Musikalisches Tiefdruckgebiet

24000 Freunde der Stromgitarrenmusik haben am 5. Greenfield Festival vornehmlich den Punkrock gefeiert. Die Helden der Veranstaltung waren indes jene Bands, die dieses Muster durchbrachen.

Weisser Anzug, dunkle Fantasien: Mike Patton von der Gruppe Faith No More.

Weisser Anzug, dunkle Fantasien: Mike Patton von der Gruppe Faith No More.

Ane Hebeisen

Vermutlich hat er sich das ein ganz klein bisschen anders vorgestellt, der Mike Ness, als er 1979 in den schlechter beleumundeten Clubs in Kalifornien die ersten Konzerte mit seiner Band Social Distortion anzettelte. Es war die Zeit, als der Punk seine erste Renaissance erlebte, im Geiste aber immer noch Aufbegehren und Rebellion im Sinn hatte. Dass ihm dreissig Jahre später in der frischen Berner Voralpenluft eine Tausendschaft gesunder Nachwuchspunks mit aufblasbaren roten Coca-Cola-Fan-Werbe-Händchen zuwinken, ohne dabei ordentlich verprügelt zu werden, oder dass ein führender Mobilfunkanbieter über seinem tätowierten Kopf grossflächig und ungestraft für sein neues Musikbusiness-Modell werben darf, das hätte sich der Punk-Altherr damals wohl kaum so ausgemalt. Doch allzu arg wundern muss ihn die Entwicklung nicht. Die Musik seiner Band hat in den Jahren dermassen an punkiger Aufmüpfigkeit eingebüsst, dass sie heute in jedem Bierzelt für prima Laune sorgen könnte.

Im Bierzelt namens Greenfield Festival, dem einzigen monothematischen Rockfestival der Schweiz, ist er damit in bester Gesellschaft. Oder sagen wir es anders: Beschwerliche drei Tage verlebt auf dem Grünfeld, wer dem grassierenden munteren Stimmungs-Punkrock eher mit Skepsis begegnet. Irgendwann ist es egal, wie sie heissen, woher sie kommen und wohin sie gehen: Itchy Poopzkid, Broilers, Less Than Jake . . . – alle greifen sie auf dasselbe abgefingerte musikalische Layout zurück: 1-2-3-Losgehts-Punk nach altbewährtem Schnittmuster, wenns gut kommt – wie im Falle der völlig entfesselten englischen Gallows – wird dem Ganzen noch ein bisschen Inbrunst einverleibt. Oder Slipknot: Sie stampfen zum Festival-Abschluss ihren Musik gewordenen Furor derart energetisch verdichtet ins Bödeli, dass sich beinahe der Asphalt biegt – letztlich aber doch zu sehr im roten Bereich, um dauerhafte Wirkung zu erzielen. Doch abseits dieser Emphasen ist das musikalische Rahmenprogramm des Greenfield Festivals 2009 von erschreckender Eintönigkeit, was aber offensichtlich immerhin ein guter Nährboden für die Aktivitäten der diversen Sponsoren darstellt.

In seinen ersten Austragungen war das Greenfield Festival Interlaken ein einigermassen nüchternes Gebrauchsfestival. Die Freunde der Stromgitarrenmusik reisten an, schauten sich ihre bevorzugten Bands an, nahmen schnörkellose Nahrung zu sich, tranken Bier und reisten wieder ab. Das Greenfield ist in seiner 5. Ausgabe kaum wiederzuerkennen. Die Veranstalter scheinen entdeckt zu haben, dass auch die Freunde der ernsten Rockmusik – 24000 sind heuer nach Interlaken gereist - doch im Grunde bloss spielen wollen. Im Playstation-Zelt bietet sich ihnen dazu Gelegenheit. Das Spiel, das hier zum Wettkampf stilisiert wird, heisst «Rockband»; ehrgeizige junge Mannen mimen mit Plastikgitarren und Gummischlagzeug die grossen Posen, die sie zuvor auf den Bühnen des Festivals abgucken konnten. Vis-à-vis steht der Rockgemeinde der sogenannte Festival-Playground mit einer Skater-Halfpipe und Trampolin zur Verfügung, doch sie bleibt weitgehend unbeachtet – ihre schlecht tätowierten Raucherbeine mögen sich die Punkrock-Freunde dann doch nicht brechen.

Jeder Festival-Gönnerzelebriert seinen eigenen Event. Der Zürcher Rock-Club Abart hat zusammen mit dem rührigen «Rockstar»-Magazin ein Discozelt aufgestellt, durch welches Nirvana und Rammstein schallen. Musik, zu der sich noch nie so richtig gut tanzen liess, folgerichtig wird hier eher getorkelt und getrunken. Doch auch Sponsoren, die im richtigen Leben nicht unbedingt mit Rockmusik in Verbindung gebracht werden, geben sich volksnah und vergleichsweise unzart: Bacardi, eine Marke, die bisher eher mit schwüler Cocktailmusik auffällig geworden ist, bemüht sich in ihrem Disco-Zelt mit Pink, Suzy Quatro und Ausgelassenheit vorgaukelnden Vortänzern um eine Bindung zum Rockpublikum, aus dem Rivella-Zelt tönt der «Final Countdown» von Europe, und Coca Cola stellt gar eine drittklassige Stimmungsband auf die Eventbühne.

