«Nicht wegen Kleinigkeit zum Arzt rennen»

Spitalleiter Peter Kappert zeigt sich überzeugt, dass sich der Sonnenhof auch unter dem ab 2012 geltenden System behaupten wird.

Peter Kappert: «Man sollte unter den Spitälern noch enger zusammenarbieten. (Valérie Chételat)

Peter Kappert: «Man sollte unter den Spitälern noch enger zusammenarbieten. (Valérie Chételat)

Hans Galli

Herr Kappert, sind die Privatspitäler am Prämienschock im Kanton Bern mitschuldig?

Diese Fragen müssen Sie den Krankenkassen stellen. Ich kenne deren Berechnungsmethoden nicht. Der Umsatz der Klinik Sonnenhof ist immer noch gleich hoch wie vor drei oder vier Jahren. Somit gehören wir nicht zu den Verursachern des Prämienanstiegs.

Aber die Prämien sind in Bern auch wegen der besonderen Stellung der Privatspitäler höher.

Seit 2004 müssen oder dürfen wir Privatspitäler auch grundversicherte Patienten behandeln. Das führte damals zu einem Kostenschub für die Krankenkassen. Dieser wirkt bis heute nach, weil der Kanton Bern nichts an deren Behandlungskosten zahlt. Das wird sich ändern: Ab 2012 muss der Kanton die Hälfte übernehmen, was die Kassen entlasten wird.

Die Frage stellt sich, ob die Prämien auch deshalb steigen, weil Berner länger im Spital bleiben als andere. Dies wiederum könnte damit zu tun haben, dass es im Kanton Überkapazitäten gibt. Das Bettenangebot bestimmt die Nachfrage.

Da sind wir bei der Gretchenfrage. Ich behaupte, die Nachfrage bestimmt das Angebot. Das ist das Hauptproblem in der Schweiz. Wir sind ein verwöhntes Volk. Die Menschen müssten mehr Selbstverantwortung übernehmen und nicht wegen jeder Kleinigkeit zum Arzt rennen.

Warum aber bleiben Bernerinnen und Berner länger im Spital als die Einwohner anderer Kantone?

Die jüngste Statistik der kantonalen Gesundheitsdirektion zeigt, dass die Patienten in den öffentlichen Spitälern zwei Tage länger bleiben als in den privaten. Warum das so ist, kann ich nicht sagen. Die Aufenthaltsdauer der Patienten wird den Spitälern ja schon heute nicht mehr vergütet.

Was empfehlen Sie, um den Anstieg der Gesundheitsausgaben zu bremsen?

Auch ich habe keine einfache Antwort. Wir wollen ja die Leistungen nicht rationieren. Die Höhe der Kosten hängt mit unseren Ansprüchen zusammen. In der Schweiz ist nur das Beste gut genug – das gilt nicht nur im Gesundheitswesen. Zudem haben wir 26 verschiedene kantonale Gesundheitssysteme. Die Kleinräumigkeit verursacht Ineffizienz und hohe Administrationskosten.

Damit ist die Frage nicht beantwortet, wie der Kostenanstieg gebremst werden kann.

Einer der Hauptgründe ist, dass wir Menschen länger leben. Wer vor zwei Jahrzehnten mit 60 Jahren einen Herzinfarkt erlitt, verursachte Kosten für seine Beerdigung. Heute überlebt er dank einer Herzoperation oder der Gefässdilatation. Das erlaubt ihm einen Ausflug aufs Jungfraujoch. Dort gleitet er aus und muss als Folge die Hüfte operieren lassen. Später wird er krebskrank. Wenn er mit 90 Jahren stirbt, hat er Kosten von 200 000 Franken verursacht.

Es ist doch eine Tatsache, dass vor allem in der Region Bern zu viele Spitäler dasselbe machen.

