«Seekuh» grast wieder auf dem Wohlensee

Der Wohlensee wird derzeit mit einem speziellen Boot vom Seegras befreit. Für die Seekuh, wie das Boot im Volksmund heisst, gibt es aber dieses Jahr weniger zu «futtern» als 2008.

Fritz Sahli (links) und Rolf Steinhauer auf der «Seekuh». Das Boot mäht seit 1972 auf dem Wohlensee das Seegras. (Valérie Chételat)

Fritz Sahli (links) und Rolf Steinhauer auf der «Seekuh». Das Boot mäht seit 1972 auf dem Wohlensee das Seegras. (Valérie Chételat)

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Es gibt verschiedene Seekuh-Arten: In atlantischen Gewässern hausen Manatis, im Indischen Ozean und im westlichen Pazifik tummeln sich Dugongs, in nördlichen Gewässern nahe der Beringstrasse schwamm die riesige Stellersche Seekuh, die seit 250 Jahren ausgerottet ist – und auf dem Wohlensee pflügt sich ebenfalls eine «Seekuh» durch die Fluten. Eigentlich ist es ein MüRo, die Abkürzung steht für den Hersteller Müller Roggwil und bei der «Seekuh» handelt es sich um ein Boot, das den Wohlensee seit Beginn der 1970er-Jahre davor bewahrt, zu einem grünen Teppich aus Seegras zu verkommen.

«Ich weiss auch nicht, woher der Name stammt», sagt Fritz Sahli, der Kapitän des Bootes. Auch auf dem Bieler- und dem Neuenburgersee gebe es ähnlich gebaute Boote, die im Volksmund ebenfalls Seekühe genannt würden. Sahli lässt also derzeit seine «Seekuh» grasen. Das Maul mit dem Mähbalken taucht ins Wasser ein und schneidet Wasserpest, Hechtkraut und gewöhnliches Seegras. Über ein Förderband fällt das Seegras auf das Boot, wo Maschinist und Matrose Rolf Steinhauer das Gras verteilt. «Wir machen das Fuder möglichst hoch, damit wir nicht zu oft hin- und herfahren müssen.» Mit einer Gabel «bigelet» Steinhauer das Gras. Diese Arbeit sei recht anstrengend, «ein Knochenjob», denn das Gras verfange sich und sei wegen des Wassers schwer.

Freie Bahn für Ruderer

Die Wege auf dem lang gestreckten Wohlensee sind weit und die Maximalgeschwindigkeit der «Seekuh » mit 5 bis 7 Stundenkilometern bescheiden. «Je nachdem, wo wir auf dem See arbeiten, sind wir eine halbe Stunde oder sogar eine ganze Stunde unterwegs», sagt Sahli. Das ist der Grund, warum die beiden BKW-Angestellten nicht zu viele Fahrten unternehmen wollen. Die BKW ist als Betreiberin des Wasserkraftwerks Mühleberg für den See zuständig.

Warum wird das Gras eigentlich abgeschnitten? Früher habe man angenommen, sagt Sahli, dass das Gras, wenn es im Herbst verfaule, nachteilige Folgen für andere Wasserpflanzen und Tiere habe. Ob das wirklich stimme, wisse er nicht. Der Wohlensee sei aber sicher weniger als andere Seen vom Erstickungstod bedroht, weil die Aare Nachschub an Sauerstoff bringe. «Es gibt einen Hauptgrund, warum wir das Seegras mähen», sagt Daniel Jenni, Leiter des Wasserkraftwerks. «Wir tun das wegen des Schiffverkehrs.» Fischer- und andere Boote benötigen freie Bahn. Die Ruderer sollen – beispielsweise beim Armada-Cup, der in diesem Jahr am 31. Oktober stattfindet – nicht durch Seegras gebremst oder gar gestoppt werden.

Auf der Sandbank gestrandet

Heuer fällt die Ernte mager aus: «Es hat nur wenig Seegras», sagt Jenni. Man werde wohl nur etwa 50 bis 70 Kubikmeter aus dem See holen. Das letzte Jahr sei dagegen «ganz extrem» gewesen. «Wir hatten um die 500 Kubikmeter Seegras. Und im Jahr 2007 rund 300 Kubikmeter.» Über die Gründe für das geringe Wachstum gibt es nur Vermutungen: «Vielleicht ist der lange und kalte Winter der Grund», sagt Sahli.

Sahli kennt den Stausee wie seine Westentasche. Rund zwanzig Jahre war er «Kopilot», seit 15 Jahren pilotiert er das Boot selber. Er kennt sämtliche Untiefen. Doch einmal hat es ihn trotzdem erwischt, da blieb er mit seinem Boot auf einer Sandbank stecken, ohne an der Havarie schuld zu sein. Das Drahtseil, an dem das Förderband aufgehängt ist, riss. Das «Maul» der «Seekuh» biss sich im Sand fest. Da Sahli noch kein Handy besass, musste er ins Wasser steigen und ans Ufer schwimmen. «Es war Mitte Oktober und das Wasser ziemlich kalt.» Dann holte er beim Stauwehr das Motorboot, um seinen Kameraden, der zurückgeblieben war, aus seiner misslichen Lage zu befreien.

Auf einem Plan des Wohlensees sind die Mähzonen eingezeichnet. Daneben gibt es Zonen, die nicht befahren werden dürfen, damit die Tierwelt nicht gestört wird. Am stärksten spriesst das Seegras unterhalb der Wohleibrücke. Sahli und Steinhauer entfernen das Gras jedoch nicht bis auf den letzten Halm. «Die Schwäne müssen auch noch etwas zu picken haben», sagt Sahli. Das abgeschnittene Gras wird mit einem kleinen Kran vom Boot ans Ufer gehievt. Ein Bauer holt daraufhin das Seegras mit einem Mistwagen und legt die Stängel als Gründünger auf seinen Feldern aus.

Bis jetzt ist noch niemand auf die Idee gekommen, analog zu Meeralgen, «Wohlener Seegraspulver» gegen allerlei Gebresten und Krankheiten zu fabrizieren. (Der Bund)

Erstellt: 28.09.2009, 15:23 Uhr

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