Doch auch auf den Hauptbühnen des Festivals muss zuweilen Grausiges erduldet werden, bis das Fest einigermassen in die Gänge kommt. Für diesen grausigen Part ist beispielsweise die Band Nightwish aus Finnland angereist. Und der Freitags-Headliner bietet, was man von ihm befürchten musste: vernebelten Rock für den Harry-Potter-Leser, Musik wie ein Airbrush-Gemälde – hoffnungslos überbelichtet, zu grell die Farben, zu kunterbunt das Pathos. Metal-Gitarren treffen hier auf breitbeinigen Bombast, wäre der Begriff nicht bereits anderweitig besetzt, würde man hier wohl von White-Metal sprechen. Und mittendrin, zwischen pyrotechnischen Flammensäulen und musikalischen Gefühlsemphasen, die emotional aufgekratzte Blondheit Anette Olzon, eine Rocksängerin mit offensichtlich ungestillten Musical-Ambitionen, eine Frau, die man problemlos auch den Thuner Seespielen hätte auftischen können. In den hinteren Reihen wird das Ganze ähnlich unschlüssig beklatscht wie ein überambitioniertes 1.-August-Feuerwerk, doch wenn Nightwish tatsächlich etwas bewiesen haben, dann die Tatsache, dass es nicht möglich ist, Metal-Gitarren zu bedienen und doch Melodien für Millionen schreiben zu wollen.

Eine These, die allerdings nur genau einen Tag Gültigkeit behält. Exakt bis zu jenem lange herbeigesehnten Moment, als die Gruppe Faith No More nach 11-jähriger Kunstpause die Greenfield-Bühne betritt. Unschlüssig wird der Applaus am Ende auch hier sein, viele der jungen Rockfreunde werden nach dem Konzert nicht genau wissen, ob ihnen nun wegen des anhaltenden Bierkonsums oder wegen dieser sonderbaren Band schwindlig geworden ist. Ein Effekt, der sich bereits nach wenigen Takten des Konzerts einstellt. Die bejahrten Herren um den extravaganten Vokalisten Mike Patton haben sich in die Sonntagsanzüge geworfen und beginnen ihr Set mit einer Nummer, die an Glitschigkeit kaum zu übertreffen ist: «Reunited», die Sixties-Schnulze von Peaches & Herb, wird von Faith No More in aller Flauschigkeit dargebracht, erste tätowierte Rücken drehen sich ab und suchen das Weite, erste Coca-Cola-Winkehändchen sinken erschlafft darnieder. Mike Patton gemahnt in seinem Tun an einen schmierigen, aber dezidiert zuvorkommenden Damenschuhverkäufer, der seine finsteren Geheimnisse und abartigen Fetische nur schlecht zu verbergen vermag. Einer, dem man jederzeit zutrauen muss, seiner Kundschaft sehr hinterhältige Gemeinheiten anzutun – im konkreten Fall, dass er einem Punkrock- und Death-Metal-gestählten Auditorium ein musikalisches Wechselbad aus adretten Balladen, fuchtigen Avant-Garde-Metal-Ausbrüchen, Lady-Gaga-Covers oder vertrackten 7/8-Takt-Attacken zumutet. Faith No More schrammen immer wieder haarscharf und doch zielgenau am Stadionrock vorbei und bleiben doch in jedem Moment gefährlich und unberechenbar. Sie spielen mit Dynamik und schlagen Erwartungshaltungen in den flauen Sommerwind, stellen einen donnernden Gewaltausbruch in Aussicht und hauen dem Publikum jählings das zärtelnde Piano-Thema von Vangelis’ «Chariots of Fire» um die Ohren. Eine Freude ists, diese Herren wieder auf der Bühnen der Welt anzutreffen.

Viele Helden hat das Greenfield Festival 2009 beileibe nicht produziert. Die Hauptattraktionen sind fast ausnahmslos jene Figuren, die sich dem strengen Punk- und Rockdiktat widersetzten. Die Ting Tings etwa, ein ungezügeltes Duo aus England, entwirft mittels Live-Loops und geschmackvoll eingesetzter Elektronik eine unbändige Form frenetischer Future-New-Wave-Punkmusik – voller ungeahnter Wendungen und musikalischer Falltüren.

Oder die Gruppe Korn,die mit ihrem dramaturgisch meisterhaft inszenierten, schwerblütigen und jederzeit raffinierten Donnerwetter-Metal endgültig Schluss macht mit Schönwetter-Punk. Die Kalifornier beschwören mit ihrem Konzert am Sonntagabend das erste und einzige meteorologische Tiefdruckgebiet herauf. Der Himmel verdunkelt sich folgerichtig dramatisch, auf einmal flattern erste Werbebanner im stürmischen Wind, Wasserfälle stürzen von der Hauptbühne, und am Ende ihres Auftritts liegt die Hauptbühne in Hudeln und Fetzen. Korn schaffen es, dass sich das Festival beinahe in seine Einzelteile auflöst. Zur Freude der wahren Jünger des Hardcores, die vergnügt in den Ruinen und Pfützen der Nacht entgegentoben.

Der Bund

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