Rap in Gottes Ohren

Reportage

Gestern fanden in der Region Bern gleich zwei Rap-Gottesdienste statt. Benu Müller, der mit seinem Hip-Hop-Center an jenem in der Markuskirche beteiligt war, will «Hip-Hop mit Gott verbinden».

Benu Müller (links) bespricht sich im Hip-Hop-Center mit einigen der Jugendlichen. (Manuel Zingg)

Benu Müller (links) bespricht sich im Hip-Hop-Center mit einigen der Jugendlichen. (Manuel Zingg)

Adrian M. Moser@AdrianMMoser

Dicke Autos, aggressive Texte, muskelbepackte Männer- und nur knapp bekleidete Frauenkörper – mit diesen und ähnlichen Klischees wird Hip-Hop üblicherweise assoziiert. Ein anderes Bild hat sich gestern Abend in der Berner Markuskirche gezeigt: Im Hip-Hop-Gottesdienst wird mit Sprechgesang und Tanz der liebe Gott gepriesen – nur die fetten Beats, welche schon vor Beginn der Veranstaltung in bemerkenswerter Lautstärke durch das Gotteshaus schallen, passen ins Hip-Hop-Bild, das die Musikkanäle gemeinhin vermitteln.

In der gut gefüllten Kirche sitzen vor allem Kinder und Jugendliche, aber auch Eltern und einige Rentner. Zuerst wird gebetet, dann folgen Rap- und Breakdance-Shows, die vom Publikum klatschend und im Stehen verfolgt werden. Der Applaus ist zuweilen frenetisch – dass der Event die Handschrift der Freikirchen trägt, ist nicht zu übersehen. Pfarrer Herbert Knecht hält sich derweil dezent im Hintergrund. Eine ähnliche Veranstaltung fand gestern Morgen auch in der Thomaskirche im Liebefeld statt: Pfarrer Hansueli Ryser lud zum Rap-Gottesdienst mit Rapperin Steff la Cheffe.

Proberäume im Wankdorf

Einige Tage zuvor im Berner Nordquartier: Hier, im Hip-Hop-Center Wankdorf, trainieren einige der Crews, welche gestern in der Markuskirche aufgetreten sind. Mitten unter den jungen Hip-Hop-Teens steht ein kurz rasierter Endzwanziger im Kapuzenpulli und gibt kumpelhaft Anweisungen. Benu Müller hat das Hip-Hop-Center aufgebaut. Und er hat den etwas aussergewöhnlichen Gottesdienst in der Markuskirche zusammen mit Pfarrer Knecht initiiert. Müller erklärt: «Wir wollen Hip-Hop-interessierten Jugendlichen die Infrastruktur zur Verfügung stellen, welche sie brauchen, um in dieser Kultur aktiv zu werden.» Und er fügt an: «Wir verbinden Hip-Hop mit Gott.»

Das Hip-Hop-Center versteht sich weder als Jugendtreff im eigentlichen Sinn noch als sozialpädagogische Institution. Es gehe darum, die Jugendlichen zu animieren, sagt Müller, der in Luzern soziokulturelle Animation studiert. «Wir arbeiten partizipativ. Das heisst, die Jugendlichen bestimmen und wir begleiten sie dabei.» Getreu dieser Devise ging auch der Aufbau des Centers im vergangenen Jahr vonstatten. Rund 40 Jugendliche waren daran beteiligt. Sie haben entschieden, wie die Räume gestaltet werden sollen, und waren auch an der Umsetzung ihrer Pläne massgeblich beteiligt. «Wo es nötig war, haben wir uns von Fachpersonen unterstützen lassen», sagt Müller. Das Resultat lässt sich sehen: Graffiti verbreiten «reales» Vorstadtfeeling, eine Spiegelwand dient der besseren Selbstkontrolle beim «dancen», die Bar lädt zum gepflegten «hangen» ein und die Sofas animieren zum «chillen».

«Wie eine grosse Familie»

Derzeit trainieren 40 Jugendliche, aufgeteilt in sechs Tanz- und Rap-Gruppen, wöchentlich im Hip-Hop-Center. An diesem Dienstagabend treffen sich die sechsköpfige Frauen-Crew Selfmade und eine noch namenlose Gruppe, bestehend aus vier Jungs, zum Training. Die Jugendlichen sind alle zwischen 16 und 18 Jahre alt. «Es ist wie eine grosse Familie», sagt Crewmitglied Jennifer über das Hip-Hop-Center. «Wir können hier über alles reden.» An Gott habe sie schon vorher geglaubt. Aber seit sie hier trainiere, habe sie sich «noch mehr geöffnet». Viele der anwesenden Jugendlichen äussern sich ähnlich. Sie schätzten die Möglichkeit, «Gott mit Hip-Hop zu verbinden». Ihm sei die Religion weniger wichtig, findet hingegen Lauren von der Männer-Gruppe. «Ich bin wegen des Hip-Hops hier», sagt er.

Wenn man ihn und die Jugendlichen so reden hört, drängt sich der Schluss förmlich auf: Benu Müller ist auf Mission. Er bestreitet dies: «Ich bin kein Missionar, ich sehe mich als Animator.» Zwar könne im Hip-Hop-Center seinen Glauben praktizieren, wer das wolle, sagt Müller. «Aber ich will auf keinen Fall jemandem etwas überstülpen.» Diese Meinung teilt Pfarrer Herbert Knecht: «Benu Müller zwingt niemandem etwas auf», sagt er. Obwohl er aus freikirchlichen Kreisen komme, lebe er seinen Glauben in einer offenen Art. «Das entspricht uns», sagt er in Anspielung auf die Spannungen, welche zwischen Landes- und Freikirchen bestehen.

Das Jugendamt schaut genau hin

Finanziell unterstützt wird das Hip-Hop-Center von der städtischen und kantonalen reformierten Kirche, von der Freikirche «Bewegung Plus» und privaten Spendern – aber etwa auch vom Jugendamt der Stadt Bern. Auch Monika Gasser vom Bereich Kinder- und Jugendförderung beim Jugendamt sieht «keinen missionarischen Ansatz». Sie habe sich ausführlich mit Benu Müller unterhalten, sagt sie. «Wenn wir von der Stadt jemanden unterstützen, müssen wir da genau hinschauen.»

Der Bund

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