«Mit Selektion gibt es keine humane Schule»

Der Lehrer und Autor Paul Michael Meyer über «gute Schulen», Noten und Schafe.

Paul Michael Meyer, Lehrer und Hobbybauer, bei der Klauenpflege einer seiner Skudden. (Adrian Moser)

Paul Michael Meyer, Lehrer und Hobbybauer, bei der Klauenpflege einer seiner Skudden. (Adrian Moser)

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Paul Michael Meyer spricht leise und wählt seine Worte mit Bedacht. «Lehrer ist der faszinierendste Beruf, den es gibt», sagt er. Aber es werde zunehmend unangenehm, in diesem Spannungsfeld widersprüchlicher Erwartungen zu arbeiten. «Jeder spürt den diffusen Druck, der auf allen lastet.» Doch Schule als ständige Feuerwehrübung, «abgelöschte» Schüler und «ausgebrannte» Lehrer, das müsste aus seiner Sicht nicht sein. Meyer hat exakte Vorstellungen davon, wie eine «gute» Schule aussehen sollte: Dem Lernenden müsse «Autonomie zum Aneignen von Wissen und Fertigkeiten» gewährt werden, denn «Erklären macht denkfaul», und sowieso sei gesagt noch nicht gehört, gehört noch nicht verstanden und verstanden noch nicht umgesetzt. Schule müsse «erlebbar» sein, alternativ zur «Entsinnlichung des Alltags». Die Lehrerbildung solle nicht primär fachkompetente Dozenten hervorbringen, sondern Pädagogen, die Schüler unterrichten und nicht nur Fächer, lernende Lehrende seien gefragt statt erhabener Besserwisser, die so mühelos Vektoren berechnen, dass sie das Verständnis verlieren für Schüler, bei denen es schon bei «Mal» und «Durch» anstellt.

Selektionsfreie Volksschule

Ein grosses Übel sieht Meyer in der Selektion – er fordert eine selektionsfreie Volksschule nach finnischem Modell. «Es kann keine humane Schule geben, wenn wir nicht auf Selektion verzichten.» Auch die Zusammenarbeit mit den Eltern wäre entspannter und konstruktiver, wenn nicht stets das Damoklesschwert der Qualifizierung für die nächste Schulstufe über ihnen schweben würde, ist Meyer überzeugt. Statt Schulnoten würde er detaillierte Kompetenzraster einführen, kombiniert mit einem Portfolio, in dem beispielsweise schöne Zeichnungen oder gute Arbeiten eines Schülers gebündelt wären. Denn der Leistungsausweis eines Schülers sollte zeigen, was dieser erreicht habe, und nicht auf die Defizite fokussieren.

Auch Harmos kann Meyer nicht viel abgewinnen: «Das führt nur zu noch mehr Diktat von oben.» Er fordert: «Jede Schule sollte für sich ein massgeschneidertes Modell entwickeln dürfen. Nur hausgemachte Lehrpläne taugen etwas. Alles andere ist Makulatur.» Sowieso: Er habe «die ewigen Strukturdiskussionen bis hier», sagt er und hebt seine Hand weit über die buschigen Augenbrauen.

«Eine gute Klasse ist ein Biotop»

Meyer ist überzeugt, dass Kinder in einer altersgemischten Klasse am meisten profitieren: «Eine gut funktionierende Klasse ist ein Biotop.» Eine Mischklasse verlassen jedes Jahr einige Schüler, andere stossen dazu. «So müssen sich die Kinder immer wieder auf neue Mitschüler einstellen, ohne dass dabei das ganze Klassengefüge durcheinandergerät.» Jahrgangsklassen seien dagegen eher wie ein Fluss in einem schnurgeraden Kanal. Die Schüler hätten aufgrund der starren Konstellationen kaum die Chance, aus einer Rolle zu wachsen. «Wer schon in der ersten Klasse das Schlusslicht war, wird es in der sechsten wahrscheinlich immer noch sein.» Ein Schulzimmer soll die «natürliche Vielfalt» widerspiegeln: Ältere und Jüngere, Hochbegabte und Lernschwache, Türken und Schweizerinnen. Viertklässler, die Abc-Schützen in Mathe helfen und dabei auch für sich repetieren. Er habe als Lehrer von Mischklassen kaum je einem Kind das Lesen beigebracht, sagt Meyer, «das haben stets ältere Schüler übernommen». Heute müsse die Schule in erster Linie Sozialkompetenz, Selbstsicherheit und Verantwortungsgefühl vermitteln.

«Öffentliches Nachdenken»

Das Veröffentlichen seines Buches sei ein «öffentliches Nachdenken». Um Anerkennung gehe es ihm nicht mehr, dafür sei er zu alt, das müsse man ihm glauben. Seit eineinhalb Jahren ist Meyer frühpensioniert. Er übernimmt zwar noch regelmässig Stellvertretungen, aber nur noch an Schulen, die ihm entsprechen. Daneben schreibt er, bewirtschaftet seinen Bio-Garten oder kümmert sich um seine Skudden, die «schönsten Schafe, die es gibt». Der Frührentner lebt mit den Seinen «praktisch selbstversorgend» und bewohnt ein Minergiehaus. Denn sein Anspruch geht über nachhaltige Pädagogik hinaus: ein nachhaltiges Leben. (Der Bund)

Erstellt: 13.11.2009, 08:17 Uhr

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