«Nichts unter dem Deckel behalten»

Burgergemeinde

Ein Gauführer der Nationalen Front in den 1930er-Jahren wurde später problemlos zum Burgerratspräsidenten gekürt: Dieser Fall machte Schlagzeilen. Nun hat die Burgergemeinde ihre Archive durchforstet – und Problematisches entdeckt, aber keine Abgründe.

Blick in die Vergangenheit: Christophe von Werdt (rechts) und Burgergemeindepräsident Franz von Graffenried (Mitte); im Hintergrund Burgergemeindeschreiber Andreas Kohli (rechts) und der externe Kommunikationsberater Andreas Kurz. (Beat Schweizer)

Blick in die Vergangenheit: Christophe von Werdt (rechts) und Burgergemeindepräsident Franz von Graffenried (Mitte); im Hintergrund Burgergemeindeschreiber Andreas Kohli (rechts) und der externe Kommunikationsberater Andreas Kurz. (Beat Schweizer)

Markus Dütschler

Dass auf die Burgergemeinde Bern Ungemach zukommt, wusste sie seit Sommer 2007. Damals stiess der «Bund» bei Recherchen zu ihrer Geschichte auf eine brisante Dissertation von Katrin Rieder. Die Historikerin hatte beim Quellenstudium herausgefunden, dass Georges Thormann – ab 1968 während langer Zeit geachteter Burgerratspräsident – in jungen Jahren Gauführer der Nationalen Front Bern war. Öffentlich genannt wurde der Name jedoch noch nicht, da offenbar selbst Familienangehörige von der braunen Vergangenheit nichts wussten. Das baldige Erscheinen der Studie in Buchform sorgte bei der Burgergemeinde für rote Köpfe.

Rieders Buch als Paukenschlag

Als Rieders Buch «Netzwerke des Konservatismus» (siehe Zweittext) im August 2008 die Fakten publik machte, war das wie ein Paukenschlag. Rieder leuchtete in ihrem 700-seitigen Werk Thormanns Vergangenheit aus. Sie zeigte auf, dass diese Vergangenheit 1968 bei seiner Wahl zum Burgerratspräsidenten überhaupt kein Thema war. Pikant war auch, dass die Gesellschaft zum Distelzwang Gauführer Thormann in ihrem Zunfthaus an der Gerechtigkeitsgasse 79 ein Versammlungslokal vermietet hatte.

Burger suchten Akten hervor

Erstmals seit den aufgeregten Debatten im August 2008 trat die Burgergemeinde gestern in dieser Sache wieder an die Öffentlichkeit. Bereits nach dem Erscheinen des Artikels von 2007 über die Burger im «Kleinen Bund» habe der Kleine Burgerrat beschlossen, «die Quellenlage zu eruieren», sagte Burgergemeindepräsident Franz von Graffenried in der Arvenstube im Kultur-Casino – auch sie eine burgerliche Stätte mit Vergangenheit (Text unten). Als Rieders Buch «mit viel Tamtam» erschienen sei, hätten es die Burger vorgezogen, sich erst selber kundig zu machen, was da noch in den Archiven schlummere, bevor man an die Öffentlichkeit trete.

Historiker aus den eigenen Reihen

Als sich keine externe Fachperson für die Erstellung eines Quellenberichts habe finden lassen, habe er den Auftrag übernommen, sagte Christophe von Werdt, promovierter Historiker, Mitglied des Kleinen Burgerrats und beruflich Leiter der Osteuropa-Bibliothek in Bern. Nun liege der Quellenbericht vor: Die Akten seien «für die Forschung zugänglich gemacht», man habe «eine transparente Quellenlage». Die Burger hätten «nichts unter dem Deckel gehalten», sagte von Werdt. Nach seiner Einschätzung sei «alles offengelegt, was für die Burgergemeinde problematisch» sei. Er glaube kaum, dass in anderen Aktenbeständen noch einschlägige Neuigkeiten zum Vorschein kommen könnten. Bewertungen habe er nicht vorgenommen, sondern die Akten zugänglich gemacht, sagte von Werdt: Ihre Auswertung sei nun Sache der Forschung.

Burger «waren Durchschnitt»

Franz von Graffenried räumte ein, dass die Burgergemeinde «Kritik in solch geballter Form» nicht gewohnt sei. «Vielleicht ist es gut, dass wir so durchgeschüttelt wurden.» Auf prominente Auftritte in den Medien sei sie nicht erpicht, «es sei denn mit dem Kulturpreis». Von Graffenried bemühte sich um einen unaufgeregten Ton und forderte zum Fragestellen auf – «locker und offen». Dennoch liess er einige kritische Bemerkungen zu Rieders Buch fallen. Die Autorin habe versucht, von Einzelpersonen auf die Burgergemeinde zu schliessen, was ihr missglückt sei. Zeitungsschlagzeilen wie «Unbewältigte Nazi-Vergangenheit der Burgergemeinde» hätten ihn aufgeregt, gab er unumwunden zu. Die Burgergemeinde – «ghudlet» ob dieser Anschuldigung – habe wissen wollen, ob das zutreffe. Nun sei klar: «Die Burgergemeinde war kein Hort von Frontisten», wenngleich es Personen mit Sympathien in jene Richtung gegeben habe – «wie auch in anderen Körperschaften jener Zeit». Zum Glück habe sich herausgestellt, dass erschreckende Szenarien von burgerlichen Autoritäten, die im Casino in corpore zu Führers Geburtstag die Champagnerkorken knallen lassen, nicht der Realität entsprächen, sagte er. Vielmehr zeige sich, «dass wir schlichter Durchschnitt waren». Von Werdt merkte an, dass empirisch abgestützte Vergleiche mit anderen Körperschaften nur möglich wären, wenn deren Aktenlage in gleicher Weise erschlossen wäre. Dies sei aber noch nicht der Fall.

In einigen Einburgerungsakten tauchen Textpassagen auf, in denen das «rassenhygienische», eugenische Vokabular jener Zeit aufscheint. «Wir waren erstaunt und befremdet», sagte von Werdt dazu. Er gab zu bedenken, dass damals in der Schweiz vielerorts, auch im Berner Stadtrat, dem damaligen Zeitgeist entsprechend über Eugenik diskutiert worden sei.

Plan für Burger-Geschichte

Von Graffenried gab gestern bekannt, dass es Pläne zur Erarbeitung einer Geschichte der Burgergemeinde im 19. und 20. Jahrhundert gebe – inklusive Vorkriegs- und Kriegszeit. Die Arbeit soll von einer externen Fachperson geleistet werden, die noch gesucht werde. Von Interesse ist für die Burgergemeinde eine detaillierte Darstellung der Beziehungen zum Kanton und zur Einwohnergemeinde.

Datenschutz versus Öffentlichkeit

Private Aktenbestände wären in einer solchen Darstellung willkommen, sagte von Werdt. Allerdings gebe es eine Gratwanderung zwischen dem Informationsgesetz und dem Datenschutzgesetz. Akten des Burgerrats oder der Zünfte unterstünden der kantonalen Gesetzgebung. Bei privaten Beständen liege es aber im Ermessen der Depositäre, inwieweit sie Einblick gewährten. «Wenn man ihnen das nicht garantiert, vertrauen sie uns ihre Bestände nicht an», legte von Werdt dar. «Und dann sind sie für die Forschung verloren.»

Der Bund

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