Morgen ist Belpberg Geschichte

Mit der Fusion von Belp und Belpberg verschwindet eine weitere Berner Gemeinde. Der Gemeindepräsident und sein Onkel – der eine Befürworter, der andere Gegner der Fusion – schauen zurück und nach vorne.

Unterschiedliche Auffassungen zur Fusion: Ernst Messerli (links) diskutiert im Schulhaus Belpberg mit seinem Neffen Fritz Tschirren.

Unterschiedliche Auffassungen zur Fusion: Ernst Messerli (links) diskutiert im Schulhaus Belpberg mit seinem Neffen Fritz Tschirren.

(Bild: Thomas Reufer)

Adrian M. Moser@AdrianMMoser

Noch ein Tag, dann ist sie Geschichte, die Gemeinde Belpberg. Man sieht es ihr nicht an, eine Woche zuvor, an einem verschneiten Vormittag. Die verstreuten Bauernhöfe stehen da wie immer. Vor dem Schulhaus tollen die Kinder im Schnee herum. Dies wird auch im nächsten Jahr so sein – viel ändert sich vorerst nicht. Und doch sind nicht alle glücklich mit der Fusion. Einige fürchten, im grossen Belp vergessen zu gehen. Nichts mehr zu sagen zu haben. Oder gar zum Naherholungsgebiet degradiert zu werden. Andere sehen die Vorteile, loben Belps tiefe Steuern, machen auf die überlastete Gemeindeschreiberei aufmerksam. Sie, die anderen, stellten an allen Gemeindeversammlungen die überwältigende Mehrheit, an denen über die Fusion abgestimmt wurde. Deshalb gehören Hofstetten, Neuhus, Oberhüseren und wie die Weiler alle heissen ab morgen zur Gemeinde Belp.

Fritz Tschirren, Belpbergs Gemeindepräsident (parteilos), wird deswegen nicht sentimental. «Nein, ich bin nicht wehmütig», sagt er. «Ich bin ein Realist. Ich habe gewusst, dass die Fusion kommt, und jetzt ist es so weit. Mir macht es nichts aus, etwas gehen zu lassen.»Tschirren sitzt an einem Tisch im Schulhaus, in jenem Saal, in dem am 12. Dezember die letzte Belpberger Gemeindeversammlung stattgefunden hat. Ihm gegenüber hat Ernst Messerli Platz genommen. Messerli ist Tschirrens Onkel. «Ich war immer gegen die Fusion», sagt Messerli. «Ich kann nicht verstehen, dass man diese Gemeinde auflöst.» Er sei jetzt 70, ihm könne das eigentlich egal sein, irgendwie gehe es ja so oder so weiter. Aber er finde es schade, dass man es den künftigen Generationen verwehre, hier oben Politik zu betreiben. «Belp ist eine Stadt», sagt er. «Belpberg hat nur 400 Einwohner, da hat nach der Fusion niemand mehr etwas zu bestellen.» Von einer Fusion könne man eigentlich gar nicht sprechen. «Es ist einfach ein Anschluss an Belp.»

Nur acht Leute dagegen

Es war der 2. Dezember 2010, als die Gemeindeversammlungen von Belp und Belpberg über Fusionsvertrag und -reglement abstimmten. 125 Personen – nur gerade 1,7 Prozent der Stimmberechtigten – kamen ins Dorfzentrum Belp, um beides einstimmig gutzuheissen. In Belpberg waren es 99, fast ein Drittel der Stimmberechtigten, die ins Schulhaus kamen. Oben auf dem Berg gab die Fusion denn auch mehr zu reden als unten im Tal. Ein letztes Mal beschworen die Fusionsgegner ihre Mitbürger: Die Schule könnte geschlossen werden, die Belpberger würden nichts mehr zu sagen haben nach dem Zusammenschluss. Genützt hat es nichts. Nur acht Leute stimmten gegen den Vertrag, gar nur zwei gegen das Reglement.

Er wisse von vielen, vor allem älteren Belpbergern, dass sie gegen die Fusion seien, sagt Ernst Messerli. Weshalb er an der Versammlung nicht mehr Unterstützung erfahren hat, kann er nicht erklären. An die Gemeindeversammlungen von Belp werde er nicht gehen, sagt er. «Ich mag mir nicht anhören, wie die bis mitten in der Nacht darüber debattieren, wo sie nun schon wieder Land zum Überbauen einzonen wollen.» Er lässt das Argument nicht gelten, wonach die Belpberger, an deren Gemeindeversammlungen regelmässig über 50 Personen teilgenommen haben, in Belp doch einiges zu sagen hätten, wenn sich weiterhin so viele beteiligten. «Die Belpberger gehen nach Belpberg an die Gemeindeversammlung, nach Belp nicht.»

Der Einfluss der Belpberger werde schwinden nach der Fusion, räumt Fritz Tschirren ein. «Aber wir sind nun alle Belper», sagt er. «Wenn wir uns organisieren und einbringen, wenn wir ein Anliegen haben, ist vieles möglich.» Dann betont er noch einmal, weshalb die Fusion gut sei für Belpberg: Die Steuern sinken von 1,69 auf 1,34 Einheiten, die meisten Gebühren sinken ebenfalls. Die Gemeindeschreiberei platze längst «hoffnungslos aus allen Nähten». Und zudem sei es für eine derart kleine Gemeinde «eine Riesenbelastung», eine eigene Verwaltung aufrechterhalten zu müssen.

Schule und Feuerwehr bleiben

Die Gemeindeverwaltung – seit je ein Einmannbetrieb – ist der einzige Ort, wo die Fusion in Belpberg personelle Konsequenzen nach sich zieht. Gemeindeschreiber Werner Strasser wird zwar per 1. Januar von der Gemeinde Belp angestellt, drei Monate später, mit 63 Jahren, aber frühzeitig pensioniert. Die Schule hingegen bleibt bestehen, ebenso die Feuerwehr. Sie wird als «Löschzug Belpberg» in die Feuerwehr Belp integriert.

Mit dem Zusammengehen der beiden Gemeinden wächst der Belper Gemeinderat vorübergehend auf acht Mitglieder an – Fritz Tschirren wird Belpberg bis zu den Wahlen im nächsten Herbst im Belper Gemeinderat vertreten. Belp habe gewünscht, dass er die Belpberger Vertretung im Belper Gemeinderat übernehme, sagt er.

An der Gemeindeversammlung Mitte Dezember habe es dann aber doch noch «hurti» eine Wahl gegeben. Ein Versammlungsteilnehmer hat Vizegemeindepräsident Christoph Marti vorgeschlagen, Tschirren setzte sich aber mit 26 zu 14 Stimmen durch.

Er gehe nicht davon aus, dass er in Belp allzu viel werde bewirken können, sagt Tschirren. Vor allem gehe es darum, umzusetzen, was Belpberg bereits beschlossen habe. In erster Linie steht noch die Asphaltierung einiger Strassen an. Ausserdem übernimmt die Gemeinde gewisse Strassen, die bisher privat waren. Auf die Frage, ob er auch nach den Wahlen 2012 noch im Belper Gemeinderat sitzen wolle, sagt Tschirren: «Es ist öppe klar, dass ich bei den Wahlen null Chancen haben werde.» Womöglich lasse er sich dennoch aufstellen, das sei aber noch nicht sicher.

Am 23. Dezember hat Fritz Tschirren im Beisein des stellvertretenden Regierungsstatthalters Peter Blaser die Belpberger Gemeindeakten offiziell an den Belper Gemeindepräsidenten Rudolf Neuenschwander (SP) übergeben. Damit ist das Formelle erledigt. Morgen lädt Belp die Belpberger zu einem Willkommenstrunk auf dem Kreuzplatz ein. Fritz Tschirren rechnet mit einigen Dutzend Belpbergern. Ernst Messerli wird nicht unter ihnen sein.

Der Bund

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