Eheleuten sind ihre drei Kinder (Nr. 65 bis 67) verzeichnet – mit ihren Vornamen und Geburtsjahren.

Rudolf Stämpfli, Berner Verleger und Präsident des Schweizerischen Arbeitgeberverbandes, wird an dieser Stelle nicht zufällig aus dem Burgerbuch herausgepickt. Der Stämpfli-Verlag legt das «Verzeichnis der Burgerschaft der Stadt Bern» seit 1848 alle fünf Jahre neu auf. Die neuste Ausgabe ist bereits die 32. Eben ist sie in einer Auflage von 2000 Exemplaren erschienen. In der Verlagsmitteilung ist die Rede von einem «unentbehrlichen Nachlagewerk». Es enthält die Namen jener 17 512 Burgerinnen und Burger der Stadt Bern, die Ende Dezember 2009 in Bern und in aller Welt lebten. Aber nicht nur.

Burgerbuch trage den Datenschutzbestimmungen Rechnung

Die Einträge zu den einzelnen Familien sind durchsetzt mit zahlreichen Hinweisen auf bereits verstorbene Personen. Eine entsprechende Textzeile unter einem beliebigen Familiennamen kann dann etwa so lauten: 1, 27 Herr Soundso, Verwaltungsleiter, S v. Herr Soundso († 53), u. Frau Soundso († 57); W v. Frau Soundso († 99), B v. 15, 24, 31. Der geneigte Leser erfährt somit, wer die Eltern des 83-jährigen, ehemaligen Verwaltungsleiters waren (S v.: Sohn von) und wann sie gestorben sind, dass er seit elf Jahren verwitwet ist (W v.: Witwer von) und drei Geschwister hat (B v.: Bruder von). Die Geschwister sind aufgrund ihrer Nummern unter dem gleichen Familiennamen zu finden. Und selbstverständlich fehlt bei ihnen der Rückbezug nicht: B oder Schw v. 1 – Bruder oder Schwester der Nummer 1.

Und da wird es plötzlich sehr interessant: Ein bisschen hin und her blättern genügt, und der geneigte Leser erfährt, dass es in der Familie Soundso fast ebenso viele Scheidungen wie Hochzeiten gegeben hat. Die Einträge sind gespickt mit Hinweisen auf frühere Ehepartner und Kinder aus erster und zweiter Ehe. Ausser in einem Fall: Ein Bruder der Nummer 1 ist bloss mit seinem Namen und dem Jahrgang verzeichnet. Kein Beruf, nichts.

Das Burgerbuch trage den Datenschutzbestimmungen Rechnung, heisst es im einleitenden Text. So wird schon seit längerem darauf verzichtet, adoptierte Kinder mit «ad.» zu bezeichnen. Eigentlich handle es sich um ein Abbild des Zivilstandsregisters, sagt Herausgeber Rudolf Stämpfli. Ein Jahr vor Erscheinen werden alle Burger mit einem Brief darauf aufmerksam gemacht, welche Informationen über sie veröffentlicht werden sollen. Laut Stämpfli sind es «sicher mehr als zehn Prozent» der Angeschriebenen, die gewisse Angaben streichen möchten – «zum Beispiel, dass sie zum dritten Mal verheiratet sind». Eine gänzliche Ausblendung der Person aus dem Burgerbuch ist indes nicht möglich. «Das geht nicht», sagt Stämpfli. Zumindest der Name dürfe publiziert werden – «wie in einem Telefonbuch ohne Telefonnummern».

Das Umgekehrte gibt es aber auch: dass einzelne Burger zu ihrem Namen zusätzliche Angaben publizieren möchten. Oder zu jenem ihrer Kinder. Er sei schon regelrechten Kuriositäten begegnet, sagt Stämpfli. So wollte jemand die Information «Sohn kann Chinesisch» ins Burgerbuch aufnehmen lassen. «Irgendwo müssen wir aber Grenzen setzen», sagt er. So werden Funktionen nur dann erwähnt, wenn sie in einem Zusammenhang mit der Burgergemeinde stehen. Bei ihm selber heisst es eben: Präsident der Finanzkommission, Burgerrat.

«Besondere Zusammenstellungen»

Das Buch gibt allerdings nicht nur Auskunft über einzelne Personen und Familien. Es zeigt auch auf, wann und in welche Gesellschaften (Zünfte) sie eingeburgert wurden – wobei es häufig vorkommt, dass Personen, die den gleichen Familiennamen tragen, unterschiedlichen Gesellschaften angehören. Unterscheidendes Merkmal ist dann ein grosser Buchstabe hinter dem Namen. Die Familie «Stämpfli A» beispielsweise stammt aus Seedorf und wurde 1598 in die Gesellschaft zu Zimmerleuten eingeburgert. Ihre «Kopfzahl» beträgt 77. Die Familie «Stämpfli B» mit ihren derzeit 41 Mitgliedern dagegen ist erst seit 1861 eine Bernburger-Familie – in der Gesellschaft zum Mohren. Und schliesslich gibt es noch eine Familie «Stämpfli C», eine Einpersonenfamilie in der Gesellschaft zu Schuhmachern.

Doch damit nicht genug: Zuhinterst im Burgerbuch finden sich «besondere Zusammenstellungen»: Umfangreich ist die Liste, welche die Veränderungen in der «Kopfstärke» der einzelnen Familien und der Gesellschaften seit der letzten Ausgabe zum Ausdruck bringt. Interessant dabei: Während es bloss 4 Familien gibt, die mehr als 150 Köpfe zählen, verzeichnet die Burgergemeinde 1743 Familien, «die nur aus einer Person bestehen» – das sind 38 mehr als vor fünf Jahren. Nicht uninteressant ist schliesslich die Liste mit den ältesten Burgerinnen und Burgern und den «ältesten Ehen von 50 Jahren und darüber» – sie ist ziemlich lang.

Wer kauft die «Toggeli-Bibbel»?

Doch wer kauft das Buch überhaupt, das da und dort auch unter der Bezeichnung «Toggeli-Bibel» bekannt ist? Rund 1700 Exemplare, also der grösste Teil der Auflage, werden laut Stämpfli in Stadt und Region Bern abgesetzt. Die übrigen reissen sich Sammler unter den Nagel oder Institutionen, die sich mit Ahnenforschung befassen. Bis zur nächsten Auflage «verschwinden jeweils alle», sagt Stämpfli. Er selber sei schon in Salt Lake City auf Burgerbücher gestossen, sagt er. Was auf den zweiten Blick wenig verwundert: Im Mormonenstaat hat die Genealogie einen sehr hohen Stellenwert.

Das Buch, das immerhin 78 Franken kostet, sei für ihn kein Geschäft. Er verlege es aber mit Freude und Begeisterung und betrachte es als Reminiszenz an die Tradition, sagt Stämpfli. Beträchtlich ist der Aufwand, den die Burgergemeinde selber für das Verzeichnis leistet. Das zeigt sich nur schon darin, dass der verantwortliche Redaktor, Andreas Staudenmann, der Geschäftsführer der burgerlichen Pensionskasse, seine aufwendigen Recherchen für das Buch während der Arbeitszeit leisten darf. (Der Bund)

Erstellt: 20.09.2010, 13:53 Uhr

Das Buch

Burgerbuch, Stämpfli-Verlag, Bern 2010, ISBN 978-3-7272-1202-4, 932 S., 78 Fr.

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