Pop-Olymp oder RTL 2?

Castingshows

Deutschland hat einen neuen Castingstar. Er heisst Edita Abdieski und stammt aus Bern-Bümpliz. Womöglich ist der Gewinn der Sendung «X-Factor» dennoch nicht der Anfang einer grossen Karriere.

Die Bernerin Edita Abdieski hofft seit gestern Abend erst recht auf eine Showkarriere. (zvg)

Die Bernerin Edita Abdieski hofft seit gestern Abend erst recht auf eine Showkarriere. (zvg)

Ane Hebeisen

Es geschah gestern Abend. Um 22.44 Uhr hat der Fernsehsender Vox Edita Abdieski aus Bern-Bümpliz zur Siegerin der ersten «X-Factor»-Staffel erkoren, begleitet von den Worten der Jurorin Sarah Connor: «Edita, du bist ein Star.» Als könnte einem dieser Titel einfach so um den Hals gebunden werden, wie Lametta. Edita winkt nun ein Plattenvertrag beim angeschlagenen Major-Label Sony Music und eine Karriere, die im temporären Superstartum startet und hoffentlich nicht in ewiger C-Prominenz enden wird.

Die Beispiele nachhaltig erfolgreicher Castingstars werden nämlich immer seltener. Leo, der letzte Schweizer, der 2009 als Gewinner der deutschen «Popstars»-Staffel hervorgegangen war, verdingte sich nur wenige Monate später als Textilverkäufer im Einkaufszentrum Glatt. Selbst die einst so erfolgsverwöhnten No Angels fristen nur noch ein Dasein in RTL-2-Sekundärbeiträgen. Doch es gibt eben auch die Paul Potts oder die Stefanie Heinzmanns, die die Hoffnung auf einen Eilkurs in die Show-Glückseligkeit schüren.

Die 25-jährige Bernerin lässt diese Hoffnungen nun wieder aufköcheln. Ihr Traum ist es, irgendwann auf dem Walk of Fame verewigt zu werden. Das hört man öfters von Kandidatinnen an Musik-Castingshows, wo die Idee, dass ein bisschen Talent im Verbund mit einer fernsehüberwachten Kandidatenauslese kurvenlos auf den Pop-Olymp führt, noch grassiert. Unter all den Castingstars gehört Edita jedoch zu den fleissigeren. Sie hat einiges versucht, um in der Schweiz musikalische Spuren zu hinterlassen: Edita besuchte die Swiss Musical Academy im Marzili, scheiterte mit ihrem Projekt Vanessaedita in der Disziplin des radiotauglichen Mundart-Soul, noch weniger Aufmerksamkeit erlangte sie mit ihrer Pop-Band Montenegra. Es folgten Jobs als Backgroundsängerin, unter anderen bei der Berner Band Lunik. Dann meldete sie sich für die Sendung «X-Factor» an, die vom Fernsehsender Vox als seriösere Castingvariante beschrieben wird, weil das allgemeine Tränenvergiessen nicht ganz so gross ist wie bei der Konkurrenz. Und in dieser Sendung hat sich die Bernerin gegen 19 000 mehr- oder minderbegabte Konkurrenten durchgesetzt.

Sie ist dabei durchaus über sich hinausgewachsen. Zwar war ihre Song-Auswahl in der Final-Sendung (eine larmoyante Ballade von Leona Lewis und ein ebenso gefühliges Duett mit Xavier Naidoo) nicht über alle Zweifel erhaben. Doch die Bernerin vermochte Akzente zu setzen, mit einer Stimme, der zwischen Schmachten und Schmettern alles gelingt, und mit ihrem durchaus einnehmenden Wesen.

Weit wichtiger als ihr mirakulöses Stimmorgan wird für Editas Zukunft sein, dass sie sich einen hervorragenden Produzenten anlächelt. Der Siegersong «I’ve Come to Life», ein überbelichtetes Allerwelts-Popliedchen, lässt dahin gehend erst einmal nichts Gutes ahnen.

Der Bund

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