Notunterkunft Hochfeld: Kanton erteilt Heilsarmee Absage

Die Zivilschutzanlage Hochfeld wird ab sofort als Unterkunft für Asylsuchende genutzt. Vor drei Jahren betrieb die Heilsarmee die Anlage – doch dieses Jahr gab der Kanton der privaten Firma ORS den Zuschlag.

Vor drei Jahren wurde die Notunterkunft Hochfeld noch von der Heilsarmee betrieben.

Vor drei Jahren wurde die Notunterkunft Hochfeld noch von der Heilsarmee betrieben. Bild: Keystone

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Die Menschen ziehen erst morgen ein. Doch alles ist bereit. Im Aufenthaltsraum der Billardtisch und Töggelikasten, fünf Duschen, vier Toiletten, achtzig Schlafplätze, eine Küche. Noch ist es kühl in der unterirdischen Zivilschutzanlage Hochfeld, die kurzfristig in eine Notfallunterkunft für Asylsuchende umgewandelt wurde.

Die Berner Asylunterkunft wird von der privaten Unternehmung ORS Service geführt. Dies obwohl die Anlage vor drei Jahren – als sie auch schon als Notunterkunft diente – von der Heilsarmee erfolgreich betrieben wurde. Damals kam es zu keinerlei Problemen – weder in der Unterkunft noch in der Nachbarschaft. Auch dieses Mal sollte mit grosser Wahrscheinlichkeit die Heilsarmee, die im Kanton Bern zehn Asylunterkünfte führt, den Betrieb übernehmen. Dies bestätigt Paul Mori, Geschäftsleiter der Heilsarmee-Flüchtlingshilfe.

Absage statt Vertrag

Sowohl mündlich als auch in einer Mail habe der Kanton Bern die Heilsarmee im November 2011 darüber informiert. Daraufhin hätten sie bereits Vorarbeit – wie Personalrekrutierung, Bereitstellung von Inventar und Mobiliar sowie Vereinbarungen mit Lieferanten – geleistet, sagt Mori. Auch war klar, dass wieder die gleiche Leiterin wie vor drei Jahren eingesetzt wird. Mori: «Wir waren bereit und motiviert.» Nachdem er Anfang Dezember in einem Schreiben an den Kanton die Rechtslage hatte sicherstellen wollen und nach den Verträgen gefragt hatte, erhielt die Heilsarmee statt des Vertrags eine Absage. Ohne weitere Begründung oder ersichtliche Kriterien habe der Kanton mitgeteilt, dass er eine andere Organisation einsetzen werde, sagt Mori.

Er bedauert, dass die Heilsarmee den Auftrag nicht erhalten hat. Man sei aber im Gespräch mit dem Kanton und gehe davon aus, dass die offenen Fragen noch geklärt werden könnten. Denn bisher ist laut Mori die Zusammenarbeit zwischen Kanton und Heilsarmee immer konstruktiv gewesen. Der Kanton wollte keine Stellung nehmen. Als Begründung für die Wahl von ORS hiess es in einem Schreiben vom Amt für Migration und Personenstand (MIP): «In der ausserordentlichen Situation aufgrund des grossen Platzmangels entschloss sich der Kanton Bern für diejenige Firma, die den Betrieb einer zusätzlichen Notunterkunft am raschesten auf die Beine stellen konnte.»

Tendenz der Kosteneffizienz

ORS ist seit bald 20 Jahren im Asylwesen tätig. Mittlerweile betreibt sie alle sieben Bundeszentren, so auch dasjenige auf dem Jaunpass im Kanton Bern. Dazu kommen laut eigenen Angaben über fünfzig Unterkünfte in verschiedenen Kantonen. Pro Tag betreue sie rund 4000 Asylsuchende, steht auf der Internetseite von ORS.

