Perspektiven

Perspektiven: Die Zeitung der Zukunft

All jene, welche wenigstens beim Frühstück nicht in einen Bildschirm starren möchten, können vorerst aufatmen: Zeitungen und Zeitschriften werden auf absehbare Zeit weiterhin auf Papier gedruckt.

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Für die Freunde des gedruckten Wortes im Allgemeinen und die Angestellten der Tamedia im Besonderen gab es in den letzten Tagen gute Nachrichten: Die Zahl der Zeitungsleserinnen und -leser hat leicht zugenommen. Beim «Bund» haben wir auch die Zahl der bezahlten Abonnemente seit Anfang 2010 halten können. Und Tamedia hat im ersten Halbjahr 2011 einen Reingewinn von fast 88 Millionen Franken ausgewiesen; der Umsatz der Mediengruppe wird 2011 erstmals die Milliardengrenze überschreiten, und zwar deutlich.

Der Print-Journalismus, von dem Tamedia noch weitgehend lebt – das Internet ist erst so richtig im Kommen und wirft noch keine substanziellen Gewinne ab –, ist in den letzten Jahren von diversen mehr oder weniger kompetenten Instanzen für tot oder mindestens todkrank erklärt worden. Doch all jene, welche wenigstens beim Frühstück nicht in einen Bildschirm starren möchten, können vorerst aufatmen: Zeitungen und Zeitschriften werden auf absehbare Zeit weiterhin auf Papier gedruckt.

Todeskampf oder Renaissance?

Ob wir allerdings ein letztes Aufbäumen der gedruckten Presse vor ihrem definitiven Niedergang erleben, den Untergangspropheten seit Jahren heraufbeschwören, oder ob eine Renaissance des Print-Journalismus dämmert, darüber sind sich die Eingeweidebeschauer der Medienszene nicht einig. Als notorischer Optimist neige ich bis zum Beweis des Gegenteils der zweiten Option zu, und deshalb möchte ich hier über René Scheu schreiben.

Scheu, 37 Jahre alt, ist promovierter «Hardcore-Philosoph», wie er sagt, Hobby-Weinhändler und hauptberuflich Herausgeber sowie Chefredaktor einer kleinen, feinen, inzwischen 90 Jahre alten Zeitschrift. Sie heisst, seit sie Scheu im März 2011 neu lanciert hat, «Schweizer Monat»; früher war sie unter dem Namen «Schweizer Monatshefte» bekannt – oder besser gesagt: den meisten unbekannt.

Wer die Monatsschrift in die Hand nimmt, dem fallen sofort drei Dinge auf: erstens das Papier, fest, schwer und griffig, zweitens eine zurückhaltende, edel und gediegen wirkende Aufmachung und drittens die Prominenz, mit der sich die Zeitschrift schmückt: Schweizer Akteure wie die Politiker Karin Keller-Sutter und Martin Bäumle, Sängerin Sina, Maler HR Giger, Bankier Konrad Hummler oder Ökonom Bruno S. Frey; daneben internationale Grössen wie die Freiheitskämpferin Ayaan Hirsi Ali, die Historiker Niall Ferguson, Michael Stürmer oder Ian Morris oder auch der bedeutendste deutschsprachige Schriftsteller, Hans Magnus Enzensberger, der in der September-Ausgabe in einem sechsseitigen Interview zu Wort kommt.Der «Schweizer Monat» ist eine liberale Publikation, aber keine, die dem «Liberallalla» huldigt, so der Titel der Juni-Ausgabe. «Der Liberale hegt eine tiefe Aversion gegen jede Form von Zwang», schrieb René Scheu im Editorial jenes Heftes, und: «So viel Freiwilligkeit und so wenig Zwang wie möglich – so könnte das liberale Credo lauten.»Der «Schweizer Monat» ist also eine Publikation ausserhalb des herrschenden sozialdemokratischen Mainstreams, eine Art monatliche «Weltwoche», allerdings auf höherem intellektuellem Niveau und ohne deren pubertäre Provokationen und schlecht kaschierte Parteilichkeit. Der Journalismus, wie ihn der «Schweizer Monat» betreibt, wird stets ein begrenztes Publikum ansprechen: Die Auflage beträgt 4500 Exemplare, wovon 2000 von festen Abonnenten bezogen werden. Die Tendenz ist aber steigend; im laufenden Jahr konnten 20 Prozent Neuabonnenten dazugewonnen werden, und daraus leitet Scheu seine positiven Vorhersagen für die Presse ab.

Kompakter, weniger geschwätzig

Laut ihm wird es «eine immer grössere Differenz zwischen Qualitätsmedien und News-Massenware geben. Die Massenware wird zunehmen, aber ihr Einfluss abnehmen», prophezeit Scheu. Da die eigentliche Nachricht schon heute gratis bezogen werden kann, müssen sich die Zeitungen seiner Meinung nach vom Nachrichtengeschäft verabschieden. Künftige Topmedien, und das gilt auch für Tageszeitungen, werden «klein, aber fein und viel teurer» sein als heute; Tageszeitungen werden Analysen, Hintergründe, Reportagen und Interviews abdrucken; sie werden «kompakter, schmaler, aber weniger geschwätzig sein als heute».

Insgesamt sieht der Herausgeber des «Schweizer Monats» die «besten Zeiten für Qualitätspublizistik» anbrechen – aber ob diese für immer und ewig auf Papier stattfinden oder ob sie auf anderen Trägermedien verbreitet wird, ist sekundär. Als «Nischenprodukt» werde das Papier jedoch weiterhin gefragt bleiben, ist Scheu überzeugt.Für die Konsumentinnen und Konsumenten enthält diese Information eine gute und eine schlechte Nachricht. Die schlechte vorweg: Für Qualitätszeitungen – das gilt auch für den «Bund» – wird man in den kommenden Jahren deutlich mehr bezahlen müssen als heute, erstens, damit Redaktionen den gesteigerten Qualitätsansprüchen bei tendenziell sinkender Auflage gerecht werden können, und zweitens, um die einseitige finanzielle Abhängigkeit von den Anzeigen zu reduzieren. Der «Schweizer Monat» macht dies vor: Die Einzelnummer kostet stolze Fr. 18.50, ein Jahresabo 2011 noch 139, danach 155 Franken. Dafür kriegt man zehn Ausgaben jährlich, plus fünfmal das Supplement «Literarischer Monat».

Strukturelle Probleme

Bisher unterlag das Anzeigengeschäft konjunkturellen Schwankungen, die manchem Print-Titel den Garaus gemacht haben. Inzwischen kämpfen wir auch mit strukturellen Problemen, indem immer mehr Rubrikenanzeigen und kommerzielle Inserate ins Fernsehen und ins Internet abwandern.

Die gute Nachricht hingegen ist in den Worten von René Scheu, denen ich mich anschliesse, diese: Leserinnen und Leser werden für ihr Geld einen viel höheren intellektuellen Return on Investment bekommen als heute. (Der Bund)

Erstellt: 10.09.2011, 11:35 Uhr

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