«Mir schossen die Tränen in die Augen»

Das Gasterntal im Berner Oberland wurde durch das Hochwasser regelrecht in Schutt gelegt. Auf dem Landweg von der Aussenwelt abgeschnitten, ist die Gegend nur noch per Helikopter erreichbar. Der «Bund» flog hin und sprach mit Betroffenen.

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Bergwälder, Auen und Weiden säumten im Gasterntal bis vor wenigen Tagen die Kander – den Bergbach, der oberhalb von Heimritz am Kanderfirn entspringt. Heute ist davon nichts mehr zu sehen. Grosse Teile der prächtigen Wälder wurden von gigantischen Murgängen mitgerissen. Die Auen und Weiden sind nur mehr ein Feld aus Steinen und meterhohem Schutt. Das Leben ist verschwunden aus dem Tal. Nur die Spuren des Jahrhunderthochwassers sind geblieben – und Patrick Stauffer.

Aufgeschreckt durch das Rattern des Helikopterrotors, tritt Stauffer auf die Terrasse des Gasthauses zum Gletscher in Heimritz. Besucher kann der 38-Jährige seit Montag keine mehr empfangen im 1632 Meter über Meer gelegenen Gasthaus, in dem er seit sechs Jahren im Sommer aushilft. Der Wegweiser unweit des Hauses zeigt zwar nur 15 Minuten an bis zur Bushaltestelle nach Selden, dem nächsten Weiler talabwärts. Aber der Weg dorthin ist nicht mehr. Die geteerte Strasse, die sich vom Taleingang bei Kandersteg bis nach Heimritz – dem hintersten bewohnten Winkel im Gasterntal – schlängelte, wurde durch die Flut aus Wasser, Schutt und Geröll regelrecht weggerissen. Vereinzelt mag man aus dem Helikopter den einstigen Verlauf noch erahnen. Wirklich erkennen lassen sich nur noch einzelne Bruchstücke.

Tiere durch Armee ausgeflogen

«Beim Anblick sind mir die Tränen in die Augen geschossen», sagt Stauffer. Erst am Tag nach dem Unglück ist es ihm gelungen, sich bis zum Gasthaus durchzuschlagen. Zu Fuss durch das Unterholz. Vorgefunden hat er ein Bild der Verwüstung. Der etwas unterhalb des Hauses gelegene Ziegenstall wurde weggeschwemmt, ebenso der Hühnerstall. «Die Hühner konnten nicht gerettet werden», erzählt Stauffer. Gerade noch rechtzeitig konnte Familie Rauber, die den urchigen Gasthof seit Jahrzehnten führt, am Montag Geissen und Kälber aus dem Stall holen. «Ihnen ist nichts passiert. Sie wurden gestern durch die Armee ausgeflogen.» Die meisten zumindest. Beim Überflug erspähen wir vier weisse Ziegen. Zusammengedrängt auf einem kleinen Stück Grasland. Dem einzigen weit und breit zwischen Tannen, Steinen und metertiefen Gräben.

«Es ist unfassbar»

Schlimm steht es um den Kuhstall der Raubers. Erst vor zwei Jahren neu gebaut, steht er fast bis zum Dachgiebel im Schlamm. Da, wo die Weide war, bahnt sich jetzt die Kander ihren neuen Weg ins Tal. 20 Meter neben dem angestammten Bachbett. Denn dieses ist komplett aufgeschüttet. Wie hoch sich das Geröll türmt, lässt sich am letzten noch standhaften Telefonmast ablesen, knapp zehn Meter vom Haus weg. Dieser ragt nur noch knapp drei Meter aus dem Boden. «Es ist unfassbar, was da alles den Berg runtergekommen ist», sagt Stauffer. Riesige Brocken seien wie Kieselsteine den Hang hinuntergerollt. Eine Szenerie, die sich fast drei Stunden hingezogen habe. Über Funk habe man am Montagvormittag noch versucht, Hilfe aus dem Tal anzufordern. Die entsandte Feuerwehr blieb aber auf halbem Weg stecken – schon kurz nach dem Funkspruch gab es für die Rettungskräfte kein Durchkommen mehr. Die Strasse war bereits weg.

Weg sind mittlerweile auch die meisten anderen der rund fünfzehn Bewohner, die in den Sommermonaten ständig im Tal leben. Sie wurden ausgeflogen – unversehrt. Ob dem Bild, das sich bietet, scheint das wie ein Wunder. Glücklicherweise blieben alle drei Gasthäuser und das Berghaus Gfellalp vom Wasser verschont. Wie es weitergehen soll, ist aber dennoch unklar. «Wir sind abgeschnitten. Wir haben weder via Telefon noch über Funk oder Mobilfunk Kontakt zur Aussenwelt, und die Wasserversorgung ist zusammengebrochen», sagt Stauffer. Die Quelle, die das Trinkwasser für das Gasthaus in Heimritz sichergestellt hat, ist unbrauchbar. Das geschlagene Brennholz wurde weggeschwemmt. Die meisten der zahlreichen Brücken im Tal sind zerstört. «So etwas hätte ich mir nicht träumen lassen», sagt Stauffer.

Evakuierung angeordnet

Per Helikopter geht es wieder talabwärts nach Kandersteg. Neben der Talstation Sunnbüel – dort, wo die Kander vom Gasterntal ins Kandertal einbiegt – kämpfen die Bewohner ebenfalls mit den Folgen des Hochwassers. Als Schutt und Schwemmholz den Durchlauf der Betonbrücke beim Restaurant Kander und Alpstübli verstopften, bahnten sich die Wassermassen den Weg des geringsten Widerstands: über die Strasse und durch den Schopf von Bruno Schneuwly. Sein im November 2010 bezogenes Wohnhaus wurde umspült. Um die Mittagszeit ist er am Montag nach Hause geeilt, nachdem er von dem dramatischen Anstieg der Kander gehört hatte. Nur Stunden später wurden er und seine Frau per Helikopter evakuiert. Die Einsatzkräfte erachteten es als zu gefährlich, wenn Schneuwlys weiterhin im Haus ausharrten.

Das Fundament hat – anders als die stark unterspülte Strasse – dem Hochwasser allerdings standgehalten. Auch sonst seien am Wohnhaus wenig Schäden zu beklagen. Einzig das Untergeschoss sei vollgelaufen, so der 50-Jährige. Weniger gut steht es um das Hab und Gut, das die Familie im Schopf untergestellt hatte. In einer ersten Aufräumaktion hat Schneuwly mit Schaufel und Hochdruckreiniger einen Kühlschrank, Skischuhe und Altpapier aus dem meterhohen Schlamm zutage gefördert. Von seinen Maschinen und Werkzeugen fehlt bisher jede Spur. Gestern habe jemand angerufen aus dem Dorf, der einen der fehlenden Gartenstühle wiedergefunden habe. Ein kleiner Lichtblick für Schneuwlys, die bereits 2005 vom Unwetter betroffen waren. Aber wichtig sei jetzt erst mal, dass er Heizung und Warmwasser wieder in Gang bringe, meint Bruno Schneuwly. Denn weggehen und aufgeben kommt für die Familie nicht infrage – wie wohl für niemanden hier.

Der Bund

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