Munition war lange umstritten

Wenn Mensch und Bär aufeinandertreffen, ist das ein Fall für die Polizei. Die verwendete Deformationsmunition ist in der Schweiz seit drei Jahren im Einsatz.

Auf diesem Bild ist Finns schwere Verletzung gut zu sehen. (zvg)

Auf diesem Bild ist Finns schwere Verletzung gut zu sehen. (zvg)

«Das Sicherheitspositiv ist ein dickes Dokument», sagt Bernd Schildger, Direktor des Bärenparks und des Tierparks Dählhölzli. Darin seien Hochwasserszenarien enthalten, was zu machen sei, wenn ein Fahrzeug in den Bärenpark falle oder ein Bär von einer Schiebetür eingeklemmt werde. Nur einer von vielen Notfällen sei, dass Mensch und Bär im Bärenpark aufeinandertreffen. Im Fall vom Samstag, als ein geistig behinderter Mann aus noch ungeklärten Gründen in den Bärenpark eindrang, gebe es nur eine richtige Handlung: die Polizei alarmieren. Denn wenn sich jemand im Bärenpark befinde, also nicht im Schutzraum entlang den Mauern, schwebe die Person in Lebensgefahr, sagt Schildger. Das sei ein Fall für die Polizei. «Das Wichtigste ist die Alarmierung, was nachher geschieht, ist situationsabhängig», sagt auch Reto Nause, Sicherheitsdirektor der Stadt Bern. Doch Nause hält zugleich fest: Gegen diesen Fall komme kein Konzept an. Wenn durch einen Unfall jemand in den Bärenpark falle, könnten normalerweise Anweisungen gegeben werden, welche die Person auch befolge. «Der Mann ist aber auf den Bären zugegangen, statt sich auf den Boden zu legen.»

Keine Dum-Dum-Munition

Die Polizei gab einen Schuss auf Bär Finn ab. Ein schwieriger Entscheid, aber genau der richtige, sagt Schildger. Auch dass die Polizei und nicht sonst jemand auf den Bären schoss, sei richtig. Die Securitas ist nicht bewaffnet und der Bärenwärter könne nicht auf das Tier schiessen. Ein Bärenwärter habe das Schiessen nicht geübt und würde sehr nervös, wenn er auf sein eigenes Tier schiessen müsste. Um auf einen Bären zu schiessen, müsse jemand «völlig nüchtern» sein, sagt Schildger.

Die Polizei schoss mit einer Maschinenpistole und Deformationsmunition auf den Bären. Dum-Dum-Geschosse sind laut Haager Konvention verboten, deshalb war auch die Einführung der Deformationsmunition in der Schweiz vor drei Jahren umstritten. Die Deformationsmunition, die von der Kantonspolizei Bern flächendeckend eingesetzt wird, unterscheide sich aber grundsätzlich von der geächteten Dum-Dum-Munition. Die Energie des Geschosses sei sechs Mal geringer, wenn sie mit einer Pistole statt einem Gewehr verschossen werde, heisst es beim Institut für Rechtsmedizin (IRM). Die Munition teile sich nicht, sondern dehne sich von 9 auf ungefähr 11 Millimeter aus. Laut Kantonspolizei handelt es sich beim Vorgang um ein «Aufpilzen». Vorteil gegenüber der vorgängigen Vollmantelmunition sei, dass sie nicht mehr aus einem Körper austrete. Mit der alten Munition war es laut IRM theoretisch möglich, mit der gleichen Kugel hintereinander drei Personen zu treffen. Die Verletzung durch die Deformationsmunition, auch Mann-Stopp-Munition genannt, sei aber viel grösser und wirkungsvoller, sagt Polizeisprecher Franz Märki. Möglich sei zudem, dass das Geschoss einen Knochen des Bären getroffen habe und dieser dadurch zersplitterte.

Securitas war nicht vorgesehen

Dass die Securitas am Bärenpark vor Ort war und deshalb so schnell alarmieren konnte, ist nicht selbstverständlich. «Die Securitas war ursprünglich nicht vorgesehen», sagt Schildger. Weil aber so viele Besucher in den Bärenpark strömten – bisher waren es über 150 000 – und der Paradigmenwechsel des Fütterungsverbots möglichst rasch durchgesetzt werden musste, wurde die Securitas beigezogen. Um zu entscheiden, ob nach dem Vorfall weitere Sicherheitsvorkehrungen angezeigt seien, wolle man die polizeilichen Ermittlungsergebnisse abwarten, sagt Nause. Bauliche Massnahmen würden aber schnell Hunderttausende von Franken kosten, und mehr Personal würde auch im Widerspruch stehen mit dem stadträtlichen Auftrag, der Betrieb des Bärenparks dürfe nichts kosten. (ba)

Der Bund

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