Philippe Perrenoud: Guter Zuhörer, zögerlicher Anpacker

Philippe Perrenoud (sp) ist es bisher nicht gelungen, mit einer geschickten Planung Wildwuchs bei den Spitälern und steigende Krankenkassenprämien einzudämmen. Der bernische Gesundheits- und Fürsorgedirektor dürfte die Wiederwahl dennoch schaffen.

In der Gesundheitspolitik steht Philippe Perrenoud noch nicht dort, wo er stehen möchte. Mehr als zufrieden ist er mit den Ergebnissen bei der Fürsorge. (Adrian Moser)

In der Gesundheitspolitik steht Philippe Perrenoud noch nicht dort, wo er stehen möchte. Mehr als zufrieden ist er mit den Ergebnissen bei der Fürsorge. (Adrian Moser)

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Europa wächst zusammen – wie sieht die Rolle des Kantons Bern in diesem Gebilde aus? Solche Fragen stellt sich Philippe Perrenoud gerne. Der frankofone Psychiater aus dem Berner Jura gibt sich weltoffen, will Sprachen und Kulturen verschmelzen. «Ich hätte nicht gedacht, dass das Amt als Regierungsrat so viele Aspekte in sich vereint. Bei meiner Arbeit habe ich aber immer versucht, Sorge zu Bern zu tragen», sagt der SP-Politiker, der am 28. März für eine zweite Amtszeit kandidiert.

Doch eigentlich werden vom bernischen Gesundheits- und Fürsorgedirektor Lösungen für profanere, wenn auch nicht minder schwierige Probleme erwartet: Die Krankenkassenprämien im Kanton steigen seit Jahren überdurchschnittlich stark, was laut Experten auch mit Überkapazitäten bei bernischen Spitälern zu tun hat. Ab 2012 kommen zudem Mehrkosten in dreistelliger Millionenhöhe auf Kanton und Steuerzahler zu, weil das revidierte Krankenversicherungsgesetz in Kraft tritt. Den öffentlichen Spitälern und den Privatkliniken steht dann gleich viel kantonales Geld zu – heute muss Bern an die Privatspitäler, die ein Drittel der Grundversorgung abdecken, noch nichts beisteuern.

Bisher hat Perrenoud kein Rezept gegen die Kostenexplosionen gefunden, planerisch hat er kaum eingegriffen. Zweimal wurde seine Spitalplanung bereits vom Bundesrat und vom Bundesverwaltungsgericht gerügt: Er habe es versäumt, den Spitälern verbindliche Kapazitäten vorzuschreiben. Das heisst, Letztere haben zu viel Narrenfreiheit. Und so passierte denn auch Unverständliches: Die Spital-Netz Bern AG etwa wollte ein teures Spitzenmedizin-Gerät kaufen, obwohl dieselbe Einrichtung am Inselspital nicht ausgelastet ist.

«Ungeheuer schwierig»

«In der Gesundheitspolitik bin ich noch nicht da, wo ich hinwollte – manchmal bin ich zu diplomatisch. Bei der Fürsorge habe ich andererseits mehr erreicht, als ich mir vorstellen konnte», sagt Perrenoud, dem eine «Direktion des Wohlbefindens» vorschwebt. Nur: Darüber und über Perrenouds Vorgehen in der Jura-Frage, für die er ebenfalls zuständig ist, redet kaum jemand im Kanton. Dafür kritisieren Politiker fast aller Parteien, Vertreter der Krankenkassen und auch Verantwortliche der Spitäler seine Gesundheitspolitik. Zögerlich, zurückhaltend und unsicher in Sachfragen sei er, lautete der Tenor zur Halbzeit vor zwei Jahren. Inzwischen hat er den ehemaligen Sprecher von Bundesrätin Micheline Calmy-Rey, Jean-Philippe Jeannerat, als Stabschef zu sich geholt – und ist damit der einzige Regierungsrat, der einen solchen Posten geschaffen hat. «Anfänglich hat sich Perrenoud manchmal öffentlich ungeschickt geäussert, etwa Parolen seiner Partei zu aktuellen Abstimmungen zum Besten gegeben. Mit Jeannerat ist die Kommunikation aber besser geworden», sagt FDP-Grossrätin und Franziska Fritschy.

Auch der Vorwurf der mangelnden Dossierkenntnis ist verstummt – Kritik jedoch bleibt. «Die Spitalplanung ist bei Perrenoud nicht in guten Händen», sagt SVP-Grossrat Andreas Lanz. Es könne nicht sein, dass es etwa in der Stadt Bern immer noch fünf Herzzentren gebe. «Der Kanton müsste endlich festlegen, welche Leistungen er zu welchem Preis will – und Perrenoud sollte endlich auch auf die Privatspitäler zugehen, die gute Arbeit leisten.» Zudem fehlten nach wie vor ein Lehrstuhl für Hausarztmedizin, ein kantonales Krebsregister und ein systematisches Mammografie-Programm für Bernerinnen über 50. Die Fraktionspräsidentin der Grünen, Christine Häsler, nimmt den Gesundheitsdirektor in Schutz: «Er hat eine sehr schwierige Direktion. Man kann ihm nicht alle Missstände anlasten.»

Die Begrenzung der Pflegetage in den Spitälern dieses Jahr sei ein Schritt in die richtige Richtung auf dem Weg hin zu tieferen Gesundheitskosten, sagt die bernische SP-Präsidentin Irène Marti. «Zusammen mit Perrenoud wünschen wir uns aber auch, dass es schneller vorwärtsgeht.»

Lob für Jura-Politik

Zehn Jahre Zeit gibt sich der Fürsorgedirektor, um die Armut zu halbieren – im ersten kantonalen Sozialbericht versuchte er aufzuzeigen, wie viele Berner überhaupt arm sind. Etwa mit mehr externen Betreuungsangeboten für Kinder will er nun Gegensteuer geben. Allerdings: 10-Jahres-Pläne sind politisch immer praktisch, weil nicht sofort radikal etwas unternommen werden muss. Eine Kehrtwende vollzog Perrenoud beim Thema Sozialinspektoren zur Bekämpfung von Missbrauch in der Sozialhilfe: Zuerst lehnte er die verdeckte Ermittlung als Teil einer «Schnüffelstaat-Mentalität» ab, inzwischen will er sie in «besonderen Fällen» erlauben.

Dass der Regierungsrat gut zuhören kann und verständnisvoll reagiert, bestätigen auch viele bürgerliche Politiker. Diese Eigenschaften kommen besonders in seiner Jura-Politik zur Geltung: Er agiert behutsam, stösst niemanden vor den Kopf. Es ist denn auch der garantierte Sitz des Berner Juras, der Perrenoud letztendlich die Wiederwahl schaffen lassen dürfte. (Der Bund)

Erstellt: 22.02.2010, 15:48 Uhr

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