Dass die private Anbieterin von Betreuung und Unterbringung Asylsuchender schon mehrmals für negative Schlagzeilen gesorgt hat – etwa wegen unterbesetzter Betreuung, Verweigerung des Zugangs für Angehörige von Menschenrechtsgruppen oder Gewinnorientierung –, schien den Kanton Bern bei seiner Wahl jedoch nicht zu interessieren. Erst im Dezember wurde durch einen Artikel in der «Wochenzeitung» bekannt, dass die Firma in einer Zürcher Gemeinde Asylsuchenden eklatant hohe Wohnkosten verrechnet.

Moreno Casasola, Geschäftsführer von Solidarité sans Frontières (Sosf), kritisiert die allgemeine Tendenz zur Kosteneffizienz im Flüchtlingswesen. «Im Asylwesen herrscht seit Jahren Spardruck.» Die ORS springe in diese Bresche und spare an den falschen Orten – nämlich bei den Menschen, sagt Casasola. Auch wegen der Zusammenarbeit zwischen der ORS und der Securitas AG übt Sosf Kritik am privaten Unternehmen. Die Securitas würde nicht über das notwendige Know-how, etwa im Bereich der interkulturellen Kommunikation, verfügen, sagt Casasola. Für ihn steht grundsätzlich ausser Frage, dass gewinnorientierte Firmen erst gar nicht in Bereichen wie dem Asylwesen tätig sein sollten. «Es ist definitiv kein Bereich, in dem man Gewinn erwirtschaften sollte.»

Ähnlich sieht es Paul Mori von der Heilsarmee. Bei der Heilsarmee stehe die Würde jedes Menschen im Vordergrund, was in Anbetracht der Problematik nicht immer einfach zu vertreten sei. Trotzdem seien sie nicht einfach die lieben Helfer. Die Sorgen und Ängste einiger Menschen gegenüber Asylunterkünften würden sie genauso ernst nehmen wie das Wohl der Asylsuchenden. (Der Bund)

Erstellt: 05.01.2012, 06:53 Uhr

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Platz ist auch im Kanton Bern knapp

Die Kapazitäten aller Asylunterkünfte schweizweit sind nahezu ausgeschöpft. Die Zahl der neu zugewiesenen Asylgesuche in der Schweiz überstieg letztes Jahr erstmals seit 2003 die Marke von 20'000. Um diesen Ansturm zu bewältigen, sind neben dem Bund auch die Kantone und Gemeinden gefordert. Der Kanton Bern etwa muss 13,5 Prozent aller Asylsuchenden aufnehmen. Dafür betreibt er 24 Zentren – vom Berner Jura bis ins Oberland und vom Grossraum Bern bis in den Oberaargau.

Doch auch im Kanton Bern wird der Platz immer knapper. Im Moment sind 1667 Plätze von aktuell 1862 zur Verfügung stehenden Plätzen belegt, wie Iris Rivas, Leiterin der Abteilung Migrationsdienst der kantonalen Polizei- und Militärdirektion, sagt. Täglich kämen rund 20 bis 30 neue Asylsuchende hinzu. Allein im Verlaufe des letzten Jahres wurden deshalb fünf Notunterkünfte – in Muri, Krauchthal, Köniz, Uetendorf und Biel – eröffnet. Mit dem Durchgangszentrum Hochfeld folgt nun die sechste. Weitere Unterkünfte seien zum jetzigen Zeitpunkt nicht spruchreif, sagt Rivas. In der Unterkunft Hochfeld hat es Platz für maximal 80 Asylbewerber. Rund 75 Prozent der Flüchtlinge, die im Hochfeld einquartiert werden, kommen laut Rivas aus Osteuropa, 15 Prozent aus Afrika und 10 Prozent aus Asien. Ob in der Unterkunft nur Männer oder auch Frauen und Familien einquartiert werden, entscheidet sich erst ganz kurzfristig. Laut aktueller Planung gehe man von einer Nutzungsdauer der Notunterkunft Hochfeld von rund sechs Monaten aus. Für Fragen aus der Bevölkerung ist während der ganzen Betriebszeit des Durchgangzentrums rund um die Uhr eine Telefonhotline in Betrieb. Telefon: 031 302 13 38.

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