Es wäre gut, wenn man im Salem etwas anderes als im Lindenhof und dort etwas anderes als im Engeried-Spital anbieten würde. Wir müssten unsere Angebote konzentrieren, zusammenlegen, nicht unbedingt streichen. Einig wird man sich aber nicht wegen der unterschiedlichen Besitzverhältnisse. Zumindest bei den öffentlichen Spitälern sollte es aber funktionieren. Tut es jedoch ebenfalls nicht.

Neben dem Inselspital betreibt das Engeried ein Brustzentrum. Braucht es zwei davon in der Region?

Ja, die braucht es. Wir machen viel mehr Mammografien als die Insel. Wir haben sogar die meisten Mammografie-Untersuchungen in der Schweiz.

Aber je mehr Mammografien man macht, desto kompetenter wird man und desto besser ist es für die Patientinnen. Da würde es doch Sinn ergeben, sich zusammenzutun.

Engeried und Insel sind sinnvoll. Das Frauenspital kann schon wegen seiner Grösse nicht alles abdecken. Ausserdem machen sie gewisse Sachen anders als wir. Frauen können dort nicht zu ihrem privaten Gynäkologen gehen. Deshalb sollten Patientinnen die Wahl haben. Mit dem Lindenhofspital kooperieren wir aber bereits, etwa bei Tumoruntersuchungen. Man sollte aber natürlich noch enger zusammenarbeiten.

Versuchen Sie das denn?

Wir haben ja schon einiges unternommen. Fusioniert haben wir mit dem Engeried-Spital. Wir wollten auch mit dem Salem-Spital fusionieren, aber es wurde von Hirslanden gekauft. Mit dem Inselspital betreiben wir den City-Notfall beim Bahnhof, sowie die PET Diagnostik AG Bern, welche beide keine Subventionen erhalten. Durch Zusammenlegungen und Kooperationen kann günstiger und somit innerhalb der vorgegebenen Tarife produziert werden. Überdies werden teure Investitionen besser ausgelastet.

Gemäss den vorliegenden Prognosen werden die Krankenkassenprämien bis 2012 im Kanton Bern weiter happig steigen. Wird das neue Finanzierungsmodell danach die Wende bringen?

Die Versicherungen werden entlastet, während der Kanton mehr Patiententage mitfinanzieren muss. Wie stark sich das auf die Prämien auswirken wird und ob der Kanton die Steuern erhöhen muss, lässt sich noch nicht abschätzen.

Um für 2012 gerüstet zu sein, bringen sich die Spitäler nun in Stellung, kaufen etwa teure Geräte. Sind Sie nicht gezwungen, bei diesem «Wettrüsten» mitzumachen?

Wir sind für das neue Finanzierungssystem bereit, ich wüsste nicht, was wir kaufen müssten. Jedes Jahr haben wir zwischen fünf und zehn Millionen investiert.

Was sollte der bernische Spitaldirektor Philippe Perrenoud (sp) im Hinblick auf 2012 tun?

Ob er Spitäler streichen muss, lässt sich heute noch nicht sagen. In der Peripherie braucht es meiner Meinung nach Netzwerke von Haus- und Spezialärzten, die sich zusammentun und eine Infrastruktur gemeinsam nutzen. Diese Netzwerke müssten mit Zentrumsspitälern vernetzt sein.

Befürchten Sie, dass der Sonnenhof ab 2012 nicht mehr auf der kantonalen Spitalliste figurieren wird?

Nein, wir müssen am wenigsten befürchten. Von allen Privatspitälern tragen wir am meisten zur Grundversorgung in der Region Bern bei. Neben dem Inselspital verfügen wir über die grösste und älteste Notaufnahmestation. Wir arbeiten als einziges Privatspital sehr eng mit dem Inselspital zusammen. Professoren aus dem Inselspital arbeiten zum Teil bei uns. Mit unsern 21 Assistenzärzten tragen wir entscheidend zur Ausbildung der Ärzte bei. Der Sonnenhof ist zudem das einzige Spital im Osten Berns.

Wie hoch ist der Anteil an Patienten mit obligatorischer Grundversicherung im Sonnenhof?

Das sind rund 65 Prozent. Wir sind also darauf angewiesen, auf der kantonalen Spitalliste zu bleiben.

Der Kanton wird künftig einen Fixpreis pro Fall festlegen – die Fallpauschale. Bereitet dies dem Sonnenhof Sorgen?

Nein, im Gegenteil. Wir hoffen, dass das neue System einen echten Vergleich zwischen den Spitälern ermöglichen wird. Es wird ein Aha-Erlebnis geben, wer wirklich gut ist und wer nicht.

Sind Sie überzeugt, dass der Sonnenhof gut abschneiden wird?

Wir sind überzeugt, dass wir mit dem System der Fallpauschalen gut fahren werden. Drei Mitarbeitende nehmen bereits heute die entsprechenden Kodierungsarbeiten vor.

Für den Vergleich der Spitäler sind Standards nötig. Ist es möglich, diese objektiv festzulegen?

Der Sonnenhof ist Mitglied der unabhängigen Klinikgruppe «Swiss Leading Hospitals». Als eine der wenigen Organisationen im Gesundheitswesen verfügen wir über ein Qualitätsstandard-System. In Europa kennt man insbesondere die ISO-Normen sowie die SQS-Standards. Auch die «Swiss Leading Hospitals» haben wegweisende Normen zur Prüfung der Qualitätsstandards entwickelt: Für alle medizinischen Bereiche wie Akutmedizin oder Psychiatrie gibt es einen Anforderungskatalog, in welchem die geforderten Minimalstandards aufgeführt und beschrieben sind. Jedes Spital wird einer Aufnahmeprüfung unterzogen und alle drei Jahre erneut zertifiziert. Wir sind zudem im Gespräch mit der Schweizer Gesellschaft für Qualitätssicherung (SQS), ob unser Zertifikat als offizielles Label anerkannt werden kann. Der Sonnenhof ist überdies als Gesamtbetrieb ISO-zertifiziert und hat die Rezertifizierung soeben bestanden.

Welche Bedeutung hat dies für die kantonale Spitalliste?

Meines Erachtens sollte jedes Spital ein Qualitätszertifikat vorweisen müssen, bevor es sich um die Aufnahme auf die Spitalliste bewerben darf. Eine Baufirma, welche sich um einen Autobahnabschnitt bemüht, muss auch ISO-zertifiziert sein. Dieselben Regeln müssen im Gesundheitswesen gelten. Unter den zertifizierten Spitälern wird eine Ausschreibung durchgeführt, und schliesslich kommen jene auf die Spitalliste, welche bestimmte Leistungen am günstigsten anbieten.

Der Kanton will aber nicht so vorgehen, er setzt vielmehr auf eine Mengenbeschränkung.

Das führt einfach dazu, dass Patienten in ein womöglich qualitativ schlechteres Spital abgeschoben werden, wenn ein Spital sein Kontingent an Fällen ausgeschöpft hat.

Auf der Internetseite von «Swiss Leading Hospitals» steht, das Ziel sei Spitzenmedizin in Verbindung mit Erstklasshotellerie. Das klingt, als würde viel Geld für etwas ausgegeben, was nicht zu den Kernkompetenzen eines Spitals gehört.

Es stimmt, der Satz kann etwas in die Irre führen. Den Begriff «Luxus» sollte man nicht fördern. Aber es geht eigentlich nur darum, dass sich die Patienten abgesehen von ihren gesundheitlichen Problemen wohl fühlen, gut essen können, freundlichem Personal begegnen. Das kostet nicht mehr und hat nichts zu tun mit einem Fünf-Sterne-Hotel, aber mit einer Grundhaltung und einem Bewusstsein für eine umfassende Qualität.

Der Bund

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