Neun Tonnen Zeitungspapier für das Museum Münsingen

Das Museum Münsingen erhält ein Stück Geschichte: Die Fischer Management AG übergab ihm am Donnerstag den gesamten Bestand der «Emmentaler Nachrichten».

Heinz (links) und Beat Fischer übergeben dem Museum den gesamten Bestand der «Emmentaler Nachrichten». (Manu Friederich)

Heinz (links) und Beat Fischer übergeben dem Museum den gesamten Bestand der «Emmentaler Nachrichten». (Manu Friederich)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Mit diesem Resultat hatte niemand gerechnet: An der Münsinger Gemeindeversammlung vom 9. Dezember 1883 wurde der amtierende Gemeindeschreiber, Notar Küng, abgewählt. Dies, obwohl er «sein Amt in musterhafter Weise» ausgeführt hatte. Der Grund für seine Nichtwahl war denn auch ein ganz anderer: «Dieses gänzlich unerwartete Wahlergebnis ist einerseits dem rücksichtslosen Vorgehen unserer Radikalen und andererseits dem schwachen Besuche der Gemeindeversammlung zuzuschreiben.» So ist die Niederlage Küngs in den «Emmentaler Nachrichten» vom 26. Dezember 1883 festgehalten, der ersten Ausgabe dieser Zeitung überhaupt. Dieses erste Exemplar gehört – wie alle darauffolgenden Ausgaben – nun dem Museum Münsingen. Die Fischer Management AG (ehemals Fischer Druck AG) übergab dem Museum gestern offiziell den nahezu lückenlosen Bestand der «Emmentaler Nachrichten». Die Zeitung wurde 1889 vom erfolgreichen Geschäftsmann und resoluten Gemeindepolitiker Burkhard Fischer gekauft – und von da an auch in Münsingen gedruckt.

Archiv ist von grosser Bedeutung

Die gewichtige Schenkung – alle Zeitungsbände zusammen wiegen ganze neun Tonnen – sei von grosser lokalhistorischer Bedeutung, sagte Sarah Pfister, Kuratorin des Münsinger Museums, anlässlich der Übergabe. «Wir erhalten interessante Hinweise auf das lokale Leben.» In der Tat: Neben Gemeindeschreiber Küngs Nichtwahl erfährt man beim Schmökern im Archiv beispielsweise, dass Münsingen am 26. März 1911 von einem regelrechten Schneesturm heimgesucht wurde, wobei die Blumen in den Gärten allesamt erfroren. Die Bewohnerinnen und Bewohner schien der Schnee nicht allzu sehr zu stören: Sie verbrachten den Abend – wie so oft – im Löwen. In der Ausgabe vom 1. April desselben Jahres steht, dass an der Gemeindeversammlung von Oberdiessbach beschlossen wurde, die Hundetaxe von fünf auf zehn Franken zu erhöhen. Eine grosse Mehrheit der 70 Stimmberechtigten hatte sich dafür ausgesprochen.

Das Thema schlechthin in dieser Ausgabe war allerdings der Durchstich des Lötschbergs. Eine ganze Seite der nur vierseitigen Ausgabe war diesem Ereignis gewidmet. Genau 50 Jahre später, am 1. April 1961, erschien unter anderem ein Porträt über Antonio Regazzoni, der das schwere Unglück während des Tunnelbaus überlebt hatte. Der damals 73-Jährige war eigens für die Gedenkfeier von Savoyen in die Schweiz gereist, war zu lesen.

Neutrale Kriegsberichterstattung

Doch nicht nur lokale und regionale Themen fanden den Weg in die «Emmentaler Nachrichten». Auch über das Geschehen in der restlichen Schweiz, aber auch im Ausland wurde ausführlich berichtet. Gerade in den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg und insbesondere während der Kriegsjahre selbst wurde in der Lokalzeitung viel über Deutschland geschrieben. Der damalige Chefredaktor Oskar Beer hatte aber dafür gesorgt, dass nie negativ über den grossen Nachbarn berichtet wurde. «Er hat immer betont, dass die Berichterstattung mit der Haltung der Schweiz übereinstimmen sollte – sie musste neutral sein», sagte Albert Kündig, Präsident der Kommission Ortsgeschichte. Doch es scheint, als hätte sich die Leserschaft etwas mehr Kritik gewünscht: Denn in dieser Zeit ging die Anzahl der Abonnenten gemäss Kündig vorübergehend stark zurück.

Zeitungsbeilagen für die Hausfrau

Äusserst beliebt war hingegen die wöchentlich erscheinende, religiös geprägte Zeitungsbeilage «Feierabend». Diese führte Verleger Fischer bereits 1893 ein; sie enthielt «nur sittlich-religiöse, aber spannend geschriebene Erzählungen» sowie «einwandfreien Unterhaltungsstoff», wie der Verleger einst gesagt haben soll. In einer dieser Beilagen wurde auf die nordafrikanischen Länder eingegangen – auch eine Reportage aus «der italienischen Kolonie Tripolitanien» war zu lesen. «Feierabend» war gemäss Fischer eher Lesestoff für «die Hausfrau mit ihren erwachsenen Töchtern». Die Männer sollten sich hingegen «mehr dem Studium des politischen und volkswirtschaftlichen Teiles hingeben», hielt der Verleger 1915 fest. (Der Bund)

Erstellt: 01.04.2011, 07:32 Uhr

Lange Firmengeschichte

Die Geschichte des Druckereiunternehmens Fischer AG beginnt 1889: Damals erwarb der Münsinger Burkhard Fischer den Verlag der «Emmentaler Nachrichten». In den ersten zwei Jahren wurde die Zeitung an der Bernstrasse 21 gedruckt, bevor die Druckerei 1891 am Dorfplatz ein eigenes Gebäude beziehen konnte. Über vier Generationen lagen die Geschicke der Münsinger Druckerei in den Händen der Familie Fischer. In dieser Zeit fanden in der Medienbranche Änderungen statt, die auch die «Emmentaler Nachrichten» zu spüren bekamen: 1959 erfolgte die Umbenennung in «Bernische Tages-Nachrichten», später einfach «Tages-Nachrichten». 1977 schlossen sich diese mit der Langnauer «Berner Zeitung» zu den «Berner Nachrichten» zusammen. Nur zwei Jahre später entstand aus dem Zusammenschluss der «Berner Nachrichten» mit dem «Berner Tagblatt» die «Berner Zeitung», kurz BZ. Ein Teil der Auflage wurde bis 1985 in Münsingen gedruckt. Nach gut 120 Jahren in Münsingen zog das Druckerunternehmen Fischer (heute Fischer Management AG) im letzten August nach Wabern. (pd/lsb)

Werbung

Immobilien

Kommentare

Werbung

Auswärts essen? Die Gastrokolumne.

Per Mausklick zur Gastrokritik: Wo es der Redaktion am besten mundet, kommen vielleicht auch Sie auf den Geschmack.

Die Welt in Bildern

Spielen im Schnee: Die zwei chinesischen Riesenpandas Chengjiu und Shuanghao geniessen das kalte Wetter im Zoo von Hangzhou (9. Dezember 2018).
Mehr...