Schöner scheitern mit den Young Boys

Schon zum dritten Mal hintereinander sind die Fussballer des BSC Young Boys nur Zweite geworden – und widerspiegeln damit die Befindlichkeit einer Stadt, die Freude im Scheitern findet. Veryoungboysen heisst das im Fachjargon.

Scott Sutter (rechts) und Emiliano Dudar nach der Niederlage gegen Basel. (Keystone)

Scott Sutter (rechts) und Emiliano Dudar nach der Niederlage gegen Basel. (Keystone)

Sie haben bis zum Schluss tapfer gegen die blau-rote Übermacht gekämpft. Man schrieb den 5. März 1798. Die Berner wehrten sich gegen die Invasion der Franzosen. Frauen, Alte und Kinder unterstützten die Truppen, die erbitterten Widerstand leisteten und halt doch unterlagen. Zuerst bei Fraubrunnen, später auf der Hügelkette vor der Stadt, dem Grauholz.

Dort thront noch heute das Denkmal der Schlacht am Grauholz – gut sichtbar über der Autobahn. Wenn die Berner heimkehren, werden sie immer an die Niederlage erinnert, die zwar schmerzlich war, verlustreich – aber offenbar stolz macht. Zumindest moralisch waren die Berner Truppen die Sieger an diesem Märztag, soll uns das Denkmal wohl sagen.

Und als moralische Sieger fühlen sich die Berner auch nach der Finalissima, die gegen den FC Basel verloren gegangen ist. Die Niederlage wird nun gedeutet als Sieg des Übermächtigen, der Jahresausgaben von 55 Millionen ausweist, gegen die vermeintlich Kleinen mit «nur» 23 Millionen. Diese Deutung stellt zumindest einer an, der sich mit psychologischen Vorgängen auskennt: Patrick Schwengeler ist Oberarzt im Psychiatriezentrum Münsingen – und selbst YB-Fan. Der Verlierer suche seinen Trost darin, dass er sich dem Bezwinger zumindest moralisch überlegen fühlt. Das nehme der Niederlage ihre Schärfe. YB lebe auch von seinem Verliererimage und sei dadurch ein sympathischer Klub, mit dem man sich identifizieren könne.

Das Verlierertum, es wird unter YB-Anhängern gerne zelebriert. Das zeigt sich etwa im Begriff «veryoungboysen», der in den letzten gelb-schwarzen Jahren in die Umgangssprache Eingang gefunden hat. Etwas zu «veryoungboysen», heisst, im entscheidenden Moment etwas zu verkacheln, das man eigentlich gut begonnen hat. Oberarzt Schwengeler zitiert dazu Schriftsteller Samuel Beckett: «Try again. Fail again. Fail better.» (Versuchs nochmals. Scheitere nochmals. Scheitere besser.) Scheitern müsse nicht nur eine trostlose Angelegenheit sein: Das Phänomen des «Veryoungboysen» sei durchaus lustvoll besetzt, es stecke darin nämlich auch ein Geniessen des Scheiterns. «Verlieren kann emotional sogar noch intensiver erlebt werden als gewinnen», sagt der Psychiater und fügt – auch nicht ganz ironiefrei – an: «YB steht für mich für einen Diskurs des Scheiterns – auf hohem Niveau.»

Noch drastischer drückt es der Psychologe Thomas W. Rindener aus, ein Kollege von Schwengeler in Münsingen, der als FCZ-Fan eine Aussensicht auf das Phänomen «Schöner scheitern mit den Young Boys» hat. «Da steckt ein unbewusster Masochismus drin», sagt er. Man wolle gar nicht gewinnen. Man empfinde Lust am Versagen, an der Selbstquälerei, am Geschlagenwerden. Bern fehle eine Siegermentalität, der letzte Biss, der dafür sorge, dass die Saison tatsächlich auf dem ersten Platz abgeschlossen wird. Stattdessen gäben sich die Berner einem fatalistischen Glauben hin, dass es dann irgendwann schon gut komme.

Gegen diese Fatalismus-These gäbe es einiges einzuwenden: Bei YB spielen kaum Berner. Wie soll auf eine bunte Truppe von Fussballsöldner aus aller Welt so etwas wie ein 200-jähriger Grauholz-Blues einwirken? Ist trotzdem möglich, findet Lukas Neuhaus, Soziologe und Autor beim «Bund»-Blog «Zum Runden Leder», wo er unter dem Übernamen Herr Noz als «Experte für alles» bekannt ist. «Es liegt vielleicht am Stadion, denn wir übertragen diesen Fatalismus», meint Experte Noz. Denn schliesslich seien die Fans im Stadion die einzige Konstante in den letzten 24 Jahren ohne Meisterschaftstitel, während Spieler und Vereinsleitung ständig wechselten. Noz findet daher: «Eine Stadt hat den Verein, den sie verdient.» Er relativiert die Aussage aber auch gleich wieder: Denn die beiden Berner Spitzenvereine seien wirtschaftlich erfolgreich – und passten daher gar nicht mehr so gut zu Bern, das bekanntlich nicht als nationaler Wirtschaftsmotor gilt.

Nichts von Fatalismus und Grauholz mag der Berner Stadtpräsident Alexander Tschäppät hören. «Wir sollten uns keinen Minderwertigkeitskomplex herbeireden», sagt der Stadtvater. Bei YB müsse man nun analysieren, was man falsch gemacht habe – und daraus lernen. Und Tschäppät redet Klartext zum Fall Yapi: «Den Schlüsselspieler sollte man nicht mitten in der Saison dem Gegner verkaufen – psychologisch nicht die richtige Entscheidung.» Wenn ihm an der Berner Befindlichkeit etwas auffalle, dann die Tendenz zur Selbstkritik. Es gebe genügend Gründe, das Berner Haupt erhoben zu tragen: «Wir sind Schweizer Meister im Eishockey. Wir sind wirtschaftlich nicht schlecht dran. Und die Stadt entwickelt sich.»

Der Bund

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