Mühleberg-Gegner kritisieren Erdbeben-Sicherheit als ungenügend

Auch gegen mittlere Erdbeben sei das AKW ungenügend gerüstet, kritisieren AKW-Gegner. Die Nuklearaufsicht hat Verbesserungen verlangt.

Warnschild vor dem AKW Mühleberg. (Franziska Scheidegger)

Warnschild vor dem AKW Mühleberg. (Franziska Scheidegger)

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Die BKW zeigte am Donnerstag, welche Sicherheitssysteme bei Extremereignissen die Kühlung des Reaktors gewährleisten und Katastrophen wie in Japan vermeiden sollen. Gerade die umgekehrte Sichtweise nehmen die Beschwerdeführer ein, die vor Gericht gegen eine unbefristete Betriebsbewilligung für Mühleberg ankämpfen: Sie verweisen darauf, welche Systeme bereits bei einem Erdbeben, das sehr viel schwächer wäre als jenes in Japan, ausfallen würden.

Eine Auflistung der ausfallenden Systeme findet sich in der «Sicherheitstechnischen Stellungnahme» der Atomaufsicht zur periodischen Sicherheitsüberprüfung (PSÜ) für Mühleberg von 2007. Und sie ist beeindruckend lang. Bei dem angenommenen sogenannten Auslegungserdbeben würde zum Beispiel das Kühlsystem für das Brennelementbecken ausfallen. Aber auch: das Reaktorumwälzsystem, das Kernsprühsystem, das Containment-Rückpumpsystem, die Notstromversorgung vom Wasserkraftwerk Mühleberg her – und so weiter. Insgesamt würden gemäss der Tabelle im Bericht der Nuklearaufsicht 17 von 37 Systemen ausfallen – darunter auch die Einspeisung vom Wasserhochreservoir.

«Mühleberg ist baugleich mit dem Unglücksreaktor Fukushima», betont Mühleberg-Gegner Jürg Aerni, «verglichen mit neueren AKW sind diese alten Reaktoren bei den Sicherheitssystemen unterdotiert.»

«Störanfällige Notgeneratoren»

Auf Anfrage verweist Georg Schwarz, der stellvertretende Direktor des Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorats (Ensi), wie die BKW auf das System Susan, das speziell für Extremsituationen gebaut wurde: «Susan ist erdbebensicher und würde auch eine Überflutung überstehen.» Dabei handelt es sich um eine Kopie des Reaktorsicherheitssystems mit eigenem Kommandobunker. «In Susan sind die Sicherheitssysteme zudem mehrfach vorhanden», betont Schwarz. Er verweist zum Beispiel auf die zwei Dieselgeneratoren, welche die Wasserpumpen des Kühlkreislaufs antreiben würden, wenn die reguläre Stromversorgung ausfalle würde.

«Dieselgeneratoren sind störanfällig», kritisiert dagegen Aerni. Auch der Nuklearexperte Walter Wildi, der ehemalige Präsident der früheren Kommission für die Sicherheit von Atomanlagen (KSA), wies kürzlich auf Mängel bei der Notstromversorgung hin. «Es gibt immer wieder Testläufe in den Schweizer KKW, in welchen diese Systeme nicht funktionieren», erklärte er gegenüber der «Aargauer Zeitung».

Schwarz vom Ensi räumt ein, dass die Generatoren in Tests «ab und zu nicht funktionieren». Die Wahrscheinlichkeit, dass gleich beide Generatoren ausfallen würden, sei jedoch «sehr klein und Teil des gesetzlich tolerierten Restrisikos». Aerni bestreitet dies: «Das Ensi verlangt in seinen eigenen Richtlinien drei Systeme.»

Erdbebenrisiko unterschätzt

Die Tabelle mit der Liste der Systeme, die ausfallen würden, basiert zudem auf zu schwachen Erdbeben. Denn 2007 hat die sogenannte Pegasos-Studie gezeigt, dass das Erdbebenrisiko in der Schweiz grösser ist als bisher berechnet. Unterschätzt wurden laut Schwarz weniger die starken, sondern die mittleren Erdbeben. Vor allem weil diese sich auch ausserhalb der bekannten Störungszonen überall in der Schweiz ereignen können – auch an AKW-Standorten.

Lange Pendenzenliste

Beim Ensi sind etliche Berichte der BKW zu Sicherheitsfragen «in Bearbeitung» – also noch ungeprüft. Viele davon beziehen sich ganz oder teilweise auf das Erdbebenrisiko. «Die BKW hat die Berichte verspätet eingereicht», betont Schwarz. Bussen oder andere Sanktionen habe die BKW aber deswegen vom Ensi nicht erhalten, sagt Schwarz: «Dies ist in der Schweiz gesetzlich nicht vorgesehen.» Das Ensi hat von den Betreibern Verbesserungen der Erdbebensicherheit gefordert, gewährt ihnen dafür aber lange Umsetzungsfristen.

Wann also entspricht die Erdbebensicherheit der AKW dem Erkenntnisstand der Pegasos-Studie? «Wir benötigen noch rund fünf Jahre», antwortet Schwarz. Als «beängstigend» empfindet Mühleberg-Gegner Aerni das gemächliche Tempo von Betreibern und Ensi: «Bei der Erdbebensicherheit befinden wir uns im Blindflug, obwohl die Erkenntnisse seit 2007 vorliegen.» (Der Bund)

Erstellt: 18.03.2011, 07:50 Uhr

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