Nachruf: Adieu, Toni Gerber

Dem Lehrer, Kunstsammler und Galeristen, dem Vermittler, Schenkenden und Freund zum Abschied: In seinem 78 Lebensjahr ist er am letzten Freitag in Bern gestorben.

«Adieu, Toni Gerber.» Erst vor Kurzem sagte ich der guten alten Bekannten in Frankreich bei unserer Abreise: «Adieu, Ginette.» Mit Tränen in den Augen entgegnete sie, ich dürfe das nicht sagen, noch nicht, wirke es doch so endgültig. «Wenn ich einmal im Sterben liege, nehme ich diesen Gruss gerne an und werde ihn auch erwidern, denn es ist das schönste Abschiedswort für Freunde. Aber nicht jetzt.»

Es wird andern auch so ergehen, dass sie gerne Toni Gerber ein Danke, ein Mache-es-gut oder sogar dieses französische Mit-Gott auf den letzten Weg mitgegeben hätten, ehemalige Schülerinnen und Schüler, Kollegen, Künstlerinnen und Künstler und schliesslich Freunde und die von ihm reich beschenkte Stadt. Seine schwere Krankheit liess sich nicht verstecken. Das Atmungsgerät begleitete ihn überallhin, aber er nahm dennoch am Leben in der Öffentlichkeit teil, wo es ihm wichtig erschien, so vor einem Jahr anlässlich der grossen James-Lee-Byars-Ausstellung im Kunstmuseum Bern. Dank Toni Gerber besitzt es die grösste Byars-Sammlung. Das «Adieu, Toni Gerber» war also absehbar. Jetzt ist es da, schmerzhaft und unvermeidlich.

Der am 17. Juli 1932 in Bern Geborene war stets ein Vermittler, ein Kunstvermittler für die meisten, aber nicht einer zwischen Fronten oder Parteien im üblichen Sinne, nicht einer, der den Kompromiss suchte, sondern ein vom Erlebnis, von seiner Leidenschaft, vor allem von der Begegnung und seiner Liebe getragener. Er stellte sich mit allem, was ihn bewegte, sei es ein Gemälde, eine flackernde Kerze, ein Landschaft weit im Osten, Meer, Himmel oder Gedicht vor oder eher noch neben uns und liess uns teilhaben. Er zeigte auf, erzählte, schaute fragend in die Runde, staunte. Und die Anwesenden liessen sich mit seinem Gefundenen, Empfundenen, Ausgewählten, Erfahrenen und Erlittenen beschenken und von ihm entführen.

Ja, er war ein Schenkender als Lehrer für Deutsch und Geschichte am Untergymnasium, als Galerist, der seine eben entdeckten Kunstschaffenden in die Öffentlichkeit führte und begleitete und schliesslich als Berner, der seine Stadt mit Hunderten, ja Tausenden von Werken beglückte, die er 1983 und 1993 in zwei riesigen «Paketen» dem Kunstmuseum Bern überreichte. Sie harren als einzigartige, persönliche Kollektion immer noch der Realisierung eines Museums für Gegenwartskunst, dessen Grundstock sie – obwohl selbst auch schon Geschichte – darstellen würden.

Schon der Galerist Toni Gerber, der 1964 in der Berner Altstadt am Nydeggstalden 24 seine erste Galerie eröffnete und vier Jahre später an die Gerechtigkeitsgasse 23 und dann ins Haus Nummer 74 zog, begann mit Rupprecht Geiger, Rolf Nesch, Virgilio Guidi, Lucio Fontana und Antonio Calderara, als Künstlern in reifem Alter, und engagierte sich gleichzeitig für die junge Berner und Schweizer Kunst. Er versuchte Impulse zu geben und auch hier Begegnungen und Wechselwirkungen mit aktuellem Schaffen aus dem Ausland sichtbar werden zu lassen.

Eigentlich müssten hier mindestens 43 Namen genannt werden, denn so viele Kunstschaffende waren allein schon in der ersten Schenkung von tausend Werken vertreten. Stellverstretend genannt seien etwa Franz Eggenschwiler, Dieter Roth, James Lee Byars, Antonius Höckelmann, Markus Raetz, Sigmar Polke, Michael Buthe, Jean-Frédéric Schnyder, Albrecht Schnider, Claude Sandoz, Alois Mosbacher, Franz Wanner... Oder dann Tomas Kratky, Heinz Brand, Leopold Schropp und, und... Oft ergänzen Skizzen, Studien, Texte und Notizen die Bilder und Werkgruppen und zeugen von intensiven freundschaftlichen Beziehungen zwischen dem Sammler und den Schaffenden.

Nach seiner zweiten Schenkung reiste er vermehrt nach Asien, auf seine Schildkröteninsel Ko Tao im Golf von Thailand oder nach Pagan. Dort hat er schon lange eine neue Heimat gefunden, ohne sich jemals von Bern zu verabschieden, das er in seinem wunderbaren Bildband «Hills and Holes», der im letzten Jahr erschien, einmal liebevoll als «gut gezimmertes Biedermeier» bezeichnete. Die gemalten, gezeichneten und geschriebenen Reiseaufzeichnungen aus den Sechziger- und Siebzigerjahren, als Toni Gerber monatelang in Afghanistan, Nepal und Südostasien unterwegs war mit Malkasten, kleiner Kamera, «Gottfried Keller» und «Jean Paul», führen an den Beginn eines persönlichen Passionswegs, der nun sein Ziel gefunden hat.

Dem zweiten Katalog zu seiner Berner Schenkung hat Toni Gerber unter anderen das Gedicht «Nur zwei Dinge» von Gottfried Benn vorangestellt, in dem steht: «Es gibt nur eines: ertrage – ob Sinn, ob Sucht, ob Sage – dein fernbestimmtes: Du musst». Toni Gerber, Adieu!

Der Bund

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