Hintergrund

Mit Romeo fit fürs Berufsleben

In der Schule Schwabgut erleben Schülerinnen und Schüler Theaterspiel als eine Schule des Lebens. Solche Projekte will Erziehungsdirektor Bernhard Pulver mit «Bildung und Kultur» künftig fördern. Heute entscheidet der Grosse Rat darüber.

Durch das Theaterspielen merken die Schüler: «Ich habe was zu sagen!» Davon ist die Psychologin Regula Mentha überzeugt. (Valérie Chételat)

Durch das Theaterspielen merken die Schüler: «Ich habe was zu sagen!» Davon ist die Psychologin Regula Mentha überzeugt. (Valérie Chételat)

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«Standing» ist gefragt. «Gerade stehen, nicht den Bauch vorschieben und nicht die Knie durchdrücken, sonst rutscht das Zwerchfell nach oben und ihr verliert Stimmkraft. Und ihr wollt doch gehört werden, bis in die letzte Reihe», sagt Aneke Herrmann. Die Schauspielerin probt mit Schülerinnen und Schülern der Schule Schwabgut Shakespeares «Romeo und Julia». Ein Dutzend Jugendliche aus verschiedenen Klassen hat sich zum Training in der Aula versammelt. Nach ein paar Minuten Gekicher herrscht stille Konzentration, die über die Probe hinaus wirkt: «Ich bin nach den Proben oft konzentrierter», sagt Julia-Darstellerin Haoras.

«Das Theater macht mich selbstbewusster», sagt Kausigan, der den Romeo spielt. Überzeugendes Auftreten wird im Arbeitsleben immer wichtiger. Durch das Theaterspiel gewinnen Jugendliche innere Sicherheit, ist die Psychologin Regula Mentha überzeugt: «Die Schüler lernen vor anderen zu sprechen und merken: Ich habe etwas zu sagen, ich kann durch Sprechen etwas bewirken.» Seit 1998 gestalten Regula Mentha und Aneke Herrmann unter dem Namen «Spielart» an der Schule Schwabgut Kulturprojekte. Oft kooperieren sie mit Gastkünstlern wie dem Tänzer Marcel Lehmann oder dem Aktionskünstler San Keller. «Romeo und Julia» ist ihr bisher ehrgeizigstes Projekt. 146 Jugendliche aus den Klassenstufen 5, 6 und 9 spielen in mehreren Besetzungen. Die Aufführungen finden Mitte Juni statt, zum 50-Jahr-Jubiläum der Schule.

Bereicherung oder Freizeitspass?

«Das Theaterspiel bietet den Schülern eine wunderbare Möglichkeit, sich selber zu begegnen und spielerisch auf andere zuzugehen», sagt Schulleiterin Ruth Bielmann. Soziale Fähigkeiten werden im Berufsleben wichtiger, gefordert sind sie auch in der Schule. Im Schwabgut haben 93 Prozent der Schüler einen Migrationshintergrund. Die Schulleiterin unterstützt «Spielart» aus Überzeugung: «Die Projekte machen den Kindern Mut und fördern eine bessere Lernkultur.» Dabei ist ein Grossprojekt wie «Romeo und Julia» auch anstrengend. Geprobt wird in der Schulzeit. Das bedeutet Abstimmung unter den Lehrern und Organisation von Nachholmöglichkeiten für versäumten Unterricht. Nicht alle Lehrer engagieren sich im Kulturprojekt der Schule. Auch einige Eltern halten Theater eher für einen Freizeitspass, der wenig Nutzen bringt.

Lehrer Samuel Schärrer hat erlebt, wie Theater jene Lust am Lernen weckt, die zwar jedem Kind gegeben ist, doch in der Schule oft erlischt. Seine 9. Realklasse ist in das Theaterprojekt involviert. Auf der Bühne sprechen die Schüler eine moderne Textfassung. Im Unterricht wollten sie auch die Originalübersetzung von August Wilhelm Schlegel lesen. «Von mir aus hätte ich ihnen das nie zugemutet», sagt Schärrer.Das berühmte Shakespeare-Drama um zwei Liebende, die nicht zueinanderfinden können, weil ihre Sippen tief verfeindet sind, regt zudem Diskussionen um Cliquengeist und Gesellschaftskonflikte, Liebe und Zwangsheirat an, Themen, die den Jugendlichen nahe sind. Nicht nur bei der Wahl der Lektüre zeigen die schauspielernden Schüler Mut. Lehrer Schärrer freut sich besonders über eine Schülerin, die bisher wenig Vertrauen in ihre Fähigkeiten gezeigt hatte. Durch das Theaterprojekt belebt, hat sie sich aus eigenem Antrieb eine Schnupperlehre organisiert.

Hilfreiche Als-ob-Welt

Durch kulturelles Erleben Lernmotivation und Selbstvertrauen zu fördern, gehört zu den Leitideen des Vereins MUS-E, der die «Romeo und Julia»-Inszenierung finanziert. Von Yehudi Menuhin und Werner Schmitt 1993 in Bern gegründet, organisiert MUS-E in 16 Ländern die Arbeit professioneller Kulturschaffender an Schulen. Mit dem Theaterprojekt am Schwabgut fördert MUS-E erstmals ein Projekt auf Sekundarstufe. Erziehungsdirektor Bernhard Pulver macht sich mit seinem Programm «Bildung und Kultur» dafür stark, dass die Kulturvermittlung an den Schulen im Kanton Bern stärker gefördert wird (siehe Kasten). Der Grosse Rat wird voraussichtlich heute darüber entscheiden, in welchem Umfang Berner Schüler künftig an Kulturprojekten teilhaben können.

Die Schüler im Schwabgut schätzen die Möglichkeit, auf der Bühne ein anderes Lernen zu erfahren. Sruthy und Michela, beide proben für die Julia, gefällt vor allem, gemeinsam mit anderen etwas zu entwickeln, und die Möglichkeit, in eine andere Rolle zu schlüpfen. Die Als-ob-Welt der Bühne kann dabei auch helfen, Konflikte zwischen den Schülern zu entschärfen. «Wenn ich mich in der Schule gewalttätig verhalte, hat das Konsequenzen», sagt Regula Mentha. «Wenn ich Romeos Widersacher Tybalt spiele, kann ich Aggressivität ausdrücken, ohne anderen zu schaden.» (Der Bund)

Erstellt: 30.03.2011, 07:39 Uhr

SVP, FDP und EDU wollen «Bildung und Kultur» ablehnen

«Wir gehen mit viel Begeisterung hinter dieses Projekt», sagte Bernhard Pulver, als er 2009 «Bildung und Kultur» erstmals vorstellte.

Unterdessen mag die Begeisterung geschwunden sein. Mehrmals musste der grüne Erziehungsdirektor das Kulturvermittlungsprojekt redimensionieren, um es mehrheitsfähig zu machen.

Heute besiegelt der Grosse Rat nun voraussichtlich das Schicksal des Programms und entscheidet über einen Kredit von 6,2 Millionen Franken für die Jahre 2011 bis 2014. Obschon die Kosten gegenüber dem letzten Anlauf um fast die Hälfte reduziert worden sind, ist der Widerstand nach wie vor gross. SVP, FDP und EDU wollen aus Spargründen den Kredit ablehnen.

Sollte dieser Antrag scheitern, will die FDP die Kosten zumindest weiter reduzieren – auf 2,5 Millionen Franken. Dies entspräche dem Beitrag aus dem Lotteriefonds. Noch im September hatte die FDP einem abgespeckten Projekt ihre Unterstützung zugesagt. «Die guten Ideen sollen in reduziertem Umfang verwirklicht werden», sagte Grossrat Christoph Stalder damals.

«Bildung und Kultur» umfasst jetzt noch drei Massnahmen. Kernstück sind zwei verschiedene Gutscheine, um die sich alle Schulklassen bewerben können. Einer im Wert von maximal 800 Franken soll es den Schulen ermöglichen, eigene Kulturprojekte wie Theater oder Konzerte zu realisieren.

Mit dem anderen Gutschein werden der Klasse die Reisekosten für den Besuch eines Kulturangebots im Kanton Bern finanziert. Das aktuelle Budget sieht vor, dass pro Jahr ein Sechstel aller Schulklassen in den Genuss eines solchen Gutscheins kommt.

Realisiert werden soll ausserdem eine Internetplattform, die Übersicht über alle geeigneten Kulturangebote im Kanton bietet. Schliesslich sollen auch sogenannte MusE-Klassen gefördert werden, in denen professionelle Künstler regelmässig mit den Kindern arbeiten